Lorenz Jüngling ist Partner bei McKinsey & Company und Co-Autor der Studie „Short-Selling the

Lorenz Jüngling ist Partner bei McKinsey & Company und Co-Autor der Studie „Short-Selling the Earth“. Bild: McKinsey

Die schwierige Branchensituation wird sich erst entspannen, wenn der globale Markt für Eisenerz ähnlich transparent und liquide ist wie etwa beim Rohöl. Dann erst ist ein effektives Risikomanagement über Sicherungsgeschäfte möglich. Denn im Ergebnis wird die weltweite Entwicklung unter anderem dazu führen, dass auch die Preise für Eisenerz und Kokskohle zunehmend an Spotmärkten gesetzt werden. Beide Rohstoffe werden damit mittelfristig zu handelbaren Commodities – wie Öl und Kraftwerkskohle seit langem sowie Strom und Gas seit einigen Jahren. Bis es soweit ist, werden aber sicherlich noch zehn Jahre vergehen. Bis dahin bleibt die Marktlage unübersichtlich. Und: Je länger diese Zwischenphase andauert, desto irrationaler wird die Situation.

Für die Stahlhersteller stellt das eine echte Herausforderung dar. Doch gerade der Vergleich mit der Entwicklung im Strom- und Gasmarkt zeigt, dass Marktteilnehmer gleich bei Öffnung der Märkte zwar einer neuen Preisunsicherheit ausgesetzt sind. Gleichzeitig bietet die Situation aber auch viele Chancen beispielsweise durch langfristige vertragliche Partnerschaften oder die eigene Teilnahme an den entsprechenden Spot- und Terminmärkten.

Deshalb ist die Situation für Stahlhersteller schwierig, aber nicht ausweglos. Sie können beispielsweise von ihren Kunden eine Risikoprämie verlangen, wenn sie Langfristverträge abschließen. Eine akzeptable Maßnahme, denn schließlich bleiben die Stahlkonzerne auf den Kosten sitzen, wenn in der Zwischenzeit die Rohstoffpreise vierteljährlich angehoben werden.

Neben dem Hedging zur Absicherung von Preisrisiken muss jeder Stahlhersteller zudem eine Entscheidung darüber treffen, ob er in den sich neu entwickelnden Erz-Derivatehandel selbst mit einsteigen will. Bisher stößt diese Überlegung bei den meisten Unternehmen noch auf Skepsis. Zu Unrecht. Denn die Entwicklung einer eigenen Handelsfähigkeit bedeutet auch die Fähigkeit, existierende Marktmechanismen zu nutzen und zu stärken – ähnlich wie dies große Stromerzeuger z.B. bei der Beschaffung von Kraftwerkskohle tun.

Stahlhersteller können sich außerdem in Minenprojekte einkaufen, auch wenn das Erz von geringerer Qualität ist. Denn die drei großen Rohstoffkonzerne kontrollieren vor allem die hochwertigen Erzsorten. Ein Fehler wäre es, sich ausschließlich auf eine Nischenstrategie zu verlassen. Das ist zu riskant, da Nischen prinzipiell klein sind und Stahl zum Teil durch andere Werkstoffe wie Aluminium zu ersetzen ist.

Fazit: Das Öffnen von Commodity-Märkten birgt Risiken aber auch Chancen für alle Marktteilnehmer. Insbesondere liquide Terminmärkte bieten einen für alle Spieler zugänglichen Mechanismus zum Risikotransfer der unabhängig von Wertschöpfungstiefe, Anlagenstruktur oder Region ist. Letztendlich sind spezifische Fähigkeiten wie Transparenz über eigene Risiken, Intelligenz bei der Kontraktgestaltung, effiziente Sicherungsaktivitäten und Marktintelligenz entscheidend, um in einem solchen Umfeld erfolgreich bestehen zu können. Bei aller Unsicherheit im Markt steht jedoch fest: In Zukunft wird es ganz viele unterschiedliche Kontrakte geben. Allein das zu managen, wird für die Stahlkonzerne eine große Herausforderung bleiben.