MÜNCHEN (pd). Von ABS über ESP zum Notbremsassistent: In heutigen Autos steckt immer mehr Informations- und Kommunikationstechnik (IKT), und das hat nicht nur Vorteile. „Die Komplexität der derzeitigen Software- und Hardwarelösungen in Fahrzeugen verhindert zunehmend Innovationen“, so Dr. Christian Buckl, Leiter des Geschäftsbereichs Cyber-Physical System am Forschungs- und Transferinstitut Fortiss in München. Das Problem: Die über die Jahre gewachsene Architektur aus Steuergeräten, Kommunikationssystemen und Software wird immer unüberschaubarer. Doch die Autobauer stecken in einer Zwickmühle. Ein radikaler Neuanfang könnte die notwendigen Freiheiten bringen, doch einfach über Bord werfen können und wollen die Hersteller ihre mit viel Geld und Entwicklerschweiß erstellten Lösungen nicht.

Vor einigen Jahren haben die Fahrzeughersteller jedoch schon einmal einen radikalen Schritt gewagt, um die Komplexität in den Automobilen zu reduzieren: „Durch den heute selbstverständlichen CAN-Bus wurde die Kommunikation vereinfacht“, sagte Dr. Buckl bei seinem Vortrag am 28.11.2011 im Rahmen des Netzwerktreffens e-Monday in München. „So konnte jede Komponente mit anderen kommunizieren, ohne dass dazu ständig neue Kommunikationsleitungen nötig sind“. Ähnlich sei nun der Schritt zu einer zentralisierten IKT-Architektur nötig: Neue Funktionen sollen nicht mehr in Form von Steuergeräten, also Hardware- und Software, integriert werden, sondern nur noch in Software, um mehr Flexibilität zu schaffen, und zwar auf einem zentralen Rechner.

„Der Wechsel hin zur Elektromobilität bietet die einmalige Chance, die evolutionär gewachsene IKT-Architektur zu überarbeiten“, beschreibt Dr. Buckl die historische Gelegenheit, die etablierte Hersteller nun ergreifen sollten, um Newcomern im Markt Paroli zu bieten. Wie das konkret gehen könnte, will Fortiss mit Siemens, TRW Automotive, Fraunhofer, der RWTH Aachen und der TU München als Partner im Forschungsprojekt RACE (Robust and reliant Automotive Computing Environment for future eCars) zeigen. In dem Forschungsprojekt sollen mit einem Etat von rund 20 Millionen Euro bis Ende 2014 zwei Demonstratoren entstehen: ein „Revolutionsfahrzeug“, das das Potenzial einer radikal geänderten Architektur aufzeigt, und ein „Evolutionsfahrzeug“, das der Autoindustrie einen Migrationspfad weist.