„Wo erwirbt man zum Beispiel Know-how für das Betriebssystem Wind River?“ fragt Drazen Nikolic,

„Wo erwirbt man zum Beispiel Know-how für das Betriebssystem Wind River?“ fragt Drazen Nikolic, Geschäftsführer im Bereich Process & Information Management, Accenture.

Sabine Spinnarke

Unternehmen und Hochschulen schätzen den Embedded-Markt falsch ein. Das hat Folgen, sagt Drazen Nikolic, Geschäftsführer im Bereich Process & Information Management bei Accenture. 

Accenture ist auf dem Embedded-Markt tätig?

Drazen Nikolic: Accenture ist eine Management-Beratung sowie ein Technologie- und Outsourcing-Dienstleister. Der Großteil unseres Umsatzes stammt aus der Management-Beratung und der Umsetzung von IT-Projekten. Accenture übernimmt Beratung, Implementierung und kundenspezifische Entwicklung von Embedded-Software.

Welche Umsatzvolumina generieren Sie?

Accenture hat 25 Mrd. US-Dollar Umsatz im Fiskaljahr 2011 erwirtschaftet.

Was beschäftigt Embedded-Hersteller derzeit am stärksten?

Eine Herausforderung sind die Entwicklung und die Bereitstellung von Plattformen: Bei einem Großteil der Applikationen sind 80% der Software deckungsgleich, 20% individuell verschieden. Also versucht man, die 80% zu einer Software-Plattform zusammenzufassen, auf die nur jeweils die 20% Spezifika jedes Mal aufs Neue implementiert werden müssen.

Gibt es denn schon bewährte Arbeitsmethoden?

Noch fehlen standardisierte Arbeitsmethoden: Die Dokumentation, systematische Vorgehensweise, objektorientierte Methoden für die Programmierung von Embedded Systemen variieren je nach Anbieter. Bislang gibt es zu wenig Hochschulen, die in diese Richtung Software-Spezialisten ausbilden. Gängige Programmiersprachen werden zwar vermittelt, aber wo erwirbt man zum Beispiel Know-how für das Betriebssystem Wind River?

Was sind die wichtigsten Charakteristika des Marktes?

Der Embedded-Markt ist ein sehr stark segmentierter Nischenmarkt, wobei die Branchen Hightech und Automotive im Einsatz von eingebetteten Systemen einen Vorsprung haben. Es gibt viele Parallelen zur IT-Industrie mit einem Versatz von 10 bis 15 Jahren. Wie stark wächst der Markt? Der Embedded-Markt wächst stark: Noch vor zehn Jahren galt die Entwicklung von Embedded-Systems als zusätzlicher Bestandteil klassischer Elektronik-Engineering-Leistungen: Der Kunde erhielt Embedded-Software umsonst als Teil der bestellten Hardware mitgeliefert. Als die Systeme mit der Zeit komplexer wurden, fing man auch in diesem Bereich an, so zu arbeiten, wie es bei der Entwicklung von Software üblich ist: Es wurden Softwarearchitekturen gestaltet, Systempflege betrieben und Testverfahren eingesetzt. Inzwischen rückt die Software als Hauptbestandteil eines Embedded-Systems in den Mittelpunkt, so dass sich die Hersteller über die Embedded-Software differenzieren.

Wie sehen Sie die Position Deutschlands?

Deutschland nutzt seine Position und Chancen auf dem Embedded-Markt noch nicht aus. Derzeit findet der Großteil der Entwicklung und Programmierung in Asien statt. Deutschland übernimmt aber die Federführung, wenn das Design entwickelt und die Software integriert wird – darin sind deutsche Hersteller stark.

Sind Ihrer Meinung nach andere Nationen schneller?

Im Vergleich zu anderen Ländern ist Deutschland in der Umsetzung neuer Technologien in Produkte oftmals noch zögerlich. Beispielsweise ist der Markt Elektromobilität nicht zu unterschätzen: Während hier das Thema noch diskutiert wird, wächst in China in spätestens zwei Jahren die Zahl der Elektroautos bereits auf eine Million. Die Chinesen haben es zudem geschafft, praktisch über Nacht auf Elektromofas umzusteigen. Der Markt existiert bereits jetzt, er liegt nur nicht in Europa

Was für eine Art Unternehmen tummelt sich auf diesem Markt?

Sie finden in dieser Branche für Embedded-Systems die wichtigen Systemintegratoren, aber auch klassische Beratungsunternehmen. Der Grund ist, dass viele Unternehmen schneller wachsen als sie eigene Spezialisten für Embedded-Lösungen haben.

 

Wo liegen die größten Probleme bei dem Umgang mit Embedded Software?

Eine technische Herausforderung für Unternehmen ist sicher das Product Lifecycle Management, denn die Frequenz notwendiger System-Updates steigt durch den Software-Bestandteil der Produkte. Eine hohe System-Komplexität wirft dann die Frage auf, wie die Updates durchgeführt werden. Idealerweise sollten Embedded Systems aus der Ferne (Remote) erreichbar sein. 

Wie sicher sind Embedded Lösungen?

Embedded-Systems werden häufig in kritischen Umgebungen, wie etwa der Maschinen- und Anlagen-Steuerung, eingesetzt. Hier spielen der Arbeitsschutz und somit auch die IT-Sicherheit der eingebetteten Systeme eine große Rolle. Es gibt jedoch noch keine Sicherheitsstandards für Embeded-Systems. Viele Anbieter wenden zwar Methoden aus der klassischen IT an, jedoch führt die Vielzahl der Hersteller zwangsläufig zu proprietären Security-Lösungen.

 …und wie sieht es mit dem Datenschutz aus?

Es besteht noch Potenzial beim Datenschutz: Eingebettete Systeme sammeln Daten, zum Beispiel im Auto oder in mobilen Endgeräten. Da stellt sich natürlich die Frage, wie diese Daten gespeichert und wie sie anonymisiert werden – es gibt bislang dazu keine einheitlichen Vorschriften oder Standards. Status quo ist, dass jeder Anbieter frei in der Handhabung ist und zusätzlich jedes Land andere gesetzliche Anforderungen stellt. Das führt bei Herstellern als auch Unternehmen in der Entwicklung und Integration von Embedded Systems zu Komplexität. „

Drazen Nikolic

…ist seit 1999 für Accenture tätig; er beschäftigt sich u.a. mit dem Einsatz und der Implementierung von Embedded-Software-Systemen. Zuvor arbeitete er für Perkin Elmer im Bereich Forschung und Entwicklung.