Dr. Karin Müller ist  Leiterin des Bereichs "Mensch & Gesundheit" bei DEKRA

Dr. Karin Müller ist Leiterin des Bereichs "Mensch & Gesundheit" bei Dekra. - Bild: Dekra

| von Karoline Kopp

Produktion: Frau Dr. Müller, seit mehr als fünf Jahren ist die psychische Gefährdungsbeurteilung (PGB) gesetzlich vorgeschrieben. Welchen Nutzen bietet eine PGB?

Dr. Müller: Arbeitsplätze ohne negativen psychischen Stress bieten den Unternehmen zahlreiche Chancen: produktivere Mitarbeiter, weniger Fehltage und Prozessverbesserungen. Das Arbeitsschutzgesetz (§4 ArbSchG) schreibt vor, dass die Arbeit so zu gestalten ist, dass Gefährdungen für Leben und Gesundheit möglichst gering gehalten werden. Dass hier auch die Psyche eine große Rolle spielt, ist mittlerweile unbestritten.

Produktion: Wie wirkt sich psychischer Stress aus?

Dr. Müller: Chronischer psychischer Stress kann sich individuell sehr unterschiedlich auswirken. Die Folgen können Burn-out, Depression oder Rückenleiden sein – dies sind die Gründe für die längsten krankheitsbedingten Fehlzeiten von Mitarbeitern. Auch die Wahrscheinlichkeit von Unfällen wächst bei zu hohem Stress.

Produktion: Welche Methoden gibt es, um die psychische Gefährdungsbeurteilung zu erheben?

Dr. Müller: Es gibt verschiedene Methoden: Man kann zum Beispiel mit einfachen Checklisten die „objektiven“ Belastungen ermitteln, die von außen erkennbar sind. Die subjektive Einschätzung der Betroffenen wird bei diesem Vorgehen nicht systematisch erfasst. Es hängt jedoch entscheidend von den individuellen Voraussetzungen ab, ob eine psychische Belastung wirklich eine negative Beanspruchung erzeugt oder nicht. Deshalb ist es zielführender, eine Methode anzuwenden, bei der die Arbeitsplatzinhaber tatsächlich selbst befragt werden. Neben standardisierten Einzel- oder Gruppeninterviews oder auch Workshops mit ausgewählten Mitarbeitern bieten sich hier vor allem systematische Befragungsmethoden an.

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Produktion: Warum finden persönliche Befragungen in der Praxis vergleichsweise selten statt?

Dr. Müller: Gruppengespräche oder Interviews werden in der Regel von einem externen Moderator geleitet und sollen auch Verbesserungsideen entwickeln. Ein Nachteil dieser Methoden ist der hohe Kosten- und Zeitaufwand. Außerdem vergeht zwischen Befragung, Auswertung und tatsächlicher Maßnahme viel Zeit.

Produktion: Wie sieht aus Ihrer Sicht der Königsweg aus?

Dr. Müller: Unternehmen sollten auf jeden Fall eine Methode anwenden, die aussagekräftig erfasst, wie es der Belegschaft wirklich geht. Bei Dekra setzen wir auf ein wissenschaftlich fundiertes Online-Befragungsverfahren, das von dem Berliner Start-up DearEmployee entwickelt wurde. In standardisierten Online-Fragebögen werden neben den objektiven Belastungen auch die subjektiven Gefährdungen detailliert erhoben. Die Befragung wird durch Experten begleitet und auf den Bedarf des Unternehmens maßgeschneidert. Der Vorteil ist, dass die gesamte Belegschaft anonym die Möglichkeit zur Teilnahme hat, die Ergebnisse sofort nach der Befragung vorliegen und damit Verbesserungspotenziale sehr schnell aufgezeigt werden können.

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