Lundbaek Xain

Leif-Nissen Lundbæk ist Chief Executive Officer des Blockchain-Anbieters Xain. - Bild: Xain

Produktion: Herr Lundbæk, die Xain AG arbeitet bereits für Daimler und Porsche an Blockchain-Lösungen für die industrielle Produktion – was genau bietet Ihr Unternehmen in diesem Bereich an? Blockchain kennt man ja wenn überhaupt meist nur aus der Finanzindustrie…

Leif-Nissen Lundbæk: Unser allererstes Projekt war tatsächlich im Finanzbereich, im Laufe der Zeit haben wir uns allerdings mehr auf das Internet der Dinge (IoT) spezialisiert. Das umfasst viele Themen, unser Schwerpunkt liegt auf autonomem Fahren und Vehicle-to-X-Infrastrukturen - also die Kommunikation von Fahrzeugen zu Infrastruktur und von Fahrzeugen untereinander. Dazu kommt der Supply-Chain-Bereich in der Industrie, wo bisher wenig digitalisiert wurde oder auch der Auditierungsbereich, der bisher praktisch noch gar nicht digitalisiert ist.

Durch unsere Blockchain-Lösungen ist es beispielsweise möglich, dass man ganz genau weiß, welches Teil gerade wo und in welcher Qualität vorliegt, so dass nicht mehr stichprobenartig evaluiert werden muss. Blockchain liefert eine Art Echtzeitzustand, wo die einzelnen Werte der Produkte ganz genau evaluiert und getrackt werden können. Dadurch lassen sich auch die einzelnen Produktionsschritte besser nachvollziehen und mehr Daten evaluieren.

Produktion: Das hört sich toll an, aber sind diese Dinge denn nicht auch mit bestehenden Systemen möglich?

Lundbæk: Ja und nein – anschaulich wird es vielleicht anhand eines Beispiels: Nehmen wir an, ein Automobilhersteller kauft 20.000 Teile bei einem Zulieferer, beispielsweise Lenkungen. Diese werden dann in der eigenen Produktion weiterverarbeitet. Natürlich kann man mit den bestehenden, teils redundanten Trackingsystemen die dabei durchlaufenen Produktionsprozesse nachvollziehen, aber dabei gibt es oft Probleme – beispielsweise durch ungenaue Auditierung. Der Autobauer weiß aufgrund von Stichproben, dass rund 5% der Teile Ausschuss sind und wie viel Wert über den Produktionsprozess hinzugefügt wird – und hat dann in den Büchern ungefähr so und so viele Teile mit einem ungefähren Wert. Das sind dann im Prinzip alles Schätzungen. Hinzu kommt, dass er mit den bisherigen relationalen Datenbanksystemen nicht sicherstellen kann, dass die Daten nicht geändert werden. Und: Er hat die geschätzten Daten erst später nach der Evaluierung. Die Blockchain-Technologie liefert diese Informationen genau und sofort.

Gleichzeitig ist es so, dass man mit den normalen Datenbanksystemen eben nicht so gut die Geschichte eines bestimmten Datenzustands nachvollziehen kann. Dadurch dass man überschreibt und nicht hinzufügt. Wenn man die Blockchain-Technologie unterstützend zu normalen Datenbanksystemen nutzt, dann kann genau dieser Bereich abgedeckt werden.

Produktion: Was ist denn genau das Problem dabei, wenn Daten änderbar sind? Kommt das denn überhaupt vor in der Produktion?

Lundbæk: Auch in der Industrie besteht die große Gefahr von Insider-Betrug, das ist gerade in der Automobilbranche ein sehr großes Thema und man versucht das natürlich zu verhindern. Irgendwer hat eben immer den Zugriff auf die Daten. Da man in herkömmlichen Datenbanksystemen Daten überschreibt und nicht hinzufügt, sind Manipulationen möglich und im Nachhinein oft nicht mehr einfach nachzuvollziehen. Man geht davon aus, dass über 80% aller Angriffe in der Industrie Insider-Angriffe sind, das heißt von den eigenen Leuten durchgeführt. Das müssen auch nicht mal nur bösartige Angriffe sein, sondern auch einfache Fehler. Aber es geschehen einfach sehr viele Änderungen, die so nicht hätten sein sollen.

Gleichzeitig ist es so, dass man immer auch ein Managementsystem für die verschiedenen Datenbanksysteme im Unternehmen hat. Und dieses Management-System kann eben auch Probleme hervorrufen – nicht unbedingt nur, weil es ausfallen kann, sondern auch deswegen, weil man die Kommunikation zwischen diesem Managementsystem und den einzelnen Datenbanksystemen abfangen und manipulieren kann. Das nennt sich Impersonation-Attack. Das ist ein Bereich, in dem viele Angriffe passieren und wo viele Verfälschungen des Datenzustands hervorgerufen werden.

Mit Blockchain-Systemen ist es so, dass man gar nicht mehr diese einzelne Instanz eines Managementsystems hat, sondern die ganze Kommunikation insgesamt kann verifiziert werden.

Das ist die Xain AG

Die Xain AG konzentriert sich auf die Entwicklung von Blockchain-Systemen und bietet Lösungen in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Maschinelles Lernen und Datenanalyse für die industrielle Produktion an. Gerade erst hat das junge Softwareunternehmen den "Porsche Innovation Contest" und sich mit seiner Geschäftsidee gegen mehr als 100 weitere Bewerber durchgesetzt. Die aktive Kooperation zwischen Porsche und Xain beginnt im August 2017.

Produktion: Warum sehen Sie die Blockchain-Technologie angesichts dieser Vorteile nur als Ergänzung zu bestehenden Datenbanksystemen? Können diese nicht ganz durch Blockchain ersetzt werden?

Lundbæk: Nein, einige Bereiche, wie etwa der Datenzugriff, wird durch Datenbank-Systeme wesentlich besser erfüllt als durch Blockchain-Systeme. Und sie sind oft skalierbarer - das heißt, es ist einfacher, darin die ganze Datenmenge auch abzuspeichern. Man sollte in einem Blockchain-System nicht alle Daten abspeichern. Denn dann besteht das Problem, dass alles doppelt und dreifach abgespeichert wird und sorgt unnütz für großen Speicheraufwand. Viel wichtiger ist, dass man im Blockchain-System Prüfsummen und die Kommunikation abspeichert – nicht unbedingt die Daten selbst.

Produktion: Welche Rolle könnte die Blockchain-Technologie in der Industrie 4.0 spielen?

Lundbæk: Nehmen wir an, eine Firma hat eine Produktionslinie und möchte beispielsweise die Maschine-zu-Maschine-Kommunikation sicherstellen. Die eine Maschine fängt an ein Teil zu produzieren und evaluiert schon in der Produktion durch verschiedene Lasersysteme, dass das produzierte Teil gerade noch in Ordnung ist. Die Daten sendet die Maschine an die nächste Maschine, die dann auch wiederum evaluiert: welche Varianzen bestehen in der Weiterproduktion und wie wahrscheinlich ist es, dass das Teil dann immer noch in Ordnung sein wird? Wenn die zweite Maschine feststellt, dass das Teil in der eigenen Produktion wahrscheinlich nicht mehr in Ordnung sein wird, kann das Teil bereits in Maschine 1 aussortiert werden. Dadurch spart man insgesamt viel Material, Zeit und Energie. Gerade in der Automobilindustrie ist das ein riesiger Faktor. Diese Kommunikation zwischen den Maschinen wird über Prüfsummen in der Blockchain abgespeichert und kann dann natürlich auch evaluiert werden. Man kann dann alles ganz genau nachvollziehen und tracken – das ist mit normalen Datenbanksystemen nicht so einfach möglich.

Produktion: In welchem Umfang kommt die Blockchain-Technologie in der produzierenden Industrie denn aktuell tatsächlich schon zum Einsatz und welches Potenzial sehen sie für die Zukunft?

Lundbæk: Mehr als zwei Drittel aller großen Unternehmen in der Industrie haben das Thema Blockchain schon auf dem Schirm, kleinere eher noch nicht so. Auch in der Chemie- und Pharmaindustrie ist Blockchain ein großes Thema, weil es da sehr viele mögliche Anwendungen gibt. Alle sind dabei zumindest kleine Prototypen zu entwickeln – das Potenzial wird im Milliardenmarkt gesehen. Spätestens 2018 wird sich Blockchain in vielen Bereichen auch in der Anwendung durchsetzen. Aktuell sind erst wenige Systeme schon in der eigentlichen Anwendung, bisher sind es oftmals parallele Systeme - in gewisser Weise ein Zwischenzustand zwischen Test und Anwendung.