Mann mit VR-Brille

Die "Champions" der Accenture-Untersuchung skalieren ihre Digitalvorhaben mit Hilfe von Herangehensweisen die ihnen helfen, organisatorische Hürden zu überwinden, Risiken zu reduzieren und Neuerungen von vorneherein im Kern des eigenen Unternehmens zu verankern. - Bild: Accenture

Fast jedes Unternehmen versucht digitaler zu werden. Doch der Versuch alleine macht noch keine Digitalisierung aus. Das, was wirklich zählt, ist das „Skalieren“ der Versuche, sprich: die Erweiterung auf unternehmensweiten Einsatz, Serienfertigung und entsprechende Vermarktung. Doch genau daran scheitern die meisten Firmen nach wie vor.

Beispiel Bekleidungsindustrie: Da stieß ein weltbekannter Sportartikel-Hersteller kürzlich auf Schwierigkeiten mit einer neuen – und sehr digitalen – Fabrik. Die Fertigungseinrichtung sollte eigentlich „personalisierte“ Erzeugnisse herstellen, unter Einsatz allerneuester Technik wie Robotics, Machine Learning und 3D-Druck. Doch obwohl die Technik per se funktionierte, konnte das Unternehmen die Produktion nicht hochfahren wie vorgesehen, Grund: die nachgelagerten Betriebsabläufe waren nur ungenügend auf das Zusammenspiel mit der neuen „Losgröße eins“-Fertigung vorbereitet. Die Folge: Nach erheblichen Mehrkosten und Einbußen zog der Hersteller die Reißleine und schloss die Einrichtung.

Wer derlei liest, könnte durchaus Zweifel am Mehrwehrt von Digital-Vorhaben bekommen. Schließlich bestätigen Beipsiele wie diese: Digitalisierung ist schwierig – besonders da, wo sie das Geschäft in Gänze betrifft. Also lieber zurückhalten, abwarten und erstmal keine größeren Vorhaben planen?

Die Wettbewerber skalieren bereits

Doch solchen Zweifeln nachzugeben, wäre ein Fehler. Die meisten Unternehmen skalieren nämlich bereits ihre Versuchsvorhaben – auch „Proofs of Concept“ oder PoCs genannt – und enteilen damit jedem Wettbewerber, der darauf verzichtet. Und: ein Teil dieser Firmen erzielt dabei ganz andere Resultate als der erwähnte Sportartikel-Hersteller – und skaliert mit Gewinn.

Die entsprechenden Zahlen sind überraschend hoch: Eine Accenture-Befragung von 1.350 Industrie-Führungskräften aus der ganzen Welt ergab, das alle mit der Erweiterung von PoCs beschäftigt waren – mehrheitlich übrigens mit solchen in den Bereichen Produkt- und Service-Entwicklung oder Sicherheit (also nicht nur mit reinen Automations- und Effizienzthemen). Ein klarer Hinweis darauf, dass sich der Übergang zur Industrie 4.0 beschleunigt, und dass kein Unternehmen mehr um Großvorhaben herumkommt.

Bevor Sie jetzt den Kopf schütteln – etwa, weil Ihr Betrieb bereits in Großvorhaben investiert hat, aber noch keine zufriedenstellenden Resultate erzielt (oder vielleicht sogar Erfahrungen ähnlich denen des Sportartikel-Herstellers machen musste) – lesen Sie weiter: Dieselbe Accenture-Befragung zeigt nämlich auch, dass Unternehmen, die ihre Digitalvorhaben auf ganz bestimmte Weise skalieren, durchaus hervorragende Ergebnisse erreichen können.

„Champions“ erzielen über 20 Prozent ROI

Die „Champions“, rund 22 Prozent der Gesamt-Stichprobe, skalieren der Untersuchung nach mehr als die Hälfte ihrer PoCs erfolgreich und erreichen dabei „Returns on Digital Investment“ von teils weit über 20 Prozent – bis zu vier mal so viel wie die übrigen Unternehmen (gemeint ist der Return on Investment für die jeweiligen Digitalvorhaben).

Interessant hierbei: die Gruppe dieser Vorreiter-Unternehmen gleicht sich nicht nur in Hinblick auf ihre herausragenden Resultate, sondern vor allem auch in Hinblick auf die Art und Weise, mit der sie diese erreichen. Dabei skalieren die Vorreiter nicht zwingend mehr Vorhaben als andere Firmen oder geben mehr Geld aus als diese. Sie steuern die Erweiterung ihrer PoC nur anders – und offenkundig besser.

Vereinfacht gesagt, betreiben die Vorreiter ihre Digitalisierungs-Vorhaben von vorneherein ganzheitlich und mit dem Ziel, später eine einfachst- und schnellstmögliche Erweiterung zu erreichen, um einen bestimmten Geschäftszweck zu erreichen. Hierfür bedienen sie sich vierer Herangehensweisen, die sich durchaus als „Best Practices“ beschreiben lassen:

Skalieren mit Hindernissen

Der Accenture-Untersuchungsbericht „Rethink, Reinvent, Realize – How to successfully scale digital innovation to drive growth“ führt noch weitere Resultate auf als die hier vorgestellten. Darunter auch eine Übersicht über die wichtigsten Hürden, die Unternehmen überwinden müssen, um ihre Digitalvorhaben erfolgreich zu skalieren. Im Video fasst Raghav Narsalay die entsprechenden Erkenntnisse zusammen: https://youtu.be/CI3-DOrtmPE

 

Die vier Best-Practices der Vorreiter

Champions skalieren ihre Digitalvorhaben mit Hilfe von Herangehensweisen die ihnen helfen, organisatorische Hürden zu überwinden, Risiken zu reduzieren und Neuerungen von vorneherein im Kern des eigenen Unternehmens zu verankern. Der Accenture-Untersuchung zufolge sind diese:

  1. Klarheit über Mehrwert schaffen: Champions beschreiben den genauen Wert, den sie mittels ihrer Digitalisierungsvorhaben zu erreichen versuchen, viel häufiger und klarer als andere Unternehmen in der Stichprobe. Dabei legen die Vorreiter auch großen Wert auf Eingaben der erfahrensten Führungskräfte im Unternehmen – so stellen sie sicher, dass die einzelnen Bemühungen eng an den Geschäfterfolg der Firma geknüpft und strikt priorisiert bleiben.

  2. Veränderung ganzheitlich steuern: Das Beispiel des Sportartikel-Herstellers vom Anfang dieses Beitrags zeigt, wie schnell Risiken entstehen, wenn die Möglichkeiten digitaler Technik nicht zu denen bestehender Abläufe passen. Champions wissen darum, und verschränken Digitalvorhaben deshalb eng mit organisationaler Veränderung in ganzheitlichen, aber kleinschrittigen Veränderungsvorhaben. Auf diese Weise stellen sie sicher, dass die gesamte Firma auf ein und derselben „Lernkurve“ vorrückt und keine Brüche entstehen.

  3. Firmeneigene Fähigkeiten stärken: Champions setzen überdurchschnittlich häufig auf hauseigene Innovations-Einheiten und „Digital Service Factories“ statt auf Aus- oder Neugründungen. Auf diese Weise bewältigen sie eine Schlüssel-Herausforderung der Digitalisierung – wie all die neuen Abläufe im „Kern“ der eigenen Firma verankern? – und stellen zugleich sicher, dass die Kosten und Erträge sämtlicher Vorhaben in den firmeneigenen Büchern stehen. Das erleichtert Entscheidungsfindung und Steuerung erheblich.

  4. Digitale Technik gezielt einsetzen: Die meisten Unternehmen in der Accenture-Stichprobe nutzen ähnliche Digitalisierungs- und Innovations-„Enabler“ – etwa spezielle Fachbereichssoftware, Cloud-Plattformen oder Analytics. Doch Champions setzen diese Verfahren insgesamt strategischer ein als andere Firmen: Sie prüfen vor der Beschaffung genauer und haben Herangehensweisen entwickelt, die ihnen erlauben, Enabler genau in den Geschäftsbereichen einzusetzen, wo diese den meisten Nutzen stiften.

Mehr zum Thema:

Den vollumfänglichen Untersuchungsbericht zur hier erwähnten Studie, „Rethink, Reinvent, Realize – How to successfully scale digital innovation to drive growth“ finden Sie hier.

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