Oliver Koppel vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

Oliver Koppel vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

PL-WARSCHAU (sm). Deutschland steht langfristig unter keinem guten Stern. Das Land dürfte sein Fachkräfteproblem, das die Wirtschaft pro Jahr mit Einbußen in Milliarden Euro-Höhe belastet, kaum schnell in den Griff bekommen. Grund: Die Initiativen der Bundesregierung, in Ost- und Mitteleuropa verstärkt Ingenieure und andere Spitzenarbeitskräfte anzuwerben, werden nur wenig von Erfolg gekröhnt sein. Das ergibt sich aus den Aussagen der Deutschen Außenhandelskammern (AHK), die Produktion befragt hat.

Sämtliche Länder, die als Anwerbungsort in Frage kommen, haben selbst ein Fachkräfteproblem und sind kaum bereit, ihre Spezialisten gehen zu lassen. Meistens sind die Ingenieure aus persönlichen Gründen wenig gewillt, ins Ausland zu gehen. Und finanzielle Anreize kann ihnen Deutschland auch nicht bieten, weil sie für einheimische Verhältnisse gut verdienen. Eine Anwerbung wäre für die Deutschen nur mit spürbaren Kosten verbunden, so das Fazit. Außerdem hat das Land ein Problem mit dem Image. Deutschland gilt schon lange nicht mehr als Arbeitsparadies, in das man unbedingt übersiedeln muss.

“Mit einem Umzug nach Deutschland wäre für die Tschechen ein erheblicher finanzieller und organisatorischer Aufwand verbunden”, erklärte der Sprecher der DTIHK in Prag, Hannes Lachmann. Das Lohnniveau in Tschechien gleicht sich seinen Aussagen zufolge dem deutschen immer weiter an. “Die Gehälter für Fach- und Führungskräften in den Ingenieursbranchen unterscheiden sich oft nicht sehr von denen in Thüringen oder Sachsen”, so Lachmann. Grundsätzlich wäre das Land ein sehr geeigneter Anwerbungsort, weil die wirtschaftlichen Verbindungen zu Deutschland eng sind. Die Automobil- und die Maschinenbranche sind die tragenden Säulen der gesamten Industrie des Landes.

“Insgesamt lohnt sich ein Wechsel für die Tschechen aber nur bei entsprechender Bezahlung und günstigen Aufstiegsperspektiven”, sagte Lachmann. “Dazu gehört auch die Vertragsdauer: Je länger ein Engagement ist, das einem Ingenieur angeboten wird, desto lukrativer wird es für ihn”, sagte der DTIHK-Mann. Die Deutschen müssten den Tschechen eine richtige Perspektive bieten und nicht nur kurzfristig für Einzelprojekte anwerben.

Ähnlich sieht es auch in der Slowakei aus, das wirtschaftlich ähnlich stark mit Deutschland verflochten ist. “Die Nachfrage nach Ingenieuren ist momentan sehr groß”, sagte Markus Halt – der Sprecher der DSIHK in Bratislava. Die Beschäftigungssituation sei entsprechend gut. „Hinzu kommt, dass das Gros der Slowaken stark heimatverbunden und daher prinzipiell wenig wanderungswillig ist“, erklärte Halt. Genauso wie in Tschechien verdienen sie für einheimische Verhältnisse sehr gutes Geld.

“Eine neue Wanderungsbewegung nach Deutschland sehe ich jetzt nicht,” sagte Dirk Wölfer – der Sprecher der DUIHK in Budapest. Grundsätzlich seien die Ungarn sehr erdverbunden – ähnlich wie in der Slowakei. “Sie zu einem Wechsel zu bewegen, ist nicht leicht”, fügte Wölfer hinzu. Ein Fachmann sei hier eine gut entlohnte Arbeitskraft. Und die Unterschiede zu Deutschland sind seinen Aussagen zufolge gar nicht so gravierend.

„Deutschland wird es nicht leicht haben, die Rumänen anzuwerben, weil sie wie in Ungarn und in der Slowakei grundsätzlich sehr familienverbunden sind“, erklärte auch Iuliana Rusu – die Personalexpertin von der AHK Rumänien. Viele hätten sich gerade eine Eigentumswohnung gekauft und sich damit noch stärker an Zuhause gebunden, erklärte die Fachfrau. Die Ingenieure würden von den Unternehmen selber benötigt und verdienten für rumänische Verhältnisse sehr gut. „Viele Industriekonzerne betreiben eigene F&E-Zentren, die den Fachleuten gute Arbeitsmöglichkeiten bieten,“ erklärte Rusu.

Nur in Bulgarien sieht es anders aus – mit seinen 7,6 Millionen Einwohnern ein eher kleiner Markt. “Ein Engagement in Deutschland – dem größten Außenhandelspartner – ist für bulgarische Ingenieure sehr interessant“, sagte Andreas Schäfer von der AHK Bulgarien. Das Land sei traditionell deutschfreundlich, und deutsche Produkte und insbesondere Maschinen genießen seinen Aussagen zufolge einen ausgezeichneten Ruf.

Wiederum Probleme gäbe es außerhalb der EU in Russland. Zum einen hat das Land selbst ein Fachkräfteproblem und zum anderen ist es auch keine Hochburg für Ingenieure. „Viele internationale in Russland tätige Unternehmen haben bereits die wichtigsten Fachleute eingestellt und garantieren ihnen entsprechende Privilegien“, sagte der Sprecher der deutsch-russischen AHK in Moskau, Jens Böhlmann. Löhne und Gehälter von Ingenieuren in Russland ähnelten den Zahlungen in Deutschland. „Es gibt für einen russischen Ingenieur auch kaum einen fachlichen Anreiz für einen Wechsel“, sagte er. Denn die in Russland tätigen Firmen produzieren seinen Aussagen zufolge auf einem ähnlich hohen technischen Niveau wie die Deutschen. „Zusätzlich benötigen Russen in Deutschland ein Arbeitsvisum, das sie nicht so leicht erhalten“, sagte Böhlmann.

Damit sprach der AHK-Mann indirekt das Problem der Zuwanderung an. Deutschland sieht sich nicht als Einwanderungsland und regelt den Aufenthalt nur mit einem einfachen Gesetz, ohne sich gesondert um die Ausländer zu kümmen. Bisher hat das Land keine gezielte Anwerbungspolitik betrieben. In Fachkreisen stößt besonders negativ auf, dass die hiesigen Bildungsausländer nach Abschluss ihrer Ausbildung oft ausreisen müssen, weil sie nicht automatisch ein Bleiberecht haben. Deutschland bezahle erst ihre Ausbildung und schließe sie dann aus bürokratischen Gründen vom Markt aus, so die Kritik.

“Hier zeigen sich die gesamte Destruktivität und der unverständliche Widersinn der bisherigen Zuwanderungspolitik”, ereiferte sich Oliver Koppel vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Gerade diese Gruppe müsse Deutschland als erstes für sich gewinnen, weil sie leicht zu integrieren sei. “Sie nicht zu halten, ist doch ein fiskalischer und wirtschaftlicher Irrsinn”, so Koppel.

Für den promovierten Volkswirt ist das Ergebnis der Umfrage unter den AHK auch keine Überraschung. “Die deutsche Zuwanderungspolitik ist doch eine Katastrophe, wenn man bedenkt, dass wir im Zeitalter internationalisierter Berufskarrieren leben”, erklärte Koppel. Deutschland verhalte sich gegenüber ausländischen Fachkräften mehr als stiefmütterlich. “Das erfolgt nach Motto: ‘Ihr seid die Bittsteller, und wenn ihr bleiben wollt, dann bitte nur begrenzt’,” ärgerte sich der Wissenschaftler. Kein Hochqualifizierter, der über ein starkes berufliches Selbstbewusstsein verfüge, lasse sich das gefallen. “Und er geht dann halt woanders hin und wird auch nie wiederkommen”, sagte Koppel.

Er schlägt eine Zuwanderungsbehörde wie in Kanada vor, die alles Erdenkliche tut, damit diese Fachkräfte kommen und auch bleiben. “Dazu gehört eine gezielte Regelung für die Rentenansprüche, die es ihnen ermöglicht, die eingezahlten Beiträge auch dann wieder in Anspruch zu nehmen, wenn später einmal wieder nach Hause zurückkehren.”