Dieser Cobot baut einen ‚Digital Shopfloor’-Prototypen aus Fischertechnik-Modellteilen, aber mit echten PLCs (Programmable Logic Controller).

Dieser Cobot baut einen ‚Digital Shopfloor’-Prototypen aus Fischertechnik-Modellteilen, aber mit echten PLCs (Programmable Logic Controller). – Bild: Accenture

Die zunehmende Verbreitung von Smart Products beschert vielen Maschinen- und Anlagenbauern eine gänzlich neue Aufgabe: Statt wie früher vor allem Hardware zu entwickeln, rücken im Zeitalter der Industrie 4.0 digitale Dienste in den Vordergrund – sie sind der zukünftige Innovationsturbo im Maschinebau. Das ist leichter gesagt als umgesetzt: Welche Services könnte man zusammen mit vernetzten Maschinen verkaufen und welche Daten braucht man dafür? Welche benötigen die Kunden überhaupt? Und wie sehen die einzelnen Services konkret aus?

Die Beantwortung dieser Fragen fällt vielen Industrieunternehmen nach wie vor schwer. Zum einen, weil sie oft nicht oder nur begrenzt über die notwendigen Fähigkeiten und das Know-how bei Digitalisierung verfügen. Zum anderen aber auch, weil sowohl Kultur als auch Arbeitsabläufe stärker auf den Vertrieb von Produkten und Hardware-Entwicklung eingestellt sind als auf Kunden und Dienst-Innovationen. Kurz: Den Firmen fehlt, was für die Entwicklung und Vermarktung digitaler Services im großen Maßstab nötig wäre.

Experimentieren als Weg zum Ziel: Das Erkunden neuer Technologien – hier bei einem Besuch in Accentures IIoT Innovation Center in Garching – wird zum festen Bestandteil industrieller Innovation.
Experimentieren als Weg zum Ziel: Das Erkunden neuer Technologien – hier bei einem Besuch in Accentures IIoT Innovation Center in Garching – wird zum festen Bestandteil industrieller Innovation. – Bild: Accenture

Genau aus diesem Grund hat Accenture vor einigen Monaten ein umfangreiches Leistungspaket zusammengestellt, das Industrieunternehmen beim Schließen dieser Lücke unterstützen soll: Die ‚Digital Services Factory’ bietet strategische und organisatorische Best-Practices, innovationsbezogene Verfahren sowie Beratungsleistungen und IT-Services aus einer Hand. Sarat Maitin, Managing Director und Europa-Geschäftsführer im Bereich Industry X.0 bei Accenture, erläutert den neuen Ansatz.

Produktion: Für wen ist die ‚Digital Services Factory’ gedacht, was leistet die Lösung?

Sarat Maitin: „Mit der Factory richten wir uns vor allem an Industrieunternehmen, die den Einstieg ins Geschäft mit digitalen Diensten bereits begonnen haben – und jetzt nach Wegen suchen, ihre Service-Innovation und Dienst-Entwicklung erheblich zielgerichteter und schneller zu gestalten. Denn unsere Lösung leistet genau das: sie erhöht die Wirksamkeit und verkürzt den Aufwand für Ideenfindung und -auswahl sowie die anschließende Entwicklung der Services. Und sie beschleunigt Prototyping, Skalierung und Roll-out neuer digitaler Services.

So trägt sie dazu bei, dass Firmen sehr nah am tatsächlichen Bedarf ihrer jeweiligen Kunden entwickeln – und dass die ‚Time to Market’, also die Zeit von der ersten Idee bis zur Markteinführung einer neuen Lösung, äußerst kurz bleibt. Genau das ist ein entscheidender Vorteil, denn wir wissen ja, dass es im digitalen Wettbewerb vor allem auf Schnelligkeit und deutlich kürzere Innovationszyklen ankommt.“

Produktion: Wie groß ist denn der Nachholbedarf in Sachen digitale Services bei Industrieunternehmen?

Maitin: „Viele unserer Kunden beschäftigen sich bereits mit digitalen Diensten, früher oder später kommt aber immer die Frage auf: Wie schnell, zu welchen Kosten, und mit welchem Risiko können wir diese entwickeln? Aus unserem Beratungsalltag kennen wir die üblichen Schwierigkeiten, auf die Industriebetriebe beim Einstieg in Service-Innovationen treffen. Die größte Hürde ist fast immer der Kulturwandel, denn hier braucht es den Mut, über Jahrzehnte gewachsene Strukturen und Denkweisen aufzubrechen.

Konkret heißt das: weg von Produkt-Perfektionismus und hin zu einer stärker kundenorientierten ‚Try fast, fail fast’-Haltung. Auf technischer Ebene ist die Verfügbarkeit und der Zugriff auf Daten ein Problem. Digitale Services sind ja per Definition datengetrieben; und wenn diese in abgeschotteten Silos liegen, wird eine große Chance vertan.“

Produktion: Können sie die entsprechenden Veränderungen nicht selbst herbeiführen?

Maitin: „Für die Unternehmen ist das weniger eine Frage des Könnens als der Geschwindigkeit. Und hier braucht es erfahrene Partner. Accenture ist im Beratungsmarkt einer der Vorreiter bei der Entwicklung von digitalen Diensten. Wir beherrschen die nötigen Technologien, kennen die branchenspezifischen Problemstellungen, und haben darauf die passenden Antworten. Zudem können wir als Außenstehende meist sehr schnell helfen, etwa indem wir in Workshops kundenzentriertes Denken fördern und die verschiedenen Abteilungen an einen Tisch bringen.

Wenn es um die technische Umsetzung geht, haben wir natürlich die Fähigkeiten, die für die Dienstentwicklung nötig sind: kundenorientierte Herangehensweisen, Analytics-gestützte Innovations- und Erprobungsverfahren, Softwareentwicklung und dergleichen. Und all das in entsprechender Menge und Verfügbarkeit, damit Kunden einmal entwickelte Dienste auch wirklich auf den Markt bringen können.“

Produktion: Welche Rolle spielt die digitale Dienste-Fabrik dabei?

Maitin: „Die ist letztlich eine Art Beschleuniger: der Kunde gibt die Richtung vor und entscheidet, welche Schwerpunkte gesetzt werden. Dann ‚errichten’ wir die Fabrik und sorgen dafür, dass alles rundläuft. Indem wir Innovationsmanagement-Abläufe bündeln, neue Verfahren beim Kunden einbringen und Know-how sowie Ressourcen ‚as-a-Service’ zur Verfügung stellen. Sprich: Wir erarbeiten gemeinsam mit dem Kunden neue Abläufe, und stellen hierfür bereit, was an Expertise und Technik fehlt – etwa, indem wir Zugriff auf das weltweite Accenture-Innovationsnetzwerk gewähren.

Auf diese Weise verändern, verstärken und ergänzen wir die vorhandenen Innovations- und Entwicklungsabläufe eines Kunden derart, dass sie sich besser für die Entwicklung digitaler Dienste eignen. Dabei richten wir uns natürlich nach dem genauen Bedarf: Steht eher das Entwickeln neuer Ideen im Vordergrund? Die eigentliche Dienstentwicklung? Oder sind es doch die Dienstvermarktung und der Betrieb der Lösungen? Jede ‚Digital Services Factory’ ist also ein klein wenig anders.“

Die ‚Digital Services Factory’ bei Schneider Electric

Beim französischen Energie- und Automationsspezialisten hat Accenture bereits erfolgreich eine ‚Digital Services Factory’ eingerichtet. Seitdem arbeiten Schneider Electric- und Accenture-Experten Seite an Seite, um jedes Jahr gleich mehrere digitale IIoT-Dienste rund um Schneiders Industrieausrüstungen zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Eine ausführliche Beschreibung der Fallstudie findet sich auf dieser Accenture-Website.

Dieser gelbe Raum ist einer der Worshop-Spaces im Garchinger IIoT Innovation Center von Accenture.
Dieser gelbe Raum ist einer der Worshop-Spaces im Garchinger IIoT Innovation Center von Accenture. – Bild: Accenture

Produktion: Können Sie beschreiben, wie so ein Vorgehen in der Praxis aussieht?

Maitin: „Sicher. Wenn ein Kunde zum Beispiel ganz grundsätzlich die Voraussetzungen für effiziente Service-Innovation schaffen will, dann gehen wir schrittweise vor. Dann entwickeln wir etwa zunächst die grundsätzliche Zielsetzung für die digitalen Services. Daraus leiten wir zum einen Kriterien für die spätere Ideen-Auswahl ab sowie Anforderungen an Organisation, Mitarbeiter und Technik. Und dann steigen wir meist schon in die Entwicklung und Prüfung neuer Service-Ideen ein – etwa mittels Design-Thinking-Workshops und Prototyping-Vorhaben.

Wenn ein Vorhaben dann in die praktische Umsetzung geht, also wirklich im großen Maßstab entwickelt werden muss, helfen wir bei Bedarf natürlich ebenfalls. Das tun wir, indem wir entweder bestehende Kapazitäten des Kunden besser vernküpfen und einsetzen als bisher. Oder indem wir selbst ‚on-demand’- oder ‚as-a-Service’-Lösungen beisteuern, wieetwa eine Cloud-Plattform, eine Analytics-Lösung oder eine Testumgebung. Und wir stellen natürlich auch Data Scientists, Entwickler oder Projektmanager zur Verfügung.“

Produktion: Sie unterstützen also auch die eigentliche Ideenentwicklung? Wie genau helfen die Accenture-Experten denn da?

Maitin: „Auf recht verschiedene Weise, je nachdem, wo der Kunde starten will. Ist eine daten- und einsichtsgetriebene Arbeitsweise gefragt, können unsere Data Scientists zum Beispiel Betriebsdaten untersuchen, Nutzungsmuster erkennen und daraus erste Ideen für digitale Dienste erzeugen. Letzteres tun sie üblicherweise in ‚Design-Thinking’-Workshops und gemeinsam mit den Fachleuten des Kunden. Dabei werden meist ‚Customer Journeys’ nachvollzogen, sprich man zeichnet das bisherige Kundenerlebnis rund um ein Produkt nach und überlegt sich, wie diese ‚Reise’ in Zukunft besser auf die Bedürfnisse des Kunden zugeschnitten werden kann.

Auf dieser Grundlage lassen sich häufig schon erste Prototypen entwickeln, dazu gehören auch rudimentäre Apps oder erste Software-Integrationen, die wir in unseren ‚Liquid Studios’ bauen – das sind kleine, auf schnelle Software-Entwicklung spezialisierte Einrichtungen mitsamt Entwicklerteams . Und dann stehen wir Kunden natürlich zur Seite, wenn ein erfolgreich getesteter Dienst wirklich in Serie gehen soll.“

Produktion: Und wie gut klappt diese Zusammenarbeit mit dem Kunden?

Maitin: „Die haben wir in der Tat; der Digital-Factory-Ansatz hat sich bereits mehrfach bewährt. Wir haben den Ansatz unter anderem für den französischen Energie- und Automationsspezialisten Schneider Electric umgesetzt sowie für einige deutsche Kunden, deren Namen wir leider nicht verraten dürfen. Und für Kunden, die unsere Infrastruktur erstmal in kleinerem Umfang nutzen wollen, bieten wir aus unserem IIoT Innovation Center in Garching heraus ähnliche Leistungen rund um Service-Innovation und -Inkubation. Die Resultate von alledem sind bisher rundweg zufriedenstellend: Schneider Electric bringt inzwischen jedes Jahr gleich mehrere digitale Dienste neu auf den Markt – und ist dabei, die Zeit von der ersten Idee bis zur Marktreife um rund 80 Prozent zu verkürzen.“

Produktion: Klingt vielversprechend. Aber nicht jedes Unternehmen ist so groß wie Schneider Electric. Ist die ’Digital Services Factory’ auch etwas für kleinere Unternehmen?

Maitin: „Ganz klar ja – wir raten Kunden ganz unabhängig von deren Größe ohnehin dazu, zunächst klein anzufangen und dann Schritt für Schritt ihre ‚Digitalfabrik’ weiter wachsen zu lassen. Ich höre diese Frage offen gesagt ziemlich oft: ‚Ist das auch etwas für uns?’ Und ich antworte inzwischen immer auf die gleiche Weise: Wer in das Geschäft mit Smart Products und digitalen Diensten einsteigt, muss auch Service-Innovation beherrschen. Warum also nicht gleich einen strategischen, stark strukturierten und skalierbaren Ansatz dafür wählen statt ganz von vorne anzufangen? Sonst droht die Gefahr, dass sie zu viel Geld für Resultate ausgeben, die nicht so gut sind, wie sie sein könnten. Genau das vermeiden wir mit der ‚Digital Services Factory’. Und genau deshalb rechnet sie sich auch für Firmen, die nicht so groß sind wie Schneider Electric.“

Mehr zum Thema

Eine ausführliche Beschreibung der ‚Digital Services Factory’ von Schneider Electric finden Sie auf dieser Accenture-Website. Für weitere Einschätzungen von Sarat Maitin folgen Sie ihm auf LinkedIn – oder treffen Sie ihn auf der Hannover Messe 2018 am Accenture-Stand in Halle 6, Stand H46.