Deutschland ist im internationalen Vergleich kaum attraktiv für Fachkräfte (Bild: BASF).

Deutschland ist im internationalen Vergleich kaum attraktiv für Fachkräfte (Bild: BASF).

von Sebastian Becker

WARSCHAU/ BERLIN – Deutschland hat zu wenig Ingenieure und andere ausgebildete Fachkräfte. Der jährliche Schaden, der der deutschen Wirtschaft dadurch entsteht, liegt in Milliarden-Euro-Höhe, schätzen Wirtschaftsexperten. Und langfristig wird ihrer Auffassung nach dadurch sogar die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands gefährdet. Deswegen streiten sich derzeit die Bundesregierung und die Opposition darum, wie man dieses Problem in den Griff bekommt: „Wir werden den Zuzug gut ausgebildeter ausländischer Fachkräfte weiter fördern“, erklärte Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen. Ohne qualifizierte Zuwanderung werden ihrer Einschätzung nach in den kommenden 15 Jahren fünf Millionen Arbeitskräfte fehlen. „Gerade der Mangel an Elektro-, Maschinen- und Fahrzeugbauingenieuren ist eklatant“, sagte die Ministerin. Allerdings vertagte der zuständige Koalitionsausschuss die weitere Beratung auf den Mai 2011, weil die CDU/ CSU nicht den Vorschlag der FDP akzeptierte, die Mindesteinkommensgrenze für qualifizierte Kräfte aus dem Ausland von derzeit 66 000 Euro auf 40 000 Euro abzusenken.

„Die Initiative der Bundesarbeitsministerin ist ein erster Schritt, um den Fachkräftemangel zu lindern“, freute sich VDMA-Hauptgeschäftsführer Hannes Hesse. Es reiche aber nicht aus, ausländischen Fachleuten zu signalisieren, dass sie in Deutschland geduldet seien. „Wir müssen sie zu uns rufen und mit offenen Armen empfangen“, riet Hesse der Regierung. Denn es sei ja keineswegs so, dass ausländische Spitzenkräfte an deutschen Grenzen warteten. Der VDMA-Hauptgeschäftsführer setzt sich für ein Punktesystems sein, das qualifizierten, motivierten und somit leistungsbereiten Zuwanderern besondere Chancen einräumt. Seinen Einschätzungen zufolge fehlen im Maschinenbau schon jetzt 5.000 Ingenieure – und das trotz der gerade erst überwundenen Krise. „Es wäre naiv zu glauben, diese Stellen könnten alle mit Deutschen besetzt werden“, so Hesse.

Wie notwendig die gezielte Anwerbung ist, die der VDMA-Hauptgeschäftsführer fordert, zeigt das Beispiel von Polen – dem größten unmittelbaren Nachbarn Deutschlands. Das Land kommt mit seiner relativ stabilen Wirtschaft und seinem reichlichen Arbeitsmarktpotenzial als Anwerbungsort in Frage. Die Bundesregierung hatte für polnische, tschechische, slowakische und ungarische Ingenieure bereits im Herbst 2007 die arbeitsrechtlichen Schranken abgebaut. Denn schon zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Fachkräfte-Problem deutlich abgezeichnet. „Wir haben aber in den vergangenen drei Jahren keine Emigrationswelle polnischer Ingenieure beobachtet”, sagte Magdalena Suska der Produktion. Die Beraterin arbeitet für die Warschauer Personalagentur BDI, die sich auf die Vermittlung von Ingenieuren konzentriert. „Deutschland ist offenbar für sie nicht allzu attraktiv“, fügte sie hinzu. Der Grund: Großbritannien, Irland und Schweden haben bereits 2004 als erste ihre Arbeitsmärkte für die Polen geöffnet. „Sie sind deswegen für sie die erste Anlaufstation“, erklärte Suska.

Insbesondere in Großbritannien haben sich die Polen in der Zwischenzeit eine eigene gesellschaftliche Struktur aufgebaut, die das Land gegenüber Deutschland für Nachzügler wesentlich attraktiver macht. So bedienen Banken und Einzelhändler flächendeckend ihre Kunden in polnischer Sprache. Außerdem gibt es Medien auf Polnisch. In Deutschland sind die Polen zwar auch organisiert, doch nicht so stark wie dort. „Dieses Land hat nie PR für sich gemacht, um die polnischen Fachleute zu bekommen“, erklärte Suska. Darüber hinaus habe viele Kandidaten die Finanzkrise in Deutschland abgeschreckt. „Der Rückgang der deutschen Wirtschaft hat bestimmt niemanden zur Emigration aufgemuntert“, glaubte Suska.

Die polnische Regierung hat keinen offiziellen Standpunkt zu den neuesten Initiativen der Bundesregierung. „Wir sind vor sechs Jahren der EU beigetreten und haben zugestimmt, dass Arbeitnehmer in Europa ihren Arbeitsplatz frei wählen dürfen“, sagte die Sprecherin des polnischen Arbeitsministeriums, Bożena Diaby, der Produktion. Ob sich ein polnischer Ingenieur für ein Engagement in Deutschland entscheide, sei letztlich seine individuelle Entscheidung. „Doch auch wir haben ein Fachkräfteproblem – und auch wir brauchen gerade die Ingenieure“, sagte Diaby. Deswegen dürfte die Initiative der Bundesregierung wohl kaum Aussicht auf Erfolg haben.