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Die allgegenwärtige Digitalisierung verändert die Spielregeln der Wirtschaft - auch für die deutsche Fertigungsindustrie. - Bild: Unsplash/Laurens Derks

| von Von Frank Riemensperger, Vorsitzender der Geschäftsführung, Accenture Deutschland

Deutschlands Industrie gehört zur Weltspitze. Noch. Denn „Made in Germany“ mag nach wie vor als Qualitätssiegel gelten und die Menschen den Ruf haben, präzise, schnell und zuverlässig zu arbeiten. Aber: das allein wird bald nicht mehr reichen. USA und China haben den Zuschlag auf dem B2C-Markt der großen Handelsplattformen durch Amazon oder Alibaba bereits erhalten. Aber das Industrielle Internet der Dinge (IIoT) ist gerade im Aufbau. Deutsche Unternehmen müssen diese Chance jetzt ergreifen, die Daten ihrer Anlagen, Maschinen und Produkte zu aggregieren, zu analysieren und daraus neue, gewinnbringende Geschäftsmodelle entwickeln.

Wie die Digitalisierung die Spielregeln verändert

Die allgegenwärtige Digitalisierung verändert die Spielregeln. Das rüttelt die deutsche Fertigungsindustrie schon seit einer ganzen Weile kräftig durch. Umfragen zufolge versuchen knapp 80 Prozent der Unternehmen, sich ein Stück des digitalen Kuchens zu sichern und mit smarten Produkten, Künstlicher Intelligenz, Big Data, Blockchain oder eben durch ein IoT ihr Geschäft neu zu erfinden. Nur: bisher schaffen es nur gut 20 Prozent dieser Firmen, mit den entsprechenden Versuchen neue Umsätze zu generieren, wie eine Accenture Studie zeigt – da ist also noch jede Menge Luft nach oben.

Das heißt aber keinesfalls, dass hierzulande nichts voranginge, im Gegenteil: seitdem vor gut acht Jahren das Zeitalter der Industrie 4.0 ausgerufen wurde, hat die Deutsche Industrie durchaus gehandelt: Vor allem die größeren Firmen, aber auch Teile des Mittelstands haben ihre Fertigungsabläufe digitalisiert – und so ein bis zwei Prozent Produktivitätszuwachs erzielt.

Doch inzwischen ist klar: wirkliche Vorteile hat dieser Zuwachs nicht gebracht. Weil so viele Unternehmen auf so ähnliche Weise produktiver wurden, hat keines davon echte Wettbewerbsvorteile erzielt. Anders ausgedrückt: wirklich viel gebracht hat die fertigungs- und produktivitätsgerichtete Digitalisierung der vergangenen Jahre nicht. Um im weltweiten Wettbewerb bestehen zu können, braucht die deutsche Wirtschaft deshalb mehr – Zeit für den nächsten Schritt!

Warum Plattformökonomie so wichtig ist

Was das bedeutet? Vereinfacht gesagt, müssen wir vom Digitalisieren bestehender Geschäfte und Abläufe zur Entwicklung gänzlich neuer übergehen, oder, kürzer: von der Digitalisierung von Bestandsindustrien zum Aufbau einer Plattform-Ökonomie. Die dreht sich um smart Products, intelligente Services rund um diese Produkte sowie um neue „Erfahrungen“ oder „Experiences“, die beide umgeben. All das setzt die enge Verzahnung von Produkten und Dienstleistungen voraus.

Genau dabei trennt sich gerade die sprichwörtliche Spreu vom viel zitierten Weizen. Der Übergang zur Plattformökonomie zwingt die Firmen dazu, ihre Wertversprechen, Produkte und Dienstleistungen von Grund auf neu zu erfinden. Das setzt ein Umdenken sowohl in Chefetagen als auch in Fertigungshallen voraus – und das wiederum wird nicht allen Betrieben vollständig gelingen.

Der Schwenk weg von einer Produkt- und hin zu einer Kunden-, Kundennutzen- und Dienstleistungs-zentrierten Organisation ist für viele Industrieunternehmen nichts weniger als eine Kulturrevolution. Und die verlangt nicht nur nach Mut zum Risiko, sondern auch nach Fingerspitzengeschick beim Umbau der Kern-Bereiche eines jeden Industrieunternehmens: Forschung, Entwicklung, Engineering und Fertigung sowie Supply Chain Management.

In jeder einzelnen davon muss das Produkt aus dem Vordergrund gerückt und gleichberechtigt neben Services und „Kundenerlebnisse“ gestellt werden. All das heißt auch: weg vom reinen „Made in Germany“ – und hin zu einem umfassenderen, stärker Service-zentrierten „Operated by Germany“.

Was „Operated by Germany" bedeutet

In Zukunft wird es nicht mehr nur um das Qualitätssiegel „Made in Germany“ gehen. Ziel muss sein, bereits installierte Produkte und Anlagen weltweit mit „Intelligenz“ nachzurüsten und an eine digitale Plattform anzuschließen.

Mit den neuen Betriebsdaten sind die Unternehmer in der Lage, neue Serviceangebote zu generieren. Die Leistungsketten der deutschen Industrie werden erweitert und es kommt zu neuen Umsätzen mit dem Leistungsversprechen „Operated by Germany“.

Wie das digitale Geschäftsmodell „Operated by Germany“ in der Autoindustrie funktioniert

Exempel eins: die Automobilindustrie – und deren Übergang zum „Mobility-Service“-Geschäft. Entscheidend ist nicht mehr das Produkt Auto, sondern vielmehr das Erlebnis zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort anzukommen; Branchen-Riesen investieren deshalb in Carsharing-Dienste, Ride-Hailing-Startups und – natürlich – selbstfahrende Fahrzeuge.

Doch ähnliche Beispiele finden sich auch anderswo: im Bahnverkehr kann es ebenfalls die garantierte Pünktlichkeit sein, die der Reisende bezahlt. Kaffeemaschinenhersteller verkaufen den Service des guten Kaffees oder Hersteller von Kompressoren bieten komprimierte Luft an.

Für derartige Veränderungen müssen Unternehmen sich nicht mal neu aufstellen. Sie müssen ihre Expertise und Fähigkeiten nur anders einsetzen als bisher. Die Produkte bleiben. Die Wertschöpfung verändert sich. Unternehmer verkaufen nicht mehr nur ihre Maschinen und beenden die Kundenbeziehung damit wie bisher.

Stattdessen etablieren sie ein beständig fortlaufendes „Mietmodell“. Die Kompressoren werden ja weiterhin gebraucht. Die Maschinen werden demnach weiterhin gebaut. Nur werden sie eben anders genutzt, verwendet, und bezahlt.

All das setzt voraus, dass die Produkte selbst und auch die Unternehmen digitaler werden. Und das wiederum beeinflusst nicht nur wie Maschinen künftig gefertigt werden – sondern auch, wie der Hersteller sie entwickelt, vertreibt, pflegt und mit Software-Udpates versieht. Die Unternehmen brauchen also teils grundlegend neue Fähigkeiten.

Grafik: sechs Skills für den erfolgreichen Start ins digitale Zeitalter
Industrie-Betriebe brauchen neue Fähigkeiten, um erfolgreich ins digitale Zeitalter zu starten. Diese sechs Skills sind unabdingbar. - Grafik: Accenture

Wie sich VW vom Autobauer zum Software-Unternehmen verwandelt

Wie deren Aufbau klappen kann, zeigte jüngst Volkswagen. Der Autobauer wandelt sich selbst gerade zum ernst zunehmenden Software-Unternehmen. Die Wolfsburger wollen für ihre Fahrzeuge ein eigenes Betriebssystem mit dem Namen „vw.os“ entwickeln.

Damit bringen sie mehr Software in ihre Produkte und können diese für fahrzeugnahe Serviceleistungen nutzen. Sobald das alles läuft, wird das System auf alle Marken konzernweit übertragen. Das bringt enorme Kostenvorteile durch Skalierung. Und es gäbe sogar die Möglichkeit, die Software an andere Autobauer zu veräußern.

Ein paar Zahlen hierzu: Der Eigenanteil an Software im Auto von heute unter zehn Prozent will VW auf mindestens 60 Prozent bis 2025 steigern. Aktuell sind in VW-Fahrzeugen bis zu 70 Steuergeräte mit Betriebssoftware von 200 unterschiedlichen Zulieferern integriert.

Warum allein Software-Know-how nicht reicht, um zu bestehen

Das macht zum einen abhängig und zum anderen wird es kompliziert. Ein eigenes Betriebssystem und die Nutzung einer eigenen Cloud für alle Konzernmodelle vereinfacht dagegen vieles. Darüber hinaus ist dies der Einstieg in unterschiedliche Entwicklungsgeschwindigkeiten. Denn der Softwarezyklus läuft ja viel schneller als der Hardwarezyklus.

Doch Software-Know-how ist nur ein Punkt auf der Liste der Fähigkeiten, die deutsche Firmen künftig brauchen. Dazu kommen weitere, wie etwa die Neu-Erfindung von Wertschöpfung und Arbeit. VW beispielsweise plant, bis 2025 5.000 Experten für die Bereiche Software-Entwicklung, Elektrik- und Elektronikentwicklung, Konnektivität, automatisiertes Fahren, User Experience, Cloud-Architektur und E-Commerce einstellen.

In vielen anderen Unternehmen kommt es zu Umschulungen oder Weiterentwicklungen. Mitarbeiter können nur in ganz seltenen Fällen komplett durch Maschinen ersetzt werden.

Zum Autor

Frank Riemensperger ist Vorsitzender der Geschäftsführung von Accenture Deutschland. In seinem Buch „Titelverteidiger“, das er gemeinsam mit Dr. Svenja Falk geschrieben hat, beschreibt er die großen Herausforderungen, vor denen deutsche Unternehmen durch die Digitalisierung stehen. Mehr zu diesem Thema gibt es auf YouTube und in diesem Beitrag, das Buch wird hier angeboten.

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