Europa und Japan unterscheiden sich in ihren Philosophien beim Robotereinsatz erheblich. Olaf C.

Europa und Japan unterscheiden sich in ihren Philosophien beim Robotereinsatz erheblich. Olaf C. Gehrels, Europachef von Fanuc Robotics, erklärt im Gespräch mit Produktion die Unterschiede.

von Annika Mentgen

Herr Gehrels, Sie haben gerade das Geschäftsjahr 2010/2011 abgeschlossen. Erfolgreich?

Gehrels: Definitiv. Im Vergleich zum Jahr 2009 hatten wir in Europa eine Steigerung im Auftragseingang um 65 Prozent. Auch der Umsatz kann sich mit 195 Millionen Euro sehen lassen. Dies entspricht im Vorjahresvergleich einem Wachstum von rund 45 Prozent. Wir sind nun dabei, die Fertigungskapazität in unserem Headquarter in Japan bis April 2012 zu verdoppeln. Dann kann Fanuc bis zu 5 000 Roboter pro Monat ausliefern.

Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe für ein derart gelungenes Geschäftsjahr?

Gehrels: Zum einen resultiert der hohe Auftragseingang aus einer großen Bestellung des Volkswagen-Konzerns, bei der wir deutlich über 2 000 Roboter liefern. Zum anderen investiert der Peugeot-Konzern in Frankreich in Anlagen für spritsparende Fahrzeuge mit neuer Motorentechnik. Davon profitieren wir mit einer Bestellung von 800 Robotern seitens Peugeot. Der dritte Grund für die sehr positive Entwicklung sind die Aufträge aus dem Lebensmittelbereich. Diese Branche explodiert momentan geradezu. Das ist unglaublich!

Kramm: Hinzu kommt sicherlich auch die Erholung im Bereich der Werkzeugmaschinenbe- und -entladung, der 2009 vollkommen am Boden lag. In Deutschland liegen wir bei den Roboterinstallationen hier nun bei  über 250 Einheiten. Im Krisenjahr 2009 war dieser Markt für Fanuc Robotics Deutschland auf 30 Roboter eingebrochen, hat sich nun aber wieder auf 250 Stück erholt.

Inwieweit beflügeln die Themen E-Mobility und erneuerbare Energien das Fanuc-Geschäft?

Gehrels: Das Thema E-Auto beflügelt das Interesse der Kunden nach intelligenten und flexiblen Montageanlagen, besonders für die Batterien. Obwohl die konkrete Umsetzung noch gering ist, sehen wir mit unserer Robotertechnologie, bei der Bildverarbeitung und servogesteuerte Greiftechnik ein fester Bestandteil eines jeden Roboters sind, hervorragend aufgestellt. Bei den erneuerbaren Energien wie Solar und Windkraft hingegen spüren wir eine sehr starke Nachfrage. Die erneuerbaren Energien werden sich für uns künftig zu einem sehr großen Absatzmarkt entwickeln.

Kramm: Die starke Nachfrage der Windenergiebranche hat auch dazu geführt, dass Fanuc Robotics seinen Vertrieb Richtung Norden weiter ausbaut. Vergangenes Jahr haben wir beispielsweise in Stockholm die Niederlassung Fanuc Robotics Nordic gegründet. Und die Voraussetzung für eine eigene Niederlassung in einem Land ist bei uns ganz klar, dass sie wirtschaftlich komplett auf eigenen Füßen stehen muss. Und das ist dort im hohen Norden der Fall.

Vor dem Hintergrund planen Sie also auch die Niederlassung in der Türkei?

Kramm: Ja. Dort verkaufen wir pro Jahr mittlerweile zwischen 80 und 100 Roboter. Das bedeutet eine solide Basis für eine eigene Niederlassung. Grund für diese positive Entwicklung ist unter anderem der stete Strom von OEM‘s nach Rumänien und in die Türkei. Ihre, oftmals deutschen, Zulieferer folgen ihnen nach gewisser Zeit und die sogenannten Supplier Parks entstehen um die Automobilhersteller herum. Und da müssen wir jetzt reagieren, Präsenz vor Ort zeigen – eine eigene Niederlassung ist da der logische Schritt.

Fanuc Robotics hat 2008 den Schwerlastroboter M-2000iA auf den Markt gebracht. Hat sich das Geschäft mit den großen Robotertypen entwickelt wie erwartet?

Gehrels: Der M-2000iA ist leider zu einem Zeitpunkt eingeführt worden, bei dem uns alle die Wirtschaftskrise mit voller Wucht getroffen hat. Eine Anlage mit so einem Schwerlastroboter liegt in der Anschaffung schnell bei rund 500 000 Euro. Solche Investitionssummen sind natürlich in Zeiten einer so massiven wirtschaftlichen Krise schwierig. Aber die Vorteile eines Roboters, der 1350 kg zehn Meter von Punkt A nach B bewegen kann, liegen auf der Hand, so dass wir für 2011 sehr optimistisch sind.

Kramm: Roboter wie der M-2000iA oder der kleine Delta M1-iA sind ganz neue Typen, die Fanuc im Markt eingeführt hat. Ihre Etablierung braucht natürlich Zeit und auch neue Produktionskonzepte der Kunden.

Themen der Zukunft also. Wie steht es in diesem Zusammenhang um das Thema Green Automation?

Kramm: Fanuc Robotics verfolgt dazu unterschiedliche Konzepte. Eins ist sicherlich die Leichtbautechnik, die sich auch in der Automatisierung immer mehr durchsetzt. Wir haben gemeinsam mit unserem Systempartner Lewa Attendorn die Leichtbauschweißzange ‚Speed Gun‘ entwickelt. In Verbindung mit dem Fanuc Roboter R1000iA/80F hat der Kunde eine neue Art von Schweißzelle, mit der er bei Schweißaufgaben im Karosseriebereich eines Autos bis zu 25 Prozent Taktzeitreduzierung erreichen kann. Das ist ein Quantensprung, den es seit vielen Jahren nicht mehr gegeben hat!

Und wie nehmen die Automobilkunden diese Schweißzelle an?

Kramm: Die Zelle wirbelt den Zulieferermarkt im Augenblick stark auf. Innerhalb weniger Monate sind mehr als 50 dieser Zellen in Betrieb gegangen. Einen derartigen Anstieg bei einem einzelnen Produkt hatten wir noch nie! Noch hat Fanuc Robotics bei dieser Art von Roboter-Zangen-Kombination eine Alleinstellung am Markt. Dieser wird dadurch natürlich herausgefordert, in Richtung Leichtbautechnik zu marschieren – ein absolutes Zukunftsthema.

Gehrels: Durch das Bewegen geringerer Massen mit der Leichtbauzange, konnten wir in dem Roboter R1000iA/80F auch wesentlich kleinere Motoren und dadurch auch kleinere Getriebe einsetzen. So wird hier bis zu 30 Prozent weniger Energie verbraucht. Zudem liegt das größte Einsparpotenzial meiner Meinung nach ganz einfach in der Vermeidung der Verschwendung. Hier können wir in der europäischen Robotikindustrie noch viel von den Japanern lernen.

Inwiefern?

Gehrels: Die Philosophien sind in Europa und Japan zwei völlig unterschiedliche. In Europa fahren die Roboter während eines Prozesses immer auf Voll Speed, danach warten sie auf ihrer Parkposition auf den nächsten oder wiederholenden Schritt in dem Prozess. Im Gesamtbild ist das wenig harmonisch. Die Japaner hingegen programmieren ihre Roboter so, als würden sie, bildlich gesprochen, einen Marathon laufen: gleichmäßig und im Einklang. Um trotzdem denselben Output zu erreichen, installieren die Japaner einfach einige Roboter mehr. Diese werden aber durch ihren gleichmäßigen Lauf viel weniger beansprucht, Wartungs- und Reparaturkosten sinken enorm, die Lebensdauer ist um ein Vielfaches höher. Am Ende rechnet sich das japanische Konzept oft sehr viel besser als das europäische. Das ist der größte Einspareffekt, den wir in der Robotik erzielen können.