"Komplexere Dienste wie etwa die Überwachung und Fernsteuerung ganzer Anlagen oder die softwaregestützte Optimierung von Fertigungsabläufen beim Kunden sind eher etwas für spätere Phasen", so Buch-Autor Eric Schaeffer.

"Komplexere Dienste wie etwa die Überwachung und Fernsteuerung ganzer Anlagen oder die softwaregestützte Optimierung von Fertigungsabläufen beim Kunden sind eher etwas für spätere Phasen", so Buch-Autor Eric Schaeffer. - Bild: Accenture

Spätestens seit der letzten Hannover Messe scheint klar: Der Mittelstand hat die Herausforderungen der Digitalisierung angenommen. Die Firmen investieren in Vernetzung, Software und neue Dienste; Marktuntersuchungen zufolge nutzen beispielsweise rund 40 Prozent bereits Industrie 4.0-Anwendungen.

Trotzdem steht die Industriedigitalisierung weiterhin am Anfang. Wirklich digitale Leistungen, Geschäftsmodelle und Erlöse bilden noch immer die Ausnahme. Eine Untersuchung der Unternehmensberatung Accenture zeigt, dass selbst die großen Mittelständler bisher nur wenig Gewinn mit der Digitalisierung machen: Der deutsche Maschinenbau erreicht demnach mit rund 6,1 Prozent Gewinnmarge immer noch nur einen Bruchteil dessen, was in der digitalisierten Wirtschaft möglich ist.

Für Eric Schaeffer, Senior Managing Director in Accentures Industrial Equipment-Practice, ist das wenig überraschend. Er hat sich umgehend mit der Frage beschäftigt, wie Industrieunternehmen die Digitalisierung für die eigene Wertschöpfung nutzen und dann ein Buch darüber verfasst: 'Industry X.0: Digitale Chancen in der Industrie nutzen'.

In einem Gespräch über seine Erkenntnisse sagt er über den Stand der Digitalisierung im Maschinenbau: „Die meisten Unternehmen haben Digitalisierung zunächst als einen Weg zur Effizienzsteigerung begriffen. Das ist nicht per se falsch, reicht aber nicht aus.“ Um den vollen Wertbeitrag digitaler Technik zu erschließen, müssten die Firmen aber weitergehen.

‚Smart Products‘ als Grundlage

Der nächste Schritt bestünde Schaeffer zufolge im Digitalisieren von Produkten. „Das ist schlicht der beste Weg zu neuen Geschäftsmodellen. Sie nehmen ein Bauteil, eine Maschine oder eine ganze Anlage und machen sie smart. Sprich: Sie steigern ihren Mehrwert, indem Sie sie vernetzen, mit Software versehen, oder sogar mit künstlicher Intelligenz. Damit schaffen Sie die Grundlage für alles Weitere.“

Dieses Vorgehen – Schaeffer spricht von der Neuerfindung von Industrieprodukten – biete den Unternehmen eine ganze Reihe von Vorteilen: „Sie können unmittelbar mit den Ressourcen, dem Know-how und sogar den Kunden arbeiten, die sie ohnehin schon haben. Aufwand und Kosten bleiben überschaubar. Und, das Ganze rührt nicht unbedingt an Ihrem bestehenden Geschäftsmodell.“ Auf diese Weise erlaubten Smart Products den schrittweisen Übergang hin zur Industrie 4.0.

Letzteres sei gerade für mittelständische Unternehmen entscheidend. „Die brauchen ja die Umsätze aus dem Bestandsgeschäft, um die weitere Digitalisierung zu bezahlen. Sie können also keineswegs einfach den Hebel umlegen von Alt auf Neu wie ein Software-Konzern, der von Lizenz- auf as-a-Service-Verkauf umstellt. Das Digitalisieren vorhandener Produkte ist da ein guter Mittelweg.“

Eric Schaeffer, Senior Managing Director in Accentures Industrial Equipment-Practice: „Die meisten Unternehmen haben Digitalisierung zunächst als einen Weg zur Effizienzsteigerung begriffen. Das ist nicht per se falsch, reicht aber nicht aus.“ Um den vollen Wertbeitrag digitaler Technik zu erschließen, müssten die Firmen aber weitergehen.
Eric Schaeffer, Senior Managing Director in Accentures Industrial Equipment-Practice: „Die meisten Unternehmen haben Digitalisierung zunächst als einen Weg zur Effizienzsteigerung begriffen. Das ist nicht per se falsch, reicht aber nicht aus.“ Um den vollen Wertbeitrag digitaler Technik zu erschließen, müssten die Firmen aber weitergehen. - Bild: Accenture

Erst as-a-Service, dann das Resultat

In seinem Buch veranschaulicht Schaeffer dieses Vorgehen am Beispiel des französischen Reifenherstellers Michelin: Der hat die eigene Digitalisierung vorangetrieben, indem er LKW-Reifen mit Sensoren ergänzt und diese per IoT vernetzt hat. Damit erhielt das Unternehmen Einblick in die Reifennutzung von Fuhrunternehmen und ermittelte schnell Möglichkeiten zur Verbesserung des Reifeneinsatzes. Bald konnte Michelin seine Reifen as-a-Service vermieten: Kunden bezahlen jetzt je gefahrenem Kilometer.

Inzwischen ist das Unternehmen sogar noch weiter: „Heute verkauft Michelin ein ganzes Bündel an Diensten: Reifen as-a-Service, Bereifungs-Management, Flotten-Überwachung und Apps, mit denen Fahrer ihre Fahrweise verbessern und den Spritverbrauch senken können. Im Zusammenspiel sparen die Kunden 2,5 Prozent Dieseltreibstoff, knapp 2.500 Euro pro Jahr und LKW. Und das so zuverlässig, dass Michelin dieses Resultat sogar verbindlich zusichert.“

Das neue Modell biete Kunden den Mehrwert niedrigerer Kapitalkosten und sichere Michelin wiederkehrende Umsätze und eine höhere Kundenbindung. Damit sei der Übergang vom Reifen- ins Digitalgeschäft geglückt. „Alles schrittweise aus dem alten Geschäftsmodell heraus entwickelt, ohne großen Bruch.“

Schaeffer zufolge kann jeder Industriebetrieb Vergleichbares erreichen: „Wenn Sie klein starten, mit einem klaren Plan, und schrittweise dazulernen, sind Kosten wirklich kein allzu großes Hindernis – Geldknappheit ist meiner Erfahrung nach bloß die Ausrede der Ängstlichen.“ Die meisten Digitalisierungs-Vorhaben bezahlten sich mit der Zeit von selbst, insbesondere, wenn die Verantwortlichen auf preiswerte Standard-Lösungen setzten.

Spätestens seit der letzten Hannover Messe scheint klar: Der Mittelstand hat die Herausforderungen der Digitalisierung angenommen. Die Firmen investieren in Vernetzung, Software und neue Dienste.
Spätestens seit der letzten Hannover Messe scheint klar: Der Mittelstand hat die Herausforderungen der Digitalisierung angenommen. Die Firmen investieren in Vernetzung, Software und neue Dienste. - Bild: Accenture

„Am Markt bekommen Sie heute eine Reihe hervorragender IoT- und Industrie 4.0-Plattformen und Apps für wenig Geld; viele davon können Sie mieten. Und wenn Know-how fehlen sollte: Beratungsfirmen wie Accenture haben inzwischen jede Menge Erfahrung im Digitalisieren von Fertigungsunternehmen. Und die zuzukaufen, kann sich ebenfalls rechnen: Meist verkürzen die externen Experten die Time-to-Value von Vorhaben erheblich.“

Tatsächlich hake die Digitalisierung, wenn, dann meist an einer anderen Stelle – der Kultur. Deren Wandel mache gerade im Maschinenbau bisweilen Schwierigkeiten: „Der Umbau erfordert eine gewisse Offenheit nach außen und Mut zum Experimentieren; zu Letzterem gehören Fehlschläge dazu. Die Maschinenbauer, die ich kenne, mögen das nicht besonders.“

Start mit einfachen Anwendungen

Doch auch diese Hürde könnten Unternehmen überwinden: „Wie erwähnt, ist die Zahl bewährter Lösungen, Best-Practices und Erfahrungswerte recht groß.“ Wer auf die zurückgreife, reduziere das Risiko von Fehlschlägen erheblich. Zudem empfiehlt Schaeffer den Einstieg mit einfachen Industrie 4.0-Anwendungen:

„Sofern Sie klein starten, sollten Sie keine großen Schwierigkeiten bekommen. Bleiben Sie zum Einstieg daher etwa bei Use Cases wie Predictive Analytics, Fern- und vorausschauende Wartung oder auch Anlagen-Leistungssteigerung, oft ‚Overall Equipment Effectiveness‘ genannt. Richtig eingesetzt, bringen auch die einiges fürs Betriebsergebnis.“

Ein Accenture-Kunde habe beispielsweise allein durch den Einsatz einfacher Predictive Analytics-Routinen und simpler E-Mail-Alerts die Effizienz der eigenen Service-Techniker steigern und so die Kundenzufriedenheit erheblich steigern können – „bei zugleich erheblich verringerten Gewährleistungskosten.“

Solche einfachen Anwendungen rund um den Maschinenbetrieb und dessen gezielte Verbesserung eignen sich laut Schaeffer ganz besonders für den Einstieg ins Smart Products-Geschäft.

Komplexere Dienste wie etwa die Überwachung und Fernsteuerung ganzer Anlagen oder die softwaregestützte Optimierung von Fertigungsabläufen beim Kunden seien dagegen eher etwas für spätere Phasen. „Dafür brauchen Sie dann schon eine reifere Plattform und Software und nicht selten Partner, die sie bei der Leistungserbringung unterstützen – derlei eignet sich nicht für die ersten Schritte im as-a-Service-Geschäft.“

Einfache Anwendungen rund um den Maschinenbetrieb und dessen gezielte Verbesserung eignen sich laut Schaeffer ganz besonders für den Einstieg ins Smart Products-Geschäft.
Einfache Anwendungen rund um den Maschinenbetrieb und dessen gezielte Verbesserung eignen sich laut Schaeffer ganz besonders für den Einstieg ins Smart Products-Geschäft. - Bild: Accenture

Mehr Hinweise, mehr Beispiele

Eric Schaeffers Buch ‚Industry X.0: Digitale Chancen in der Industrie nutzen’ ist im Redline Verlag erschienen und im gut sortierten Buchhandel erhältlich. Wer den Verfasser lieber selbst nach weiteren Hinweisen und Erfahrungswerten rund um Smart Products fragen will, bekommt dazu während der Hannover Messe Gelegenheit: Während dieser Messe hält Eric Schaeffer nämlich unter anderem einen Vortrag über die ‚Neu-Erfindung des Produkts’. Näheres hierzu bietet Accenture auf dieser Website zu ‚Industry X.0’.

Die in der Einleitung erwähnte Accenture-Untersuchung ‚Deutschlands Top 500’ ist im Januar 2018 erschienen und wurde in Zusammenarbeit mit der Zeitung Die Welt vorgestellt. Der vollumfängliche Studienbericht steht auf dieser Website zur Verfügung.