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Mehr Industrie 4.0 wagen? Experten empfehlen Unternehmen, jetzt in die Digitalisierung zu investieren. - Bild: Accenture

Grundsätzlich, da ist Thomas Rinn sich sicher, hat der Maschinenbau die Vorteile der Digitalisierung längst verstanden. Doch: die spezifischen Vorteile fürs eigene Unternehmen in Gänze zu beziffern, falle vielen Entscheidern bisher nach wie vor schwer – wenn sie derlei denn überhaupt versuchten.

„Viele Betriebe arbeiten derzeit an der Auslastungsgrenze, stecken so viele Ressourcen wie sie eben können in die Verbesserung bestehender Produkte. Da jetzt noch zusätzlich ‘digitale Wetten‘ einzugehen, das erscheint vielen als viel zu riskant“, weiß der Industrie-Experte.

Industriedigitalisierung schreitet voran

Hinzu käme, dass vielen Firmen schlicht das Know-how oder die Mittel fehlten, um die Chancen und Risiken entsprechender Vorhaben bewerten zu können. Genau das ist Rinn zufolge die größere Herausforderung – oft rechne sich digitale Technik nämlich: „Die Industriedigitalisierung schreitet nun einmal voran; die Chancen, die damit einhergehen, sind mehr als handfest. Was auch bedeutet: nicht alles, was riskant und teuer scheint, muss auch wirklich so sein.“

Der Unternehmensberater vermutet: wenn klarer wäre, was bestimmte, zielführend miteinander verknüpfte Vorhaben bringen, und wie man ein Dach darüber baut, würden mehr Maschinenbauer die eigene Digitalisierung schneller vorantreiben.

Zuerst einmal: „Digitalisieren, was da ist“

Tatsächlich hätten die Unternehmen Rinn zufolge nämlich jeden Grund, „mehr Industrie 4.0“ zu riskieren: Noch, meint Rinn, hätten die Betriebe Handlungsspielraum: „Die Industriedigitalisierung hat erst begonnen. Und das bedeutet: noch ist der Wettbewerbsdruck etwa aus dem Ausland weit niedriger als in anderen Branchen wie, sagen wir, Automotive oder Industrieelektronik. Vollauslastung darf aber keine Entschuldigung sein.“

Im Gegenteil: Die Firmen sollten die guten Zeiten lieber nutzen, um vorzusorgen. Denn noch hätten die Betriebe mehr Zeit und Ruhe für Veränderung als andere Branchen. Aber: „Das wird so nicht bleiben“, meint Rinn.

Wie die Gesamtlage einzuschätzen ist – und welche Handlungsempfehlungen für den Maschinenbau sich daraus ergeben – zeigt unter anderem Accentures „Disruptability Index“. Die großangelegte Untersuchung von 98 Industriezweigen zeigt auf, wie stark einzelne Branchen bereits heute von Disruption betroffen sind, und wie sehr von künftiger Disruption bedroht.

 

Resultat für den Maschinenbau: Industrieausrüster bewegen sich im „beständigen Szenario“ (vgl. Abbildung). In diesem herrscht zwar durchaus Veränderung, der entsprechende Druck ist aber noch nicht sehr hoch. Und auch die Bedrohung durch künftige Umbrüche ist vergleichsweise niedrig.

„Das heißt aber nicht, das ein ‚Weiter so!‘ ratsam wäre“, bestätigt Thomas Rinns Kollege Patrick Vollmer, bei Accenture zuständig für das Industriekunden-Geschäft in Mitteleuropa: „Die herrschende Disruption drückt durchaus aufs Geschäft.“ Im Maschinen und Anlagenbau mache sich beispielsweise der zunehmende Wettbewerb aus anderen Ländern bemerkbar sowie natürlich auch die jüngeren Verwerfungen im Welthandel Spuren hinterließen. Überdies verändere sich das Kaufverhalten von Kunden; Einkäufer bewerteten Anlagen zunehmend nach deren Effizienz und Vernetzbarkeit.

Eine Konjunktureintrübung dürfte diesen Trend noch verstärken: „Die Anzeichen für einen Abschwung mehren sich“, meint Vollmer. „Viele Geschäftsführer fragen uns deshalb, was ein Wachstumsrückgang für die Digitalisierung der eigenen Firma bedeutet.“

Zunächst das Kerngeschäft modernisieren

Was also raten die Berater diesen Entscheidern? „Die Empfehlung für Unternehmen im beständigen Szenario ist, zunächst das Kern- und Bestandsgeschäft zu modernisieren – Digitalisieren, was da ist, alles Weitere kommt dann“, führt Vollmer aus.

Tatsächlich steht im Berichtsband zum „Disruptability Index“: „Unternehmen in diesem Bereich sollten ihr Kerngeschäft gezielt weiterentwickeln, statt es bloß zu erhalten.“ Hierfür sei es vor allem erforderlich, die Kostenstrukturen im Betrieb zu verschlanken, um Gelder für künftige, stärker auf Wachstum gerichtete Vorhaben freizusetzen.

Das Mittel der Wahl demnach? „Ganz klar: Digitalisierungs-Vorhaben, die die Effizienz erhöhen“, meint Rinn. „Die eignen sich grundsätzlich, im Umfeld einer Konjunktur-Eintrübung aber natürlich erst recht.“

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Der Accenture Disruptability Index zeigt: noch befindet sich der Maschinen- und Anlagenbau im „beständigen Szenario“: Das Ausmaß der derzeitigen Disruption ist vergleichsweise beherrschbar, die Anfälligkeit für künftige Disruption eher niedrig. - Bild: Accenture

Digitalvorhaben, die “für sich selbst bezahlen”

Der Nutzwert derartiger Vorhaben steht für den Experten außer Frage: „Die Effizienz- und Wertsteigerungspotenziale von Verfahren wie etwa IIoT,  Big Data Analytics, digitalisierter Fertigung oder dem Einsatz von KI sind vielfach belegt“, meint Rinn, und verweist auf eine jüngere Untersuchung von Accenture Research: Dieser zufolge können Firmen, die digitale Technologien gezielt und in der richtigen Kombination einsetzen, die eigenen Kosten, auf Mitarbeiter umgerechnet, um beinahe ein Drittel senken.

Nur: wie die nach wie vor vorhandenen Bedenken überwinden, die nach wie vor in vielen Unternehmen bestehen – von den Engpässen bei Zeit und Mitteln ganz zu schweigen? Patrick Vollmer rät: „Wir empfehlen grundsätzlich dazu, klein anzufangen, und dabei mit der Maxime: ‚höchster Wertbeitrag zuerst‘. Setzen Sie wenige Ideen möglichst schnell um und verbessern dann die Ergebnisse iterativ“.“ Entsprechende Vorhaben bezahlten sich mit der Zeit meist selbst – und brächten dann die „Erträge“ zum Bezahlen weiterer Vorhaben ein.

Als mögliche „Suchfelder“ für das Ausfindigmachen solcher Vorhaben empfehlen sowohl Vollmer als auch Rinn zunächst Bereiche des Bestandsgeschäfts. Die Grundidee: erstmal digital verbessern, was schon da ist – Gehversuche mit ganz neuen digitalen Verfahren könnten auch später folgen.

Bloß kein „Digitalisierungs-Stückwerk!“

Das große „Aber“ hierbei: „Bei allen Vorteilen kleinschrittigen Vorgehens - die Digitalisierung muss einer umfänglichen Vision und einer längerfristigen Planung folgen“, betont Rinn. „Wer keine weiterführende Strategie parat hat, riskiert ‚Digitalisierungs-Stückwerk‘!“ Damit meint der Experte ein Szenario, „in dem viel Geld in einzelne Versuchsvorhaben fließt, ohne dass jemals eine echte Transformation dabei herauskommt.“

Um Derartiges zu vermeiden, müssten Geschäftsführer von vorneherein klar festlegen, in welche Richtung die Digitalisierung gerichtet sein soll, und welche strategischen Vorteile mittel- und langfristig erschlossen werden sollen.

„Ohne eine solche Zielvorgabe im Gepäck können Sie Einzelvorhaben letztlich weder auswählen noch bewerten. Was auch bedeutet: Sie überlassen Resultate und Return-on-Invest dem Zufall“, meint Vollmer. Besser fahre also, wer klare Ziele setze – „und zwar am besten solche mit Kundenbezug. Und zwar von Anfang an!“.

„Mehr Umsatz“ oder „Mehr Gewinn“ seien demnach wenig geeignete Zielvorhaben. „Das sind Resultate, die mit der Erreichung brauchbarer Ziele einhergehen: höhere Produktqualität, kürzere Lieferzeiten, höhere Liefersicherheit und dergleichen. Klären Sie zuallererst, welche Kundenprobleme Sie lösen und wofür Sie dabei stehen wollen – alles Weitere kommt dann“, erklärt Vollmer.

Stünden diese oder ähnliche Ziele fest, ließen sich meist schnell ‚Use Cases‘ für zielführende Einzelvorhaben finden – und das nicht nur in der Fertigung, ergänzt Rinn: „Oft führen Vorhaben in Verwaltungsbereichen ähnlich schnell ans Ziel, und das bei vergleichbar weniger Aufwand: eine Digitalisierung der Auftragsbearbeitung, zum Beispiel; die Einführung eines CRM-Systems nebst neuer Abläufe für die Kundenbetreuung. Oder Lösungen, die helfen, im After-Sales-Service oder Beratungsgeschäft höhere Umsätze zu erzielen.“

Beispielrechnung: „teilweise“ Digitalisierung beim Automobil-Zulieferer

Wie viel Wirkung derartige Vorhaben entfalten können, zeigt eine Modellrechung von Accenture Strategy. Die Experten des Beratungshauses haben Erfahrungswerte aus mehreren Kunden-Projekten zur Digitalisierung zusammengefasst und in ein Rechenmodell übertragen, dass die Wirkung einzelner Digitalisierungsvorhaben in Wertbeitrag-je-Euro-Umsatz beschreibt (hier: „Wertbeitrag“ gleich EBITDA-Veränderung).

Dieses Modell zeigt für einen fiktiven Autozulieferer mit einem normierten Umsatz von 23 Milliarden US-Dollar und einer Brutto-Ergebnismarge von 2,3 Milliarden US-Dollar: Schon eine teilweise Digitalisierung könnte dem Unternehmen rund 633 Millionen US-Dollar zusätzlichen EBITDA bescheren – eine Steigerung um beinahe ein Drittel (vgl. Abb.).

Zudem verweisen die Resultate darauf, auf welche Vorhaben sich die Entscheider in diesem oder ähnlichen Unternehmen konzentrieren könnten: So bringt die Digitalisierung sämtlicher Verwaltungsbereiche mit 150 Mio. ähnlich hohe Einsparungen wie das Digitalisieren von Forschung und Entwicklung; Digital-Vorhaben im After-Sales-Bereich versprechen zudem rund 23 Milionen zusätzlichen Umsatz sowie Einsparungen in Höhe von 17 Millionen.

40 Millionen durch digitalisierte After-Sales? Diese Initiativen bringen am meisten:

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Eine Accenture-Strategy-Modellrechnung für die EBITDA-Auswirkung bestimmter Digitalisierungsvorhaben. Die Rechnung zeigt: Ein Beispiel-Autozulieferer könnte sein EBITDA um rund 27 Prozent steigern; allein im After-Sales-Geschäft wären Zugewinne im Wert von rund 40 Mio. möglich. - Bild: Accenture

Fazit: Nachrechnen rechnet sich

„Hier schließt sich der Kreis“, meint Rinn, und erinnert an seine eingangs geäußerte Vermutung: „Wer wirklich nachrechnet, erkennt schnell: Digitalisierungsvorhaben sind echte Investitionen in die Zukunft. Wer die richtigen wählt und diese gezielt und Schritt für Schritt umsetzt, geht also keine unbeherrschbaren Risiken ein, im Gegenteil: er oder sie betreibt Zukunftssicherung und Wertsteigerung zugleich.“

„Abwarten kommt nicht in Frage“, ergänzt Vollmer: „Wer es jetzt schafft, erste Piloten in skalierbare Lösungen mit echtem Kundennutzen zu verwandeln, der differenziert sich vom Wettbewerb. Und das ist gerade in konjunkturell schwierigen Zeiten ein kaum zu übertrumpfender Vorteil.“

Mehr zum Thema:

Mehr Beiträge von Accenture Strategy zum Thema Industriedigitalisierung finden Sie auf dieser Website.

Den vollumfänglichen „Disruptability Index“ von Accenture erhalten Sie auf dieser Website.

Die Accenture-Studie „Combine and Conquer“ samt Beschreibung der Wertsteigerungs-Potenziale von „Industry X.0“-Strategien finden Sie hier.

Sowohl Thomas Rinn als auch Patrick Vollmer finden Sie am einfachsten auf LinkedIn.