Accenture rückt auf der Hannover Messe einen ganz speziellen digitalen Dienst in den Vordergrund: die ‚Virtualisierung’ von Produkten, Produktlebenszyklen und ganzen Fertigungsabläufen mittels ‚Digital Twin’ und ‚Digital Thread’.

Accenture rückt auf der Hannover Messe einen ganz speziellen digitalen Dienst in den Vordergrund: die ‚Virtualisierung’ von Produkten, Produktlebenszyklen und ganzen Fertigungsabläufen mittels ‚Digital Twin’ und ‚Digital Thread’. – Bild: Accenture

Produktion: Herr Riemensperger, Sie beschäftigen sich täglich mit der Digitalisierung der deutschen ‚Leitindustrien’, also auch des Maschinenbaus. Was erwarten Sie von der kommenden Hannover Messe?“

Frank Riemensperger: „Zum einem die Fortsetzung dessen, was die meisten Unternehmen schon im vergangenen Jahr gezeigt haben: Vernetzung, Software-Einsatz und Daten-Erzeugung sowie Verwertung mittels ‚Smart Products‘. All das schreitet schließlich immer weiter voran, und das ist auch gut so. Was mir allerdings weiterhin fehlt, ist die Nutzung dieser Technik in neuen Geschäftsmodellen. Ich hoffe, dass die diesjährige Messe hier Neues bringen wird. Wir müssen hier in Deutschland nämlich wirklich bald die nächste Stufe zünden, um unsere führende Stellung in Sachen Industriedigitalisierung zu behaupten!“

Produktion: In wiefern ist diese Stellung denn gefährdet? Wie stehen wir denn im Vergleich zu anderen Industrieländern da?

Riemensperger: „Na, im internationalen Vergleich schneiden wir nach wie vor hervorragend ab, da brauchen Sie nur in die bekannten Rankings zu schauen. Aber ich sehe trotzdem einen wachsenden Handlungsdruck auf unsere Leitindustrien, schließlich schlafen die anderen Länder nicht. China investiert Milliarden in die Digitalisierung seiner Industrien und hat überdies große Plattform-Unternehmen, die jetzt gezielt Schlüsseltechnologien wie Künstliche Intelligenz für unsere Leitindustrien entwickeln. Die USA haben jetzt eine Steuerreform verabschiedet, die das Land wieder zu einem hoch-wettbewerbsfähigen Industriestandortmachen kann. Ich meine schon, dass wir uns auf beides einstellen müssen.“

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Frank Riemensperger: „Für uns steht auch dieses Jahr wieder die ganzheitliche Digitalisierung im Vordergrund – also die Veränderung hin zur ‚Industrie X.0’, wie wir das nennen. Und da dreht sich eben vieles um Smart Products, digitale Geschäftsmodelle und KI.“ – Bild: Accenture

Produktion: Was also empfehlen Sie? Welche Ansatzpunkte bieten sich den deutschen Unternehmen und was sollten sie tun?

Riemensperger: „Ganz einfach: Die Technologie ist da – jetzt müssen die Firmen auf der Ertragsseite innovativer werden. Uns fehlen einfach noch immer die wirklich digitalen Geschäftsmodelle; die Betriebe müssen endlich in digitale Dienste für mehr Wachstum investieren.

Wir haben gerade erst die Entwicklung der 500 erfolgreichsten deutschen Unternehmen untersucht. Und dabei kam heraus: Die Firmen digitalisieren zwar fleißig, verdienen aber noch kaum damit. Wir haben noch immer wenig echte Plattform-Geschäfte und auch die Zusammenarbeit in Ökosystemen kommt nur zögerlich voran. Das ist übrigens zumindest teilweise der Gesetzgebung geschuldet.

Die Datenschutz-Grundverordnung hat grundsätzlich ihre Berechtigung. Aber die Ausgestaltung des Gesetzes lässt viele Unsicherheiten und behindert damit das Teilen und Nutzen von Daten in bestimmten Bereichen. Für Plattformen, unternehmensübergreifende Zusammenarbeit oder auch den Einsatz von KI ist das Gift! Wir brauchen eine Regulierung, die den Austausch von Daten befördert und nicht behindert.“

Produktion: Die Künstliche Intelligenz haben Sie jetzt schon mehrfach erwähnt. Ist deren Einsatz in der Industrie denn wirklich schon Thema?

Riemensperger: „Ganz sicher. Ich erwarte sogar, dass dieses Thema auf der diesjährigen Messe eine Hauptrolle spielen wird – für Accenture sowieso. In vielen Industrie-4.0-Anwendungen stecken schließlich heute schon Machine-Learning-Algorithmen. Nehmen Sie die vorausschauende Wartung: Die kommt ohne KI zur Erkennung von Mustern und Unregelmäßigkeiten gar nicht aus. Wir sehen aber auch Einsatzmöglichkeiten im Bereich der Entscheidungs-Unterstützung, der Befähigung von Fertigungs- und Kundendienstmitarbeitern, sowie in Vertrieb und Verwaltung. Und wir rechnen damit, dass KI ihren Weg in Industrieprodukte finden wird: als ‚neue Benutzeroberfläche‘, die das Bedienen von Schaltern, Hebeln oder Konsolen überflüssig macht.“

Im Februar startete die Hannover Messe ihre alljährliche ‚Presse-Preview’ –  eine gute Gelegenheit für einen Blick voraus: Welche Themen werden besonders wichtig, und weshalb? Für Frank Riemensperger, Digitalisierungs-Experte, steht vor allem die Weiterführung der Digitalisierung im Vordergrund.
Im Februar startete die Hannover Messe ihre alljährliche ‚Presse-Preview’ – eine gute Gelegenheit für einen Blick voraus: Welche Themen werden besonders wichtig und weshalb? Für Frank Riemensperger, Digitalisierungs-Experte, steht vor allem die Weiterführung der Digitalisierung im Vordergrund. – Bild: Accenture

Produktion: Steht die Hannover Messe 2018 endlich für die ‘ganzheitliche Digitalisierung‘?

Riemensperger: „Die Mehrzahl der Unternehmensentscheider wünscht sich eine ganzheitliche Digitalisierung, die sowohl Effizienzvorteile als auch zusätzliches Wachstum erschließt. Doch nur ein Bruchteil von ihnen investiert entsprechend.

Das zeigen die Resultate der Accenture-Untersuchung „Combine and Conquer“ zum Technologieeinsatz in Firmen. Dieser zufolge investieren nur 13 Prozent der Unternehmen sowohl in Vorhaben zur Kostensenkung als auch in neue digitale Lösungen und Geschäftsmodelle. Eine bessere, stärker ganzheitliche Nutzung digitaler Technik könnte nach Berechnungen der Verfasser im Maschinenbau erhebliche Wertzuwächse erschließen – gestützt durch Einsparungen von rund 35.000 Euro je Beschäftigtem (reine Vergleichsgröße; die Einsparungen entstehen nicht durch Stellenstreichungen).“

Produktion: Welche Themen bring Accenture sonst noch mit auf die Messe?

Riemensperger: „Für uns steht auch dieses Jahr wieder die ganzheitliche Digitalisierung im Vordergrund – also die Veränderung hin zur ‚Industrie X.0’, wie wir das nennen.

Und da dreht sich eben vieles um Smart Products, digitale Geschäftsmodelle und KI. Im Zusammenhang mit ersteren rücken wir diesmal aber auch noch einen ganz speziellen digitalen Dienst in den Vordergrund: die ‚Virtualisierung’ von Produkten, Produktlebenszyklen und ganzen Fertigungsabläufen mittels ‚Digital Twin’ und ‚Digital Thread’. Zwei weitere Schlüsseltechnologien, mit denen die Unternehmen nicht nur Kosten senken, sondern überdies auch Umsätze erzielen können."

Accenture macht ‚Digital Twins’ zum Thema unseres Messe-Programms: Gemeinsam mit Partnern beleuchtet Accenture, wie Digital-Twin-Ansätze technisch machbar sind, welche Dienste und Geschäftsmodelle sich darauf begründen lassen, und was deren Nutzung für die Industrie bedeutet.
Die Beratung Accenture macht ‚Digital Twins’ zum Thema ihres Messe-Programms: Gemeinsam mit Partnern beleuchtet Accenture, wie Digital-Twin-Ansätze technisch machbar sind, welche Dienste und Geschäftsmodelle sich darauf begründen lassen und was deren Nutzung für die Industrie bedeutet. – Bild: Accenture

Produktion: Von den ‚digitalen Zwillingen’ liest man in der Tat recht häufig. Nochmal die Frage: Wie Praxis-relevant sind diese Verfahren?

Riemensperger: „Je nach Industrie: sehr. Im Flugzeugbau ist das Standard oder in der Auto-Industrie. Aber auch im Maschinen- und Anlagenbau hält die Technik Einzug. Virtuelle Verfahren ermöglichen äußerst schnelle, preiswerte Simulationen komplexer Abläufe oder auch günstige, hoch-realistische Visualisierungen. Das spart Geld in Entwicklung, Engineering und Marketing – und ist deshalb die Zukunft.

Darum verstärken wir uns ja gerade entsprechend: Unsere Ankündigung, mit Mackevision einen der führenden CGI-Dienstleister der Industrie übernehmen zu wollen, haben sie ja vielleicht gelesen. Und wir machen Digital Twins zum Thema unseres Messe-Programms: Gemeinsam mit Partnern beleuchten wir, wie Digital-Twin-Ansätze technisch machbar sind, welche Dienste und Geschäftsmodelle sich darauf begründen lassen und was deren Nutzung für die Industrie bedeutet.“

Produktion: Vielleicht noch eine letzte Frage bezüglich Ihrer Bewertung vom Anfang: Meinen Sie, die deutsche Industrie schafft die Zündung der erwähnten ‚zweiten Stufe’?

Riemensperger: „Da bin ich nach wie vor zuversichtlich – wenn vielleicht auch nicht mehr ganz so zuversichtlich wie noch vor einigen Jahren. Die Startvoraussetzungen unserer Unternehmen sind nämlich nach wie vor hervorragend; die Industrie X.0 braucht schließlich beides: Industrie und Plattformen, oder Hardware und Software, Stahl und Daten. Und sozusagen die Hälfte davon beherrschen unsere Unternehmen hervorragend.

Aber: Dieser Vorsprung hält nicht ewig und die Welt dreht sich nunmal weiter, mit den bereits erwähnten Folgen. Wir können also noch immer Weltmarktführer bleiben – aber nur, wenn unsere Unternehmen schnell und zielgerichtet genug handeln und die Regulierung die Weichen ‚pro Daten-basierte Geschäftsmodelle’ stellt.“

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Für mehr Einschätzungen von Frank Riemensperger: Folgen Sie ihm auf LinkedIn! Weitere Informationen zu Accentures Präsenz auf der Hannover Messe 2018 finden Sie auf dieser Website. Die Ankündigung zur Übernahme des CGI-Spezialisten Mackevision finden Sie auf den Accenture-Presse-Seiten oder auf www.Mackevision.com/de.