Accenture Deutschland Chef Frank Riemensperger

Accenture Deutschland Chef Frank Riemensperger (unteres Bild) ist gespannt, was Unternehmen auf der diesjährigen Hannover Messe (01.-04.04.) in puncto Digitalisierung vorzuzeigen haben. Sein Unternehmen präsentiert sich in der ersten Aprilwoche in Halle 6 am Stand H46. - Bild: Accenture

Produktion: Herr Riemensperger, wir stehen kurz vor der Hannover Messe, auf der selbstredend das Thema Digitalisierung im Mittelpunkt stehen wird. Welche Rolle nimmt Deutschland in Hinblick auf die nächste industrielle Revolution ein?

Frank Riemensperger: Um es kurzzumachen: Das Gute ist, wir bewegen uns in Sachen Digitalisierung in die richtige Richtung. Schlecht hingegen ist, dass wir uns nur langsam bewegen. Betrachtet man die Marktkapitalisierung einzelner Branchen in Deutschland und zieht Vergleiche mit China und den USA stellt man eines sofort fest: Die deutsche Wirtschaft wird, unter Berücksichtigung der 50 größten Unternehmen, nach wie vor durch die traditionelle Industrie geprägt.

Seit über zehn Jahren liegt der Börsenwert klassischer Industrieunternehmen nahezu unverändert bei 32 Prozent, wie wir schon in unserer Studie „Götterdämmerung in der deutschen Wirtschaft“ festgestellt haben. Mit Blick gen USA und China ist die Gewichtung der Industrieunternehmen weit geringer und sinkt sogar, dort konzentriert man sich auf die ITK-Branche und die Internetwirtschaft. Das Wachstum dieser Branchen beweist, dass sowohl in China als auch den USA eine wesentlich stärkere Entwicklung hin zu digitalen Geschäftsmodellen stattfindet.

Dabei verfügen wir über die nötigen Assets und das Wissen, um uns in Sachen Digitalisierung global wettbewerbsfähig aufstellen zu können. Wir wissen nur noch nicht, wie wir das Thema richtig angehen. Werfen Sie alleine einen Blick auf diesen enormen Datenschatz bestehend aus über einer Milliarde Maschinen und Geräte, die aus Deutschland kommen. Wenn es uns gelingt, diese Assets zu heben, können wir uns exzellente Chancen erschließen. Nichtsdestotrotz erkennen wir aktuell, dass das Thema in Deutschland Fahrt aufnimmt und wir uns auf dem richtigen Weg befinden. Jetzt fragt man sich natürlich, „Okay, und was ist denn nun der richtige Weg?“

Aus unserer Sicht liegen die größten Chancen bei zwei Themen: intelligente Produkte und Smart Services. Wer seine bestehenden Geschäftsmodelle nimmt und auf dieser Basis mittels Digitalisierung neue Produkte und Services und damit auch Leistungsversprechen ableitet, der kann auch in Zukunft gute Geschäfte machen. Eine Accenture-Studie, die wir zur Hannover Messe veröffentlicht haben, zeigt, dass die Unternehmen entlang aller Industrien genau diesen Ansatz verfolgen. Die meisten der produzierenden Unternehmen aus unserer Befragung (27,9 Prozent) und die meisten der Unternehmen aus der Prozessindustrie (22,4 Prozent) gaben an, dass sie sich beim Thema Innovationen auf die Produktentwicklung konzentrieren werden.

Frank Riemersperger, Accenture
Frank Riemensperger, Vorsitzender der Geschäftsführung von Accenture in Deutschland: „Der Standort Deutschland ist in einer exzellenten Ausgangsposition.“ - Bild: Accenture

Produktion: Ist das aus Ihrer Sicht eine naheliegende Entwicklung oder sollte sich die Industrie auf andere Bereiche konzentrieren?

Riemensperger: Absolut naheliegend! Das spannende ist: Man sieht heute bereits, dass diese Entwicklung Früchte trägt. Werfen Sie einen Blick darauf, was die ausstellenden Unternehmen im Rahmen der Hannover Messe präsentieren und Sie werden feststellen, dass Produktinnovationen, die aus der Digitalisierung heraus entstanden sind, einen erheblichen Anteil haben. Meines Erachtens liegt darin der Kern, also in der Produktinnovation. Wenn ich die übergeordnete Entwicklung der Digitalisierung in Phasen einteilen müsste, dann befänden wir uns aktuell auf der Schwelle zur zweiten Phase. Diese fokussiert sich ganz klar auf Produktinnovationen, die sich aus den Datenschätzen ergeben, die wir angefangen haben zu sammeln. Wir dürfen uns aber nicht auf Effizienz versteifen. Das eigentliche Geschäft wird erst im dritten Schritt gemacht und dann skaliert. Das spiegelt sich natürlich auch bei uns am Stand wider. Wir zeigen auf der Hannover Messe verschiedene Projekte, die wir gemeinsam mit unseren Kunden entwickelt haben. Ein Teil davon ist für Endkunden gedacht, aber der Großteil kommt aus dem B2B-Sektor. Insofern befinden wir uns, wie ich schon sagte, auf dem absolut richtigen Weg.

Produktion: Aber vor diesem Hintergrund scheint es doch in Deutschland zu laufen?

Riemensperger: Nicht ganz. Das ist noch zu wenig. Wir sind bisweilen nicht schnell genug und der Schlüssel zur globalen Wettbewerbsfähigkeit liegt in der Anzahl der Unternehmen, die sich an diesem Prozess beteiligen. Nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für den Wirtschaftsstandort Deutschland.

Aber auch für die Unternehmen, die sich dieser Entwicklung angeschlossen haben, ist diese Reise noch lange nicht beendet. Das dafür nötige Rüstzeug besteht aus der Kombination von Smart Services, Smart Products und ergebnisorientiertem Handeln – daraus ergibt sich, vereinfacht formuliert, ein neues Werte- und Leistungsversprechen. Nachdem wir also begonnen haben, die Datenschätze zu heben und daraus smarte Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln, ist der nächste Schritt Skalierung.

Aber auch da haben wir in unserer bereits erwähnten Studie, spannende Erkenntnisse gewinnen können. Demnach sind es 56 Prozent der herstellenden Industrieunternehmen und 55 Prozent der Firmen aus der Prozessindustrie, die bereits heute daran arbeiten, ihre Digitalprojekte zu skalieren. Und genau in dieser Entwicklung, also rund um das Thema Smart Products und Smart Services, stecken unglaubliche Potenziale. Ferner entstehen durch die Kombination von Smart Products und Smart Services ganz neue Leistungsversprechen.

Diese werden auch über digitale Plattformen und Wertschöpfungs-Netzwerke zur Verfügung gestellt werden können. Beispiel Autoindustrie: das autonome Auto besteht nicht nur aus der Dienstleistung seitens der Hersteller, ein Fahrzeug zu produzieren und zu liefern, sondern auch aus dem Versprechen, dass dieses eigenständig fährt und keine Unfälle mehr verursacht. Mit der Etablierung solcher Geschäftsmodelle kann eine Plattformökonomie innerhalb des IIoT entstehen und ich denke, dass Deutschland alle Chancen hat, sich hier an die Spitze zu setzen.

Produktion: Das klingt alles sehr zuversichtlich. Was erwarten Sie also, auf der diesjährigen Hannover Messe sehen zu können, beziehungsweise worauf werden Sie besonders achten?

Riemensperger: Ich bin gespannt darauf zu sehen, wie die ausstellenden Unternehmen sich in Hinblick auf das Thema Digitalisierung, wie wir es besprochen haben, vorbereiten, beziehungsweise, was sie bis heute vorzeigen können. Interessant sind natürlich die Themen Smart Services – daher, welche Dienstleistungen in einem Digital-Kontext werden bereits angeboten und dann natürlich auch, auf Basis welcher Plattformen? Zudem erkennt man ja aktuell schon, zumindest in der Automobilindustrie, wie langsam der Gedanke heranwächst, sich mit direkten Wettbewerbern zusammenzuschließen, um entweder bestehende Dienstleistungen auf ein neues Level zu heben oder völlig neue zu entwickeln. Oder auch, dass Technologien, denen milliardenschwere Investitionen vorausgegangen sind, gemäß des Open-Source-Prinzips mit der ganzen Industrie „geteilt“ werden. Aber worauf ich mich besonders freue, sind die Lösungen, die es nach der Hannover Messe auch in den Markt schaffen und somit das Stadium eines „Laborprojekts“ verlassen.

Wichtig ist mir zu betonen, dass der Standort Deutschland in einer exzellenten Ausgangsposition ist. Schließlich beherrschen wir die Herstellung komplexer Produkte und sind für unsere Qualität berühmt. Und das seit über 100 Jahren. Die Krux liegt darin, dass wir uns auf das berufen, was seit 100 Jahren gut funktioniert. Ich sage nicht, dass wir alles vergessen sollen, was uns zu einer der größten Volkswirtschaften der Welt gemacht hat, sondern vielmehr, dass wir uns auf das konzentrieren sollten, was wir gut können und auch dem Neuen, der Digitalisierung, die gleiche Bedeutung beimessen sollten. Wir befinden uns außerdem an einem Punkt der Entwicklung, an dem es nicht mehr ausreicht, dass einige wenige Vorreiter sich über die Marschrichtung einig sein müssen. Viel wichtiger ist, dass wir die gebündelte Kraft unserer Wirtschaft nutzen und den Sprung in die Digitalisierung gemeinsam wagen. Wagen kommt von Wagnis, eine sehr bewusste Wortwahl, denn dies erfordert Mut, der aber auch nötig ist. Schließlich hat sich die Welt noch nie so schnell verändert wie heute.

Treffen Sie uns Live – auf der Hannover Messe 2019!

Erleben Sie viele weitere Industrie X.0-Beispiele sowie ein umfassendes Messe-Programm von Accenture zum Thema „Reinvent your product, reinvent your business“ live auf der diesjährigen Hannover Messe vom 1 bis 5. April; @Digital Factory, Halle 6, Stand H46.

Infos und Anmeldung hier.