Der künftige "Energiemarkt 2.0" soll nach dem Willen des Bundeswirtschaftsministeriums nun dem "Grundsatz der freien Preisbildung" folgen. Zugleich sieht das Weißbuch des Ministeriums den Aufbau einer "Kapazitätsreserve" vor. - Bild: kru

Der künftige "Energiemarkt 2.0" soll nach dem Willen des Bundeswirtschaftsministeriums nun dem "Grundsatz der freien Preisbildung" folgen. Zugleich sieht das Weißbuch des Ministeriums den Aufbau einer "Kapazitätsreserve" vor. - Bild: kru

In dem neuen Energie-Konzept zeigten sich “Marktskepsis und fehlendes Marktverständnis auf gravierende Art”, urteilen die Kölner Ökonomen Axel Ockenfels und Achim Wambach in einem Gastbeitrag für die Welt. Die im sogenannten “Weißbuch” vorgeschlagenen Maßnahmen seien zum Teil “abenteuerlich” und “blauäugig” und beruhten auf “falschen Annahmen”. Im Ergebnis berge das Weißbuch “neue große Risiken für den Strommarkt.”

Das Bundeswirtschaftsministerium hatte Anfang Juli nach monatelangen Konsultationen ein Konzept für einen von erneuerbaren Energien dominierten Strommarkt vorgelegt. Ein neuer Ordnungsrahmen war nötig geworden, weil die Europäische Energiebörse EEX bislang den Kraftwerkseinsatz nach Höhe der Brennstoffkosten sortiert. Da inzwischen jedoch erneuerbare Energien ohne Brennstoffkosten einen großen Teil der Stromproduktion ausmachen, sendet die Börse keine funktionierenden Preissignale für Investoren mehr aus.

Der künftige “Energiemarkt 2.0″ soll nach dem Willen des Bundeswirtschaftsministeriums nun dem “Grundsatz der freien Preisbildung” folgen. Zugleich sieht das Weißbuch des Ministeriums den Aufbau einer “Kapazitätsreserve” vor.

Diese beiden Grundprinzipien werden von Ockenfels und Wambach massiv infrage gestellt. So sei schon die geplante “Garantie für freie Preisbildung” fragwürdig, weil die Stromnachfrage grundsätzlich unflexibel ist und damit zum Beispiel bei extremen Preissteigerungen nicht beliebig stark nachgeben kann.

Nach dem Konzept des “Weißbuchs” sollen Knappheitssituationen vielmehr bewusst zu extremen Preisspitzen an der Strombörse führen, die dann ausreichende Anreize für den Neubau von Erzeugungsanlagen darstellten. Für “abenteuerlich” halten die Ökonomen Ockenfels und Wambach allerdings die aus dieser Erwartung abgeleiteten Maßnahmen im Weißbuch.

“Bei großer Knappheit steigt die Marktmacht stark an”, warnen die Wissenschaftler: “Wenn 95 Prozent der Erzeugungskapazität benötigt wird, um eine recht unflexible Nachfrage zu bedienen, ist jeder Anbieter bereits ab einem Marktanteil von 5 Prozent systemrelevant.” Es sei “blauäugig, darauf zu setzen, dass sich ein Markt, in dem fast alle Anbieter systemrelevant sein können, selbst diszipliniert.”

Das geplante System könne deshalb zu einer “Stromkrise” führen, wie sie etwa “im Sommer 2000 Kalifornien durch extrem hohe Strompreise in die Knie gezwungen hat”, schreiben die Autoren.

Auch die zweite zentrale Maßnahme, die Einrichtung einer Kraftwerksreserve, sei systemisch nicht überzeugend: Dieses geplante Instrument basiere auf der Annahme, dass die Kapazitätsreserve vom übrigen Stromgroßhandelsmarkt getrennt werden könne. Diese Annahme sei jedoch “falsch”, betonen die Wissenschaftler. Ockenfels und Wambach: Das Weißbuch des Bundeswirtschaftsministeriums setze einerseits auf den Markt, “untergräbt aber zugleich die Funktionsfähigkeit des Marktes durch vermeintliche Garantien für unbegrenzte Preisforderungen in Zeiten großer Systembelastung und Marktmacht”. Im Ergebnis berge das Weißbuch “neue große Risiken für den Strommarkt.”

Dow Jones Newswires/Guido Kruschke