Wenn die Digitalisierung in einem Unternehmen nicht recht voran kommt, ist der Grund dafür oft in der Chefetage zu finden.

Wenn die Digitalisierung in einem Unternehmen nicht recht voran kommt, ist der Grund dafür oft in der Chefetage zu finden. - Bild: Derw Beamer/Unsplash

Wenn ein Unternehmen nicht vorwärtskommt beim Einstieg in die „Industrie 4.0“ – wie viel Verantwortung trägt dann der Unternehmer? Und: was kann sie oder er tun, um den eigenen Betrieb künftig besser voran zu bringen?

Eben diesen Fragen ist Accenture gemeinsam mir Dr. Eberhard Veit in der neuen Kurzstudie „Ein neuer Weckruf zur Digitalisierung“ nachgegangen. Das Beratungsunternehmen befragte mehr als ein Dutzend Führungsspitzen namhafter Mittelständler und Großunternehmen zu deren Einschätzung, welche Digitalisierungs-Hemmnisse diese auf Ebene der Unternehmensführung sehen.

Wir sprachen mit Thomas Rinn, Geschäftsführer bei Accenture Strategy und zuständig für das Mittelstands- und Industry X.0-Geschäft der Firma. Er hat die Untersuchung mit verfasst – und deren Zuschnitt maßgeblich beeinflusst.

Herr Rinn: Anders als andere, eher makro-ökonomische Industrie-4.0-Untersuchungen beschäftigt sich Ihre gleich mit der Führung deutscher Unternehmen – und den Herausforderungen und Versäumnissen dort. Warum?

Hauptsächlich aus drei Gründen. Erstens gehe ich als Strategieberater natürlich davon aus, dass die Verantwortung für strategische Themen „oben“ liegt, sprich bei Eigentümern, Aufsichtsräten und Vorständen. Zweitens ist auch mir klar: zwischen diesen drei Gruppen herrscht nicht immer Einigkeit – speziell bei großen, teuren Themen wie der Industrie 4.0. Und drittens kenne ich das Themenfeld „Unternehmertum und Führung“ sowie dessen Bedeutung auch aus eigener Erfahrung und kann mich dafür begeistern.

Über die Studie

Die Kurzstudie „Ein neuer Weckruf zur Digitalisierung“ beleuchtet, wie Spitzen-Entscheider ihre Unternehmen auf dem Weg in die Industrie 4.0 voranbringen können. Der Bericht trägt die Resultate aus umfangreichen, strukturierten Einzel-Interviews mit namhaften Unternehmern und Vorständen zusammen, die im Frühjahr 2019 gehalten wurden. Diese ergänzen die Verfasser um Handlungsempfehlungen für Geschäftsführer, Aufsichts- und Beiräte sowie Unternehmer. Der vollständige Bericht steht auf dieser Website zum Download bereit.

Und diese Schwierigkeiten – wie bedeutsam sind die für den Fortschritt von Industrie 4.0 und Digitalisierung der deutschen Betriebe?

Meiner Einschätzung nach: sehr bedeutsam. Das war ja sozusagen auch die Ausgangshypothese unserer Befragung, und Sie hat sich leider rundweg bestätigt. Natürlich bestehen im Zusammenhang mit der Industrie 4.0 viele Schwierigkeiten: Technische Herausforderungen, Fähigkeits- und Fachkräftemangel, Rechtsklarheit, Standards und dergleichen. Die Erfahrung lässt allerdings vermuten: Wie schnell und erfolgreich ein Unternehmen letztendlich digitalisiert, hängt in Wirklichkeit viel maßgeblicher von der Führung ab. Wenn Eigentümer, Vorstand und Aufsichtsrat entschlossen und zielstrebig als Team vorgehen, das heißt: Entscheidungen treffen, Mittel bereitstellen und Vorhaben unterstützen, dann treten all die anderen Schwierigkeiten meist schnell in den Hintergrund.

Was zeigt demnach Ihre Untersuchung: Fehlt diese entschlossene Unterstützung?

Ja, sie fehlt tatsächlich. Unsere Befragungen haben bestätigt, was wir als Berater ohnehin ständig erleben: Die Firmen-Spitzen entscheiden sich nicht bewusst für größerer Digitalisierungs-Vorhaben – aus meist sehr verständlichen Gründen. Entsprechend selten stellen sie die Mittel und Unterstützung für weit reichende Vorhaben bereit. Stattdessen geben sie sich mit „Pilot-Vorhaben“ und „Leuchtturm-Projekten“ zufrieden – und meinen dann bisweilen, drei IIoT-Projekte und ein Analytics-Dashboard machten schon eine Digitalisierung. Aber: so kann natürlich keine Industrie 4.0 entstehen, sondern höchstens Stückwerke. Das wiederum hilft dem Unternehmen aber meist nichts oder wenig, sprich: bringt nicht selten weniger ein als zuvor investiert wurde.

Digitalisierungs-Stückwerk im Mittelstand: Die Haupt-Ursachen

Schlüssel-Resultate der Accenture-Studie „Neuer Weckruf zur Digitalisierung“: diese vier Hemmnisse begünstigen „Digitalisierungs-Stückwerk“ und bremsen die Industrie 4.0.
Schlüssel-Resultate der Accenture-Studie „Neuer Weckruf zur Digitalisierung“: diese vier Hemmnisse begünstigen „Digitalisierungs-Stückwerk“ und bremsen die Industrie 4.0. - Bild: Accenture

Das heißt die Führungskräfte sind von der Digitalisierung frustriert?

Ja, hier und da ist schon eine gewisse Müdigkeit zu spüren – selbst in Firmen, die recht erfolgreich digitalisiert haben. Die müssen nämlich vermehrt feststellen, dass die erreichten Effizienzvorsprünge zwar beachtlich sind – aber keineswegs differenzierend wirken; Andere haben schließlich auch digitalisiert. Aber: Mit den erwähnten „Risiken“ meine ich eigentlich etwas anderes – nämlich Opportunitätskosten. Wenn Sie ein Mittelständler sind, der nur niedrige Margen verzeichnet, gerade aber dank starker Auftragslage an der Kapazitätsgrenze fertigt – womit würden Sie Ihre besten Ingenieure und „digitalsten“ Mitarbeiter beschäftigen? Mit der nächsten Runde Verbesserungen an ihren bestehenden Abläufen für sichere zwei bis drei Prozent Produktivitätszuwachs – oder mit einem KI-Vorhaben mit ungewissem Ausgang?

Sie erwähnen die Mitarbeiter: wie steht’s denn um deren Beitrag zum Aufbruch in die Industrie 4.0? Helfen die oder bremsen sie eher?

Oh, die Mitarbeiter helfen – und würden mehr tun, wenn man sie ließe. Hierzu haben wir sogar handfeste Zahlen aus anderen Accenture-Befragungen: diesen zufolge sind 84 Prozent der Belegschaft vom Nutzen digitaler Verfahren für die eigene Arbeit sogar begeistert; 66 Prozent geben an, digitale Hilfsmittel würden die Qualität ihrer eigenen Arbeit verbessern. Trotzdem sehen manche Chefs und Aufseher die eigene Belegschaft noch als „Bremser“ oder führen deren geringere Veränderungsbereitschaft als Vorwand dafür an, weshalb die Digitalisierung im eigenen Betrieb stockt. Stimmen dürfte das aber nur in den allerwenigsten Fällen.

Also sind die Unternehmer hierzulande zu sehr auf Sicherheit bedacht? Das klingt nach einem Klischee, dass man ständig hört...

So nun wieder auch nicht – Risiken eingehen liegt ja in der Natur des Unternehmers. Aber: den Zuständigen fehlen häufig die richtigen Werkzeuge für die Risiko-Steuerung von Digitalvorhaben - und das hemmt natürlich. Dazu kommen die unterschiedlichen Ziele der Stakeholder-Gruppen: Eine Eigentümer-Familie will vielleicht etwas anderes als der Vorstand, und der wiederum hat andere Vorstellungen als der Aufsichtsrat. Gleichzeitig ist das Interesse an Digitalthemen aber äußerst hoch – gerade im Vorstand erkennen viele die Digitalisierung als wesentlich und somit als Macht- und Karriere-Thema. Da können schnell Konflikte entstehen, etwa wenn der CFO, der Personalchef und der Marketing-Vorstand versuchen, die Digitalisierung der Firma für sich zu „übernehmen“ – und dabei den IT-Chef außen vor lassen.

Damit hätten Sie dann auch die wichtigsten Resultate der Befragung umrissen, richtig? Was empfehlen Sie Eigentümern, Aufsehern und Vorständen demnach?

Ja, stimmt: als Hauptursachen für das Digitalisierungs-Stückwerk in vielen Firmen haben wir eine zu starke Konzentration auf Pilotvorhaben ausgemacht, die fehlenden Digital-Fähigkeiten beteiligter Entscheider, die unzureichend klare Arbeitsteilung im Vorstand sowie das Fehlen einer übergeordneten Strategie; letzteres mag in vielen Fällen das Resultat der anderen drei Schwächen sein. Aber wir haben auch eine Reihe von „Best Practices“ und Verhaltensprinzipien ermittelt; im Bericht stellen wir zu jeder der vier Schwächen spezifische Empfehlungen vor. Außerdem haben wir am Ende auch noch zehn grundsätzliche Leitsätze für Vorstände, Aufsichts- und Beiräte eingefügt – entwickelt aus den besten Hinweisen unserer Gesprächsteilnehmer. Ich hoffe, dass in alledem der ein- oder andere hilfreiche Ansatz für Führungskräfte im Mittelstand dabei ist. Digital-Stückwerke dürften uns nämlich schon bald nicht mehr reichen; was wir jetzt brauchen, ist echter Fortschritt!

Mehr zum Thema

Den Bericht zur Studie „Ein neuer Weckruf zur Digitalisierung“ erhalten Sie hier.

Die von Thomas Rinn erwähnte Studie zum Thema Belegschaften und Digitalisierung hat Accenture für das World Economic Forum erstellt; die wichtigsten Resultate können Sie auf dieser Site nachlesen.

Mehr von Thomas Rinn finden Sie auf LinkedIn, hier finden Sie auch den zweiten Verfasser der Studie, Patrick Vollmer. Den dritten Autor, Dr. Eberhard Veit, erreichen Sie am besten über dessen Internetseite, https://4.0-veit.de/.