Andreas Freitag, Blockchain Profi von Accenture

Andreas Freitag ist Senior Manager und Blockchain Lead bei Accenture. - Bild: Accenture

Produktion: Herr Freitag, Facebook hat "Libra" als neue Währung angekündigt – was ist der Unterschied zu den bisherigen Kryptowährungen wie Bitcoin?

Andreas Freitag: Etwas vereinfacht gibt es zwei wesentliche Unterschiede, die ich hervorheben will. Zum einen die Besicherung und zum anderen die technische Architektur. Klassische Kryptowährungen sind nicht durch Vermögenswerte besichert – mit ein Grund dafür, dass ihre Wertentwicklung so stark schwankt. Tägliche Schwankungen im zweistelligen Prozentbereich sind keine Seltenheit. Das ist einer der Gründe dafür, weshalb Kryptowährungen im Geschäftsverkehr nur sehr eingeschränkt nutzbar sind. Dazu kommen dann weitere Herausforderungen wie Skalierbarkeit, Energieverbrauch und Kostensicherheit.

Zurück zur Besicherung: Ein Unterschied zu Bitcoin ist, dass Facebook die 'Währung' mit Vermögenswerten hinterlegen will – zum Beispiel mit Dollar und Euro oder mit Staatsanleihen. Das soll der 'Währung' Stabilität geben und extreme Schwankungen vermeiden und Libra somit zweckmäßiger machen als klassische Kryptowährungen.

Jetzt zur Technik: Libra unterscheidet sich von Lösungen wie Bitcoin dadurch, dass ein 'Permissioned Network' eingesetzt werden soll. In einem permissioned Netzwerk darf nicht jeder Transaktionen verarbeiten, in Bitcoin unter mining bekannt, sondern nur definierte Teilnehmer. Bei Libra sollen das die Mitglieder sein. Eine solche Architektur ermöglicht ein höheres Transaktionsvolumen, eliminiert das Energieproblem, stellt Kostensicherheit her und erleichtert die Verwaltung z.B. Softwareupdates. Das würde Libra grundsätzlich für Wirtschafts- und Handelszwecke gebräuchlicher machen.

Produktion: Welche Rolle könnte Libra im Bereich Smart Products und XaaS (Anything-as-a-Service) spielen?

Freitag: Libra könnte zum Beispiel zum – bisher fehlenden – Bauteil für Smart Contracts werden. Smart Contracts sind Programme, die auf der Blockchain abgelegt werden können und dort ablaufen.

Der Name Smart Contract kommt daher, dass man Abläufe in Code darstellen kann (wenn-dann) und damit auch Verträge abbilden kann. Eine bekannte Implementierung sind Flugausfallversicherungen. Das Auslösen einer Zahlung durch einen Smart Contract erfolgt mittels einer Kryptowährung, mit den erwähnten Nachteilen. Eine Zahlung in Dollar oder Euro direkt aus einem Smart Contract ist ohne einen Systembruch nicht möglich. Es gibt zwar schon ähnliche Konzepte wie Libra, sogenannte Stablecoins, diese haben sich aber aus unterschiedlichen Gründen noch nicht durchgesetzt.

Mit einer stabilen 'Libra' mit einer hohen Akzeptanz und Verbreitung ließe sich dies beheben. Dann könnten IIoT-Endgeräte, wie smarte Maschinen oder Produkte, Zahlungen ohne Systembrüche durchführen – eine LKW-Laderampe könnte zum Beispiel den autonomen Liefer-LKW unmittelbar bezahlen, sobald ein Laderoboter den Erhalt und guten Zustand der Lieferung bestätigt.

An dieser Stelle sollte man darauf hinweisen, dass auch Libra Skalierungs-Grenzen zu haben scheint – das ist zumindest, was ich aus den Unterlagen entnehme. Über die Datendurchsatz-Rate kann man derzeit nur spekulieren.

Produktion: Kryptoprofis erwarten, dass die Libra Association der Auftakt zum Web 3.0 sein wird – also die Dezentralisierung des Internets auf Basis von Token-Technologie. Was bedeutet das für die 'Plattformökonomie' und XaaS-Geschäftsmodelle?

Freitag: Das Web 3.0 soll vor allem die digitale Privatsphäre für Bürger sichern, welche Rolle private Unternehmen mit einem auf Datenverwertung beruhendem Geschäftsmodell spielen, bleibt abzuwarten.

Das heißt nicht, dass Firmen keinen Beitrag leisten können. Ich persönlich rechne aber damit, dass wir mehr öffentliche und offene Plattformen und Protokolle sehen werden. Entsprechende Konzepte werden bereits diskutiert, nehmen sie beispielsweise die Entwicklung im Bereich dezentrale Identitäten, die unter anderem vom W3C (Gremium zur Standardisierung von Techniken im Web) vorangetrieben wird.

Neben dem Einsatz für Personen kann man auch die Identität von IIoT Geräten sicherstellen. Damit kann man Daten verifizieren, d.h. kommen diese Daten wirklich von diesem Gerät und man kann IIoT Geräte gegen Manipulation absichern. Dies wird sehr wichtig, wenn IIoT Geräte auch Zahlungen auslösen können.

In der Industrie gibt es bereits Pilotprojekte, wie z.B IIoT Geräte bzw. die installierte Software gegen Manipulation abgesichert werden kann.

Rein aus Finanzsicht betrachtet: Halten Sie die Einführung einer globalen Digitalwährung, wie Facebook sie nun mit Libra vorantreibt, für sinnvoll und warum/warum nicht? Was wären Vor- und Nachteile für die deutsche Industrie?

Die Vorteile einer weltweit gültigen Digitalwährung stehen für mich außer Frage.

Automatisierte Zahlungen mit den derzeitigen Zahlungssystemen sind komplex und man kann sie, wie oben erläutert, nicht direkt in Smart Contracts einbinden. Auf globaler Ebene bestehen auch noch Herausforderungen wie Währungsrisiken, Ausfallrisiken und Durchlaufzeit.

Eine Digitalwährung könnte derartige Hemmnisse abbauen, den Handel stark vereinfachen und neue Geschäftsmodelle ermöglichen.

In wie weit Libra diese Rolle spielen kann, will ich zum jetzigen Zeitpunkt allerdings nicht bewerten. Ich erwarte, dass die Einführung und Anerkennung eine privatwirtschaftlich betriebenen 'Währung' auf Widerstand stoßen wird.

Trotzdem ist das Konzept interessant. Vielleicht wird das Konzept zur Vorlage für eine von Notenbanken umgesetzte Digitalwährung? Wir werden sehen.

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