Yaskawa stellte seinen Serviceroboter Smarpal das erste Mal zur Automatica 2010 vor. (Bild: Yaskawa)

Yaskawa stellte seinen Serviceroboter Smarpal das erste Mal zur Automatica 2010 vor. (Bild: Yaskawa)

von Annika Mentgen

LANDSBERG. Das Thema Servicerobotik ist aktuell wieder einmal in aller Munde. VDMA Robotik + Automation, der VDE, das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA, das IFR Statistical Department, das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF): Alle haben die Serviceroboter momentan wieder als einen wichtigen Tagesordnungspunkt auf der Agenda. Zielmärkte und -gruppen werden definiert, Potenziale abgeschätzt, Anwendungsfelder erörtert, Wirtschaftlichkeitsanalysen aufgestellt.

Doch diejenigen, die sich im industriellen Praxisalltag seit Jahrzehnten erfolgreich mit der Robotik beschäftigen, verhalten sich beim Thema Servicerobotik der Außenwelt gegenüber eher zurückhaltend: die Roboterhersteller. Sehen sie – anders als Forschungsinstitute, Ministerien oder Verbände – in der Servicerobotik keinen Wachstumsmarkt? Ist die Servicerobotik demnach eher als eine „Spielwiese“ der Forscher zu sehen? Produktion ging dieser Frage in einer Exklusiv-Umfrage nach – und erhielt durchaus gegenläufige Antworten und Meinungen.

Der japanische Roboterhersteller Yaskawa ist überzeugt, dass die Servicerobotik „ein Markt mit den meisten Zuwachsraten“ ist und stößt damit in dasselbe Horn wir das IFR, das dem Serviceroboter-Markt fünfstellige Zuwachsraten prognostiziert – in einem Zeitraum von nur drei Jahren.

Alexander Steiger, Manager Sales, GI Robots & Products Robotics Divison von der Yaskawa Europe GmbH, berichtet gegenüber Produktion von dem großen Potenzial, das er den Servicerobotern zuschreibt: „Wir sprechen hier von einem ganz neuen Markt, dessen Möglichkeiten nicht ansatzweise erfasst sind, beziehungsweise von keinen etablierten Techniken beherrscht wird.“ Es handele sich um einen immens großen Wachstumsmarkt, bei dem „nicht die Überzeugungskraft, sondern die Ingenieurskunst an erster Stelle“ stehe.

Dr. Ralf Koeppe, Bereichsleiter Forschung und Entwicklung, Kuka  Laboratories GmbH, beschreibt den Markt der Serviceroboter im Dienstleistungsbereich als „heute erkennbar“. Koeppe: „Der Markt wird heute von den Anwendern aus der Forschung erschlossen. Die ‚Spielwiese‘ der Forscher heute ist somit der Zukunftsmarkt von morgen.“

Auch Epson will sich nicht auf Spielwiese oder Zukunftsmarkt festlegen. „Einerseits gibt es hier ein enormes Potenzial, da sich völlig neue Tätigkeitsfelder für Roboter eröffnen. Andererseits sind Einsatzgebiete der existierenden Roboter oder auch Roboterkonzepte zur Zeit stark limitiert, so dass hier noch erhebliche Forschungsarbeit geleistet werden muss“, erläutert Volker Spanier, Leiter Factory Automation der Epson Deutschland GmbH, gegenüber Produktion. „Somit ist dieses Gebiet beides: sowohl ein Zukunftsmarkt als auch eine Spielwiese für Forscher.“

Auch seitens Reis Robotics wird das Potenzial der Serviceroboter als hoch eingestuft. „Zum heutigen Zeitpunkt ist jedoch nicht bekannt, wie schnell dieses Potenzial für Roboterhersteller erschlossen werden kann“, sagt Geschäftsführer Dr. Eberhard Kroth.

Bei Fanuc Robotics reagiert man hinsichtlich der Thematik Serviceroboter ebenfalls etwas zurückhaltender; an eigenen Konzepten arbeiten die Neuhausener derzeit nicht. „Wir sehen keinen Massenmarkt“, macht Olaf Kramm, Geschäftsführer der Fanuc Robotics Deutschland GmbH, deutlich. Mit 850 Entwicklungsingenieuren sei Fanuc aber ganz sicher in der Lage, nach Maßstäben der Industrie zuverlässige Plattformen oder Konzepte zu entwickeln. „Die Basistechnik haben wir alle im Haus“, so Kramm.

In eine ganz andere Richtung denkt man im Hause Adept: Serviceroboter werden in Zukunft sehr viel verbreiteter sein als die klassischen Industrieroboter. Dipl.-Ing. Rüdiger Winter, Director Sales Europe bei Adept Technology, ist sich sicher: „Der Bereich Servicerobotik wird in einem Maße wachsen, dass die traditionellen Robotermärkte und die Märkte für Industrieroboter in den Hintergrund gedrängt werden. Es handelt sich also definitiv nicht um eine Spielwiese oder vorübergehende Modeerscheinung.“

Er vergleicht die Einsatzrate künftiger Serviceroboter mit der von Handys: „Die Anzahl an Servicerobotern wird der Einsatzrate näher kommen, als der Zahl von eingesetzten Indus-trierobotern.“

Doch bis es so weit ist, haben die Roboter- und auch die Komponentenhersteller, die auf dem Markt der Servicerobotik mitspielen wollen, noch eine Menge Hausaufgaben zu erledigen. Die Serviceroboter sollen sich frei und vor allem absolut sicher im Raum bewegen können; sich ändernde Strukturen müssen sie eigenständig erfassen können; die Kommunikation mit dem Menschen muss reibungslos funktionieren, die Verfügbarkeit bei nahezu 100 % liegen. Die Steuerungstechnik, Sensorik und Bildverarbeitung von heute stoßen hier aktuell noch oftmals an ihre Grenzen.

Und über allem steht immer die Frage nach der Wirtschaftlichkeit der Serviceroboter. Besonders die komplexe Software hinter einem solchen Robotersystem treibt den Anschaffungspreis in die Höhe – sie macht rund 40 % der Kosten aus. Ingo Ruhmann vom BMBF fordert: „Wir brauchen andere Serviceroboter-Lösungen als die, die wir heute diskutieren. Die Systemkosten sind noch viel zu hoch.“

Oliver Kleine vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) hat sich die Lebenszykluskosten eines Serviceroboters einmal genauer angesehen und kommt zu dem Ergebnis: „Die Anschaffungskosten eines Serviceroboters machen nur etwa 25 Prozent der Lebenszykluskosten aus.“ Er gibt zu bedenken: „Hersteller von Servicerobotern sollten sich sowohl um das Produkt als auch um entsprechend neue Geschäftsmodelle kümmern.“

Für die Anbieter von Servicerobotern kommt also neben der technologischen Herausforderung noch die kaufmännische dazu. Viel zu tun – für den wirtschaftlichen, sicheren Serviceroboter der Zukunft.