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Selbstüberschätzung sei eine positive Fehleinschätzung der eigenen Performance und Möglichkeiten, so die Experteneinschätzung. - Bild: Pixabay

ast elf Jahre dauerte der Aufstieg, nur zwei Jahre der Fall. Rupert Stadler sitzt seit Juni in Untersuchungshaft, weil unter seiner Regentschaft bei Audi Dieselmotoren manipuliert wurden. Stadler hat das zunächst bestritten, dann gab er es zu, dann trennte sich die Konzernmutter VW von ihm.

Dabei hat Stadler Audi erst stark vorangebracht. Er verdoppelte den Umsatz fast auf 60 Milliarden Euro, steigerte den Betriebsgewinn auf rund fünf Milliarden Euro und verwaltete zeitweise einen Teil des Privatvermögens der Familie Piëch. Dann kam der Absturz.

Man könnte sich nun fragen, wie es ein erfahrener Konzernchef fertig bringt, sich dermaßen in einen Skandal zu verstricken - und damit gegen alles zu verstoßen, für das er bekannt war: Erfolg.

Schmiergeldaffären, Veruntreuung, Selbstüberschätzung

Stadler ist aber nicht der einzige Vorstandschef, der im Laufe seiner Karriere Erfolgsaussichten falsch einschätzte - und scheiterte. Auch Heinrich von Pierer in der Schmiergeldaffäre bei Siemens oder Thomas Middelhoff, der wegen Veruntreuung von Firmengeldern bei Arcandor 2014 zu drei Jahren Haft verurteilt wurde, ging es ähnlich. Schuld daran, dass Unternehmenschefs sich in Skandale verwickeln, ist hauptsächlich ein psychologisches Phänomen: Die Selbstüberschätzung.

Peter Schwardmann ist Verhaltensökonom an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und erforscht, warum sich Top-Manager wegen zu hohem Selbstbewusstsein verkalkulieren. "Selbstüberschätzung ist eine positive Fehleinschätzung der eigenen Performance und Möglichkeiten", sagt Schwardmann.

Vor allem bei riskanten Zusammenschlüssen von Unternehmen verzocken die Verantwortlichen durch übermäßiges Selbstbewusstsein enorme Summen. Schwardmann will herausfinden, was passiert, wenn Menschen mit übersteigerter Selbstwahrnehmung am Werk sind und welche Kosten Unternehmen sparen, wenn Chefs an weniger Selbstüberschätzung leiden.

Der US-Psychologe Daniel Kahneman erklärt gescheiterte Firmen-Übernahmen mit der "Hybris-Hypothese": Demnach sind die Führungskräfte der Käufer-Unternehmen schlichtweg weniger kompetent, als sie zu sein glauben. Renommierte Auszeichnungen und Berichte in der Presse, die den Managern zu Ruhm und Ansehen verhelfen, würden das nur noch verschlimmern, meint Kahneman.

Selbstüberschätzung findet auf verschiedenen Ebenen statt: Vielleicht möchte man gerne glauben, dass man ein guter Mensch ist oder im Job mehr als die Kollegen drauf hat. Oder man behauptet aus Angst davor an Krebs zu erkranken, dass 20 Zigaretten am Tag einem nichts anhaben können. Der Selbstbetrug hat viele Gesichter, sagt Schwardmann.

 

Halbgötter in weiß

Selbstüberschätzung ist auch in der Medizin verbreitet. So berichtet Kahneman von einer Studie, in der nach dem Tod von Patienten auf der Intensivstation der Obduktionsbefund mit der Diagnose verglichen wurde: Die Ärzte, die sich mit ihrer Diagnose "vollkommen sicher" waren, hatten sich in 40 Prozent der Fälle geirrt.

Selbstüberschätzung kann gefährlich sein. Selbst wenn "Manager wüssten, wie wenig sie wissen, würden die Führungskräfte dafür bestraft, es zuzugeben", so Kahneman. Ein Dilemma.

Auch Bewerber für Jobs scheiterten immer wieder an ihren eigenen Lügen, sagt Sabine Frank, Geschäftsführerin des Personaldienstleisters "puro personal". Besser sei es, so zu sein wie man ist, denn "wenn ich zum Gespräch eingeladen werde, dann besitze ich etwas, das die Firma braucht und sucht", erklärt Frank.

Indes kann übermäßiges Selbstbewusstsein auch hilfreich sein, wie die Politikwissenschaftler Dominic Johnson und James Fowler argumentieren. Denn damit wachse teils die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg. Peter Schwardmann hat das in einer Reihe von Laborexperimenten an der LMU bestätigt.

"Selbstbewusstsein hilft uns beim Überzeugen von anderen und uns in unserer sozialen Welt Vorteile zu verschaffen", sagt Schwardmann. In seinen Versuchen ließ er Probanden einen Intelligenztest machen, dann sollten die Teilnehmer einschätzen, wie gut sie ihn abgeschlossen hatten. Schwardmann beobachtete, dass siegessichere Menschen, die in einem gestellten Jobinterview später andere von sich überzeugen mussten, selbstbewusster auftraten - und die Stelle bekamen.

Trump als Paradebeispiel

Ob sich das Verhalten auch außerhalb des Labors bestätigen lässt, will Schwardmann noch prüfen. Was er herausgefunden hat, ist, dass Menschen sich selbst betrügen, wenn sie dadurch jemanden beeindrucken können. Warum manche selbstbewusster als andere sind, lässt sich daraus nicht ableiten. "Eine Implikation ist, dass Leute die davon profitieren, andere von sich zu überzeugen, zum Selbstbetrug neigen: Politiker, Rechtsanwälte, Manager - Leute, die Anzüge tragen."

Im Juli 2012 twitterte der Anzug-Träger und Castingshow-Moderator Donald Trump: "Show me someone without an ego, and I'll show you a loser". Zeig mir jemanden ohne Selbstbewusstsein und ich zeige dir einen Verlierer. Trumps Selbstüberschätzung hat ihn vom Anzug-Träger zu einem der mächtigsten Menschen der Welt gemacht.

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