Arbeitnehmer mit Maske

Was muss HSE-Software mitbringen, um Ihren Arbeitsschutz und die Prozesssicherheit zu steigern? Dieser Beitrag zeigt es Ihnen. - Bild: stock.adobe.com/ Monopoly919

Vor 32 Jahren explodierte die Bohrinsel Piper Alpha in der Nordsee. Bei diesem Unglück starben 167 Menschen. Die finanziellen Verluste beliefen sich auf circa 4,2 Milliarden Euro. Die Hauptursachen waren mangelhafte Arbeitsschutz- und Prozesssicherheits-Lösungen: Angewandte Prozesse und Verfahren zur Sicherheit haben also nicht funktioniert. Etwa solche, die Wartungsaktivitäten auf Risiken überprüfen. Ähnliche Ursachen haben zum Beispiel zum Sinken von U-Booten, zu Unfällen mit Hochspannungsleitungen, zu Bränden oder zu Explosionen mit Säuretanks und Gas-Pipelines geführt.

Seitdem hat sich viel verändert. Neue HSE-Software - HSE: HSE Health, Safety & Environment - verspricht heute mehr Effizienz und dadurch einen besseren Arbeitsschutz. Doch wie realistisch sind diese Versprechen? Und wie können Führungskräfte diese realisieren? Welche Software ist die richtige und wie können aufkommende Herausforderungen gelöst werden? Arbeitsschutz-Software bietet viele Vorteile aber auch ein paar Nachteile. Die zentrale Frage lautet daher: Lohnt sich eine Investition?

HSE und HSSE - was ist das?

HSSE ist die Abkürzung für Health, Safety, Security & Environment. Hinter dem Begriff stehen sämtliche Prozesse und Aktivitäten (Planung, Umsetzung, Kontrolle, Optimierung), die zur Sicherstellung von Gesundheit, Arbeitsschutz, Sicherheit und Umweltschutz durch Unternehmen in der Arbeitsumgebung vorgenommen werden. Neben dem Begriff HSSE ist außerdem die Abkürzung HSE geläufig (Health, Safety & Environment oder SHE, EHS):

Ein HSE Manager beschäftigt sich mit der Planung, Umsetzung, Überwachung und Optimierung von betrieblichen Prozessen in den Bereichen Umweltmanagement, Gesundheitsschutz und Arbeitssicherheit. Ein EHS Manager besitzt detaillierte Kenntnisse bei der Planung und Durchführung von Umwelt-Audits und kümmert sich um die Entwicklung und Pflege von integrierten Management Tools.

HSE/EHS-Software: Wie sieht es mit Sicherheit und Arbeitsschutz aus?

HSE/EHS-Software wird im Zuge der digitalen Transformation von Unternehmen immer häufiger eingesetzt. Während diese Systeme zunächst in der Öl-, Gas- und Chemieindustrie Verwendung finden, waren andere Branchen zurückhaltender. So erkennen Unternehmen aus den Bereichen Pharmazeutik, Bergbau, Metall, Luft- und Raumfahrt sowie Versorgungsdienstleister erst jetzt die Vorteile. Betriebe aus der Lebensmittel- und Getränkeindustrie, dem Baugewerbe oder Produktions-Unternehmen zögern nach wie vor. Grund hierfür könnten etwa Bedenken in Sachen Kosten, Konnektivität, Datensicherheit, Sicherheit allgemein oder die Überzeugungsarbeit bei Mitarbeitern und des mittleren Managements sein. Fakt ist: Arbeitsschutz-Software kann sehr viel effizienter als papiergebundene Lösungen sein. Der entscheidende Vorteil: Sie reduziert den Einfluss menschlicher Fehler am Arbeitsplatz. Aber es gibt auch Herausforderungen: So kann die Umstellung auf eine solche Software sehr komplex sein. Wie können sich Arbeitgeber also vorbereiten und die Wertschöpfung ihres Business Case auch sichtbar machen?

Accenture Grafik Arbeitsschutz Prozesssicherheit Fehler
Wichtige Fehlerquellen und wie Sie diese umgehen können: Selbstverständlich liefern nicht alle neuen Arbeitsweisen den erwarteten Mehrwert, insbesondere jene, die so mitarbeiterzentriert sind. Hier finden Sie einige Fehlerquellen und Tipps. - Grafik: Accenture

Arbeitsschutz, Prozesssicherheit: Wo liegen die versteckten Kosten von Papier?

  • Anfälligkeit für menschliche Fehler: Papier ist nicht nur geduldig, sondern möglicherweise auch ungeeignet oder kann gar verloren gehen. Zudem besteht die Gefahr, dass veraltete Druckausgaben genutzt werden. Das bringt möglicherweise falsche Arbeitsschutz-Maßnahmen, Reparaturen oder Verfahrensweisen mit sich. Menschliche Fehler oder die fehlerhafte Übergabe von Genehmigungen zwischen Schichten oder Teams tragen zu Unfällen am Arbeitsplatz, wie auch auf der Piper Alpha, bei. Hinzu kommt, dass papiergebundene Prozesse auf dem Wissen und der Prüfgenauigkeit der jeweiligen Mitarbeiter beruhen, sodass es schwierig ist, frühere Arbeits-Vorfälle systematisch zu erfassen und daraus Erkenntnisse abzuleiten.
  • Ineffizient und repetitiv: Papierbasierte Informationen können nicht über elektronische Lösungen eingesehen, genehmigt, ausgestellt oder geprüft werden. Es ist nahezu immer Zeitverschwendung auf Unterlagen oder Zeichnungen auf Papier zurück greifen zu müssen, um einen detaillierten Fortschrittsbericht zu erhalten. Dies erschwert deutlich den Umgang mit ungeplanten Ereignissen. Verantwortliche pendeln zwischen Genehmigungs- und Baustelle hin und her, was die Arbeiten vor Ort zum Erliegen bringt und oftmals die Anwesenheit bestimmter Personen erfordert. Diese Verzögerungen können zur Folge haben, dass Mitarbeiter schneller arbeiten müssen und Fehler machen, insbesondere in Arbeitsumgebungen mit hohem Zeitdruck.
  • Unflexibel: Papier hat ein festes Format und benötigt Platz zur Lagerung. Zudem werden Dinge wie die zentrale Erfassung von Änderungshistorien oder die gemeinsame Nutzung von Daten schwierig oder gar unmöglich - man denke nur an LoTo-Lösungen, Arbeitsaufträge oder Anlagenregister. Auch Querverweise von Genehmigungen auf den Basisplan sind bei komplexen Arbeiten (zum Beispiel bei Turnarounds) mühevoll und mit großem Aufwand verbunden.

 

Wie können Unternehmen von HSE-Software profitieren?

Elektronische Systeme sollen alle Beschränkungen von Papier beseitigen und Arbeitgebern sowie Beschäftigten unter anderem folgende Vorteile bieten:

  • Die Möglichkeit, Genehmigungen, Arbeitspakete, Risikobewertungen, Verriegelungs- (LoTo) und Zeitpläne standortunabhängig einzusehen, zu ändern und zu prüfen. Dies erhöht die Arbeitssicherheit und Produktivität.
  • Der Echtzeitzugang zu wichtigen Ressourcen auf der Baustelle ermöglicht Mitarbeitern, bessere, sicherere und schnellere Entscheidungen zu treffen.
  • Eine elektronische Genehmigungsübersicht auf dem Standortplan, um redundante Arbeitsumfänge schnell zu erkennen und bei Zwischenfällen entschieden reagieren zu können. Neuere Entwicklungen ermöglichen auch die Integration von Echtzeit-Tools zur Verfolgung von Personen-, Ausrüstungs- und Werkzeugstandorten.
  • Zugriff auf computergestützte Wartungsmanagementsysteme, Arbeitsaufträge, Risikobewertungen, QA/QC-Systeme, Schichtübergaben und frühere Zwischenfälle, wodurch ein einfaches und für alle zugängliches Register geschaffen wird. Hierdurch können Daten im gesamten Unternehmen und bei Arbeitssicherheits-Meetings (zum Beispiel Toolbox Talks) nutzbringend eingesetzt werden.
  • Konnektivität und Infrastrukturen vor Ort, die auch andere IoT-Lösungen ermöglichen können (einschließlich Over-the-shoulder-Technologien, Covid-19 Track-and-Trace-Dienste, Social Distancing sowie Standortkennzeichnung von Personen und Ausrüstung), um die Effizienz und das Einfinden an Sammelpunkten bei Notfällen oder Szenario-Übungen am Arbeitsplatz weiter zu verbessern.
  • Auf den Gefährdungsbereich abgestimmte Mobilgeräte können das papierlose Arbeiten verbessern, indem sie Betriebsprozesse, Zeitpläne, Arbeitspakete, Zeichnungen oder Checklisten digitalisiert nutzen. Dies steigert die Prozesssicherheit am Arbeitsplatz.
  • Eine umfangreiche Datenquelle, die Analysen, verbesserte Sicherheitsinitiativen und die Identifizierung von Ineffizienzen zugunsten des Standortbetreibers/-eigentümers und der Vertragsteams ermöglicht.

Wie wählen Arbeitgeber die richtige Arbeitsschutz-Software aus?

Die Unternehmensberatung Accenture hat für Arbeitgeber einige Tipps zur Auswahl der richtigen Software. Oft werden die Unternehmensberater von Arbeitgebern gebeten, sie bei der Prüfung und Auswahl von HSE-Software zu unterstützen. Accenture weiß: Dabei ist es wichtig, ihre spezifischen Bedürfnisse und die bestehende digitale Infrastruktur zu berücksichtigen. Auf dem Markt gibt es viele Anbieter, aus denen man wählen kann: Jeder mit ganz eigenen Ansätzen, Stärken und Einschränkungen. Nischenanbieter offerieren oft praxisbewährte Arbeitsschutz- und Prozesssicherheitssysteme auf Grundlage ihrer Branchenkenntnis und Erfahrungen. Demgegenüber verfügen Anbieter generischer Lösungen nicht über das gleiche Nischenwissen. Sie bieten bekannte Marken und umfängliche Lösungen an, die die Themen Umwelt, Gesundheit, Asset Management und andere Funktionalitäten wie die Turnaround-Planung umfassen und so zur Senkung der Integrationskosten beitragen.

Deshalb ist es immer ratsam, sich von erfahrenen unabhängigen Experten unterstützen zu lassen. Sie haben mit führenden Anbietern zusammengearbeitet, verschiedene Software-Lösungen implementiert und sind in der Lage, Anforderungen mit den verfügbaren Tools abzugleichen. Dadurch fällt eine Auswahl des richtigen Anbieters leichter. Auch können Experten empfehlen, ob man sich auf einen Anbieter konzentrieren sollten, der alle benötigten Funktionen abdeckt, oder ob man für jeden Prozess erneut die geeignetste Software auswählen sollte.

Arbeitsschutz-Software: 3 Tipps zur Auswahl Ihres Tools

  1. Potenziale und Konfigurierbarkeit: Folgende Fragen sollten zunächst beantwortet werden: Welche funktionalen (Risikobewertung, Arbeitsgenehmigung, Verriegelung, Planung und Übergabeverwaltung) und technischen Voraussetzungen (Integration, Architektur, Lizenzierung) müssen erfüllt sein? Wie kompatibel ist die Lösung mit der aktuellen und zukünftigen IT-Infrastruktur? Wie rekonfigurierbar muss das System sein, um die gewünschten Prozesse zu verwalten, ohne dass die Einrichtungs- und Wartungskosten unangemessen hoch werden?
  2. Benutzerfreundlichkeit und Reporting: Systeme für den Arbeitschutz, die Prozesssicherheit und den Gesundheitsschutz sollen den Beschäftigten helfen, sicher und produktiv zu arbeiten. Daher muss das von Ihnen implementierte Tool mitarbeiterzentriert sein und einfache, intuitive visuelle Darstellungen und Schnittstellen bieten, um Audits und Berichte schnell und fundiert erstellen zu können
  3. Mobilität: Die Software sollte mobil einsetzbar sein. Gleichzeitig müssen aber auch persönliche Treffen möglich sein. Unternehmen sollten Anbieter fragen, welche Hardware- und Konnektivitätslösungen (zum Beispiel LoRaWAN, WiFi, Bluetooth, 4G/5G) sie verwenden sollten und ob diese für Gefahrenbereiche - hinsichtlich des gebotenen Arbeitsschutzes und der Gesundheit Ihrer Mitarbeiter - noch geeignet sind. Klären Sie, welche anderen Use Cases die Technologie ermöglichen könnte und welche Funktionalitäten es in Bereichen gibt, in denen keine Konnektivität besteht.

Wie Sie Ihre alltägliche Arbeit mit HSE-Software verbessern können - einige Fallbeispiele

Aktuelle Studien zeigen, dass eine mittelgroße bis große Onshore-Anlage den Arbeitschutz und die Prozesssicherheit erheblich verbessern und durch geeignete Maßnahmen rund 500.000 US-Dollar pro Jahr einsparen kann. Ein Accenture-Kunde aus der Chemiebranche konnte die Wartezeit für Genehmigungen um 45 Minuten verkürzen und ein Öl- und Gasunternehmen die operative Effizienz um bis zu 50 Prozent steigern. Zudem hat Accenture ein Kernkraftwerk dabei unterstützt, die präventive Wartung um zwei Stunden zu reduzieren, wodurch sich die Zeit für Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Arbeitspaket um 75 Prozent verringerte.

Accenture Grafik mit HSE-Software Zeit und Geld sparen
Sparen Sie Zeit und Geld und verbessern Sie die Sicherheit. - Grafik: Accenture

Dies klingt vielversprechend. Vielen Arbeitgebern fällt es allerdings schwer, die erwarteten Einsparungen sichtbar zu machen, wenn sie keine direkte Reduzierung der Kosten oder des Personalbestands nachweisen können. Ein weiteres Unternehmen, das Accenture beraten hat, hat vor kurzem eine umfassende Initiative in Richtung papierloses Büro eingeleitet und elektronische Systeme zur Arbeitskontrolle sowie den softwaregebundenen Zugriff auf Betriebsprozesse, Handbücher und Zeichnungen eingeführt. Die Kosten für einen Standort mit 60 Endnutzern beliefen sich auf rund zwei Millionen Euro - zum Beispiel für Tablets, Konnektivität, Prozessentwicklung und Unterstützung beim Änderungsmanagement. Diese Kosten werden für künftige Standorte wahrscheinlich viel niedriger sein - vermutlich unter 50 Prozent. Durch eine Verringerung der Ausgaben für Dienstleister von 15-20 Prozent, eine Reduzierung der Überstunden der Mitarbeiter von fünf bis zehn Prozent und eine Produktionssteigerung von zwei bis drei Prozent - die durch eine Verkürzung der geplanten und ungeplanten Abschaltdauer erreicht wurde - konnten Einsparungen in Höhe von 1,5 Millionen Euro pro Jahr realisiert werden.

Arbeitsschutz, Prozesssicherheit: Benötigen Sie Unterstützung?

James Brown - Bild: Accenture

James Brown ist Industry Senior Principal der Sparte Industry X Digital Manufacturing und Operations von Accenture mit Sitz im UK. Er ist HSE- und Prozesssicherheits-Spezialist und hilft Unternehmen ihre Performance im Bereich HSE und Operations mithilfe neuer Technologien zu verbessern. Sie erreichen James über LinkedIn.

Peter Lempriere - Bild: Accenture

Peter Lempriere ist Industry Senior Principal der Sparte Digital Manufacturing und Operations von Accenture mit Sitz im UK. Peter ist Chartered Manager und Engineer mit mehr als 30 Jahren Erfahrung in Upstream- und Downstreamsystemen der Öl- und Gasindustrie. Sie erreichen Peter über LinkedIn.

David Parry - Bild: Accenture

David Parry ist Industry Principal Director der Sparte Digital Manufacturing und Operations von Accenture in den USA und leitet unsere Mobile Workforce Abteilung. David ist Experte in Lösungen, die das Arbeiten im Büro und Feld digital transformieren. Sie erreichen David über LinkedIn.

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