Flagge Türkei

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan hatte einen Putschversuch des Militärs mithilfe der Polizei sowie der Bevölkerung niederschlagen lassen. Anschließend ordnete er eine große Anzahl an Verhaftungen von Militärangehörigen und Beschäftigten in der Verwaltung an. - Bild: Armagan Tekdoner

48 Prozent der an einer Umfrage von Produktion Beteiligten sagen, dass sie sich komplett aus der Türkei zurückziehen wollen. 37 Prozent der Online-Leser planen, ihre Geschäftsaktivitäten auf dem aktuellen Niveau einzufrieren, bis sich die Situation klärt. Nur für 11 Prozent der Befragten hat die politische Situation in dem Nato-Land keine Auswirkungen auf ihr Türkei-Geschäft und 3 Prozent wollen jetzt erst recht investieren. Sie meinen, dass nach einer Delle der große Aufschwung komme.

Türkei Umfrage Produktion
Produktion fragte ihre Nutzer in einer Online-Umfrage, was die Umwälzungen in der Türkei für ihr wirtschaftliches Engagement in dem Land bedeuten. - Quelle: Produktion.de, Grafik: Produktion

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan hatte einen Putschversuch des Militärs mithilfe der Polizei sowie der Bevölkerung niederschlagen lassen. Anschließend ordnete er eine große Anzahl an Verhaftungen von Militärangehörigen und Beschäftigten in der Verwaltung an. Viele Richter wurden entlassen und tausende Einrichtungen, die dem Regierungskritiker Fethullah Gülen nahestehen sollen, werden geschlossen. Jüngst müssen 45 Zeitungen und 16 TV-Sender ihren Betrieb einstellen.

Politische Unsicherheit ist Gift für das Investitionsklima

Internationale Investoren haben bereits auf die Verhängung des Ausnahmezustandes reagiert. So verloren die an der Börse in Istanbul gehandelten Aktien seit dem Putschversuch 12 Prozent ihres Wertes, der Wert der türkischen Lira sank um 5 Prozent und die Zinsen für türkische Staatsanleihen schnellten auf 9,7 Prozent empor, berichtete 'Börse vor Acht' kürzlich. Gleichzeitig senkte die Agentur Standard & Poor’s das Rating für die Türkei von BB+ auf BB.

"Die politische Unsicherheit ist Gift für das Investitionsklima und es kommt zur Kapitalflucht", stellte das Institut der deutschen Wirtschaft Köln fest. Schon in dem Zeitraum bis Mai sind die Nettozuflüsse an Direktinvestitionen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als die Hälfte gesunken.

"Die Vorkommnisse sind beunruhigend", sagte eine Sprecherin von Thyssenkrupp. "Inwieweit, wann und ob es Auswirkungen auf unser Geschäft geben wird, ist nicht abzusehen. Zudem haben wir einen eher vernachlässigbaren Anteil am Umsatz mit Kunden in der Türkei."

Ulrich Ackermann VDMA
Laut Ulrich Ackermann, verantwortlich für Außenwirtschaft im VDMA, sind "für eine positive marktwirtschaftliche Entwicklung stabile Demokratien grundsätzlich maßgeblich entscheidend." - Bild: VDMA

BMW rechnet derzeit nicht mit Auswirkungen

BMW muss wegen des Putschversuchs länger auf die Teile einiger Zulieferer warten: Die Grenzabfertigung von Lastwagen, die Waren aus der Türkei transportierten, dauere seit der gescheiterten Machtübernahme durch das Militär länger als zuvor, sagte ein BMW-Sprecher. Bislang gehe es um Verzögerungen, "mit denen wir umgehen können", fügte er hinzu. BMW rechne derzeit nicht mit Auswirkungen auf die eigene Produktion. Der Autohersteller analysiere gleichwohl die Lage.

Die Türkei ist ein wichtiger Partner des deutschen Maschinenbaus. Im Zeitraum von Januar bis April belegte das Land Platz 12 unter den Ausfuhrländern der Branche. In der Zeit stiegen die Exporte um 8,2 Prozent auf 1,34 Milliarden Euro, nachdem sie sich 2015 bereits um 8,5 Prozent auf 3,8 Milliarden erhöht hatten. Umgekehrt schraubten die türkischen Maschinenbauer ihre Ausfuhren nach Deutschland zwischen Januar und April um 25,6 Prozent auf 340 Millionen Euro hoch.

Türkei Maschinenbau VDMA
Deutsche Maschinenausfuhr in die Türkei. - Quelle: Statistisches Bundesamt, VDMA

"Die im Zusammenhang mit dem Putschversuch eingeleiteten Freistellungen, Suspendierungen und Verhaftungen beziehen sich maßgeblich auf Beamte und Angestellte im Staatsdienst: Militär und Verwaltung", sagte der Präsident von Turkish Machinery, Adnan Dalgakiran, im Interview mit Produktion. "Diese Geschehnisse hatten keinerlei Auswirkung auf unsere Geschäftsbeziehungen im In- und Ausland und werden dies auch zukünftig nicht haben." Die Versorgung ihrer Lieferketten – beginnend mit Rohstoffen bis hin zu Lieferungen fertiger Produkte – werde weiterhin wie gewohnt eingehalten.

Laut Dalgakiran ist das wirtschaftliche Klima innerhalb der Branche unverändert positiv: "Die türkische Prozentralbank und das Finanzministerium haben auf Makro-Ebene alle notwendigen Maßnahmen eingeleitet, um potenziellen Negativszenarien auf dem Finanzmarkt entgegenzuwirken."

Laut Ulrich Ackermann, verantwortlich für Außenwirtschaft im VDMA, sind "für eine positive marktwirtschaftliche Entwicklung stabile Demokratien grundsätzlich maßgeblich entscheidend". Ungeachtet aller Krisen in der Türkei und in den Ländern der Region habe sich die wirtschaftliche Entwicklung des Landes seit Jahren positiv gestaltet. Deutsche und türkische Maschinenbauer arbeiteten seit vielen Jahren gut und vertrauensvoll zusammen. Ackermann: "Diese Zusammenarbeit gilt es nun fortzusetzen."