"Unsere Strategie während der Weltwirtschaftskrise ist aufgegangen", freut sich Schunk-Geschäftsführer Henrik A. Schunk.

von Annika Mentgen

Herr Schunk, das Jahr 2010 liegt hinter uns. Wie ist es Schunk im vergangenen Jahr ergangen?

2010 hat sich gezeigt, dass unsere Strategie während der Weltwirtschaftskrise aufgegangen ist. Mit rund 170 Millionen Euro hat der konsolidierte Umsatz der Schunk-Gruppe verglichen mit dem Jahr 2009 um über 30 Prozent zugelegt. Trotz konsequenter Kostenkontrolle war Schunk im Bereich Forschung & Entwicklung unvermindert weiter aktiv. So konnten wir unsere Position als Kompetenzführer für Spanntechnik und Greifsysteme weiter ausbauen und 2010 eine große Zahl hocheffizienter Neuheiten präsentieren.

Viele Unternehmen haben aktuell mit Lieferengpässen zu kämpfen. Wie sieht die Situation bei Schunk aus?

Als 2010 abzusehen war, dass die Weltwirtschaft wieder Fahrt aufnimmt, hat Schunk die Kapazitäten kontinuierlich ausgeweitet. In einigen Bereichen ist die Nachfrage allerdings so stark gestiegen, dass es zu längeren Lieferzeiten kam. Derzeit optimieren wir gemeinsam mit unseren Lieferanten den Prozess.

Die Produkte von Schunk sind in zahlreichen Branchen im Einsatz. Welche Abnehmerbranchen haben sich 2010 besonders positiv entwickelt?

Der Nachfrageschub 2010 hat alle Industriezweige erfasst. Das gilt für den klassischen Maschinenbau ebenso wie für die Bereiche Automotive, Montagetechnik oder den Werkzeug- und Formenbau. Deutlich Zuwächse gibt es in der Energiewirtschaft, wo sowohl unsere Spanntechniklösungen als auch unsere Automationskompetenz gefragt sind.

Für welche sehen Sie 2011 das größte Potenzial und warum?

Energie, Mobilität, Logistik, Kommunikation und Gesundheit – das sind aus Sicht von Schunk die zentralen Wachstumsbranchen der Zukunft. Dabei spielt insbesondere die Entwicklung in den BRIC-Staaten eine zentrale Rolle. Aus gutem Grund hat Schunk seine Präsenz dort in den vergangenen Jahren weiter ausgebaut.

Welche Ziele verfolgt Schunk 2011 in wirtschaftlicher und technologischer Hinsicht?

Im Bereich unserer Kernkompetenzen Spanntechnik und Greifsysteme wollen wir 2011 die internationale Marktdurchdringung ausbauen. Hauptziel ist es, das Niveau aus 2008 möglichst schon 2011 wieder zu erreichen. Einen Preiskampf werden wir dabei definitiv nicht führen. Schunk ist und bleibt Premiumanbieter mit erstklassiger Produkt- und Beratungsqualität.

Planen Sie Investitionen im laufenden Geschäftsjahr?

Schunk investiert kontinuierlich. Diese Strategie haben wir sogar während der Weltwirtschaftskrise beibehalten und beispielsweise 2009 unser neues Ausbildungszentrum eröffnet. Aktuell haben unsere Investitionen zum Ziel, den Produktionsprozess auszubauen und zu optimieren. Vor allem die Verfügbarkeit unserer Standardmodule soll damit erhöht werden.

Was sind die aktuellen Themen in Ihrer F&E-Abteilung?

Unsere Entwicklungsingenieure arbeiten derzeit vorrangig am Thema Effizienz, sowohl im Bereich der Pneumatik als auch im Bereich der Mechatronik. Hier spielt der innovative Einsatz von Ventiltechnik ebenso eine Rolle wie die Faktoren Leichtbau und Leistungsdichte. Mit Hilfe moderner Technologien sind wir in der Lage, den Energieverbrauch zu senken und zugleich die Produktivität von Anlagen rapide zu steigern.

In welchen Bereichen bekommen wir in diesem Jahr neue Produkte von Schunk zu sehen?

Ohne zu viel zu verraten: Es wird sich um innovative Problemlöser handeln. So wird Schunk beispielsweise einen Leichtbauarm auf Basis der Powerball-Module vorstellen und sein Programm mechatronischer Greifer weiter ausbauen. Auch in diesem Jahr finden bei Schunk wieder die Expert Days on Service Robotics statt.

Warum ist das Thema Servicerobotik für Schunk so wichtig?

Die Servicerobotik ist einer der wichtigsten, wenn nicht gar der wichtigste Zukunftsmarkt überhaupt in der Automation. Das gilt nicht nur für Schunk, sondern für die gesamte Branche. Als Pionier der modularen Robotik will Schunk diese Entwicklung begleiten und vorantreiben. Die Expert Days on Service Robotics, die in diesem Jahr bereits zum vierten Mal stattfanden, sind gewissermaßen der Brennpunkt, in dem sich unzählige Aktivitäten von Unternehmen aus der ganzen Welt bündeln. Es ist das führende Symposium für die angewandte Servicerobotik, wobei die Betonung auf „angewandt“ liegt. Das Ziel muss es sein, die vielen guten Ansätze aus der Forschung in die Praxis zu übertragen. Viele Unternehmen haben mittlerweile die Potenziale erkannt und gehen gemeinsam mit uns diesen Weg.

Können Sie sagen, wie hoch der Anteil in diesem Bereich am Gesamtumsatz von Schunk bisher ist und wo Sie damit mittelfristig hin wollen?

Im Moment geht es nicht darum, unsere Investitionen in die Servicerobotik mit Planzahlen zu unterlegen. Pioniergeist hat nichts mit betriebswirtschaftlichem Kalkül zu tun. Es geht um Visionen und um den Mut, neue Wege zu gehen. Und es geht darum, möglichst viele für diese Visionen zu begeistern. Das ist der Maßstab nach dem wir entscheiden. In diesem Jahr haben wir unser Ziel bereits erreicht: Fast einen Monat im Voraus waren die Expert Days bereits ausgebucht. So groß war das Interesse an dem Zukunftsthema Servicerobotik.

Wie wird sich die Servicerobotik deutschlandweit mittelfristig entwickeln?

Zahlreiche Unternehmen und Institute haben das Potenzial der Servicerobotik bereits erkannt und arbeiten an dem Thema. Dazu zählen große Konzerne ebenso wie innovative Startups, die klassischen Hersteller von Industrierobotern ebenso wie unzählige Komponentenlieferanten. In den kommenden zehn Jahren wird sich ein Markt mit deutlichen Millionenumsätzen entwickeln – vorausgesetzt das Thema wird konsequent angegangen. Obgleich die Technologien an vielen Stellen heute bereits ausgereift sind, steckt die Servicerobotik in puncto Markterschließung noch in den Kinderschuhen. Je mehr sich beteiligen, desto schneller wird das Thema an Dynamik gewinnen.

Welche Entwicklungen sehen Sie bei diesem Thema im Ausland?

Die Servicerobotik wird weltweit in unterschiedlichen Bereichen vorangetrieben. Vom Minenräumer über den Melkroboter, die vollautomatische Poolreinigung bis zur Unterhaltungsmaschine und dem Pflegehelfer reicht das Spektrum. Während im asiatischen Raum die Freizeitindustrie eine große Rolle spielt, zeigen in den USA die Rüstungsindustrie, die Landwirtschaft und die Konsumgüterindustrie großes Interesse. In Europa wird vor allem in den Bereichen Lebensführung, Logistik und Laborautomation geforscht. Es gibt unzählige Anwendungen, in denen Serviceroboter künftig eine Rolle spielen. Die neusten Beispiele mit hoher Praxisrelevanz waren auf den Expert Days zu sehen.

Noch zwei Fragen an Sie als Vorstandsvorsitzenden des EUnited Robotics: Wie entwickelt sich die europäische Robotikbranche im Jahr 2011?

Die Robotikbranche wird 2011 an die Erfolge aus 2008 anknüpfen. Um jedoch auch künftig zur Weltspitze zu gehören, werden enorme Kraftanstrengungen nötig sein. Rund um den Globus arbeiten Ingenieure an innovativen Lösungen. Wenn Europa hier Schritt halten will, müssen die Forschung intensiviert, bürokratische Hürden abgebaut und der Zugang zu Fördermitteln gerade auch für kleinere Unternehmen vereinfacht werden. Ein deutlicher Schritt nach vorne waren die vielversprechenden Programme, die 2010 aufgelegt wurden. Sie werden in den kommenden Jahren zu einem Innovationsschub in Europa führen.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Themen für 2011 im Bereich der industrierelevanten Forschung innerhalb der Robotik?

Zwei Trends bestimmten die Robotikforschung: Zum einen werden sukzessive neue Branchen und Anwendungsfelder für die Robotik erschlossen. Das Spektrum reicht von der Nahrungsmittel- und Verpackungsindustrie bis zur Medizintechnik. Das erfordert maßgeschneiderte Lösungen für einzelne Branchen und intuitive Verfahren zur Programmierung. Zum anderen geht es darum, die unmittelbare Zusammenarbeit zwischen Mensch und Roboter voranzutreiben. Hier sind nach-giebige Strukturen und eine leistungsfähige Sensorik gefragt, die die Sicherheit des Menschen und der Anlage gewährleisten.