Der Ausstieg aus der Kernenergie führt dazu, dass sich die Anlagenbauer strategisch neu ausrichten

Der Ausstieg aus der Kernenergie führt dazu, dass sich die Anlagenbauer strategisch neu ausrichten (Bild: view7 - Fotolia.com).

Durch den Kernenergieausstieg gibt es Verzögerungen bei geplanten Neubauprojekten im Energiemarkt. Die Anlagenbauer weiten ihr Angebotsportfolio aus und setzen auf Internationalisierung und Dienstleistungen, um sich der neuen Situation zu stellen.


Gunnar Knüpffer

BREMEN. Nach dem beschlossenen Kernenergieausstieg 2022 rechnet die Mehrheit der Anlagenbauer mit Verzögerungen bei derzeit geplanten Neubauprojekten. Bei den Kraftwerksbetreibern gehen sogar 70 % von Verzögerungen aus. Das ergab die Studie „Kernenergieausstieg 2022: Auswirkungen auf den deutschen Energiemarkt“ von Trend Research, deren detaillierte Auswertung Produktion vorliegt. Als Grund für die Verzögerungen bei den Neubauprojekten nennen 17 % der Anlagenbauer politische Gründe. Je 13 % der Befragten geben Finanzierungs- und Genehmigungsschwierigkeiten sowie „übliche Projektverzögerungen“ an.
Besonders betroffen von den Verzögerungen sind vor allem die großen Player im Erzeugungsmarkt (53%), alle Investoren (18 %), Industrieunternehmen (12 %), Regionalversorger/große Stadtwerke (6 %), Neueinsteiger in den Markt (6 %) und alle Energieversorger (6 %).
Sowohl die Anlagenbauer als auch die Kraftwerksbetreiber vermuten, dass die Veränderungen im Betrieb von Kernkraftwerken vor allem einen Anlagenzubau im Bereich der Offshore-Windenergie zur Folge haben werden. Dem Volumen nach geordnet rechnen die Analgenbauer des weiteren mit dem Ausbau von Anlagen in den Bereichen Onshore-Windenergie, Photovoltaik, Biomasse, Geothermie, Wasserkraft und Biogas.
Bereits in den vergangenen Jahren sind die Anlagenbaupreise durch den Bedarf an Neubaukapazitäten stark gesteigen, ergab die Studie von Trend Research. Dazu beigetragen haben nach Angaben der Befragten die Entwicklung der Rohstoffpreise (Stahl, Spezialleigierungen), die politischen Rahmenbedingungen und eine starke Nachfrage der Kraftwerksbetreiber. Ein großer Teil der Anlagenbauer und der Betreiber rechnet mit weiteren Preissteigerungen, wobei vor allem die Anlagenbetreiber von Gas- beziehungsweise Gas- und Dampf-Kraftwerken deutliche Preissteigerungen befürchten.
Risiken können sich nach Ansicht der Akteure im Anlagenbau vor allem durch politische Entscheidungen ergeben (36 %). Defizite in der Qualität der erbrachten Leistung erachten 29 % als Risiko. 24 % bezeichnen eine mögliche schwache Auftragslage und starke Preiskonkurrenz als Risiko, 21 % fürchten ein zunehmende internationale Konkurrenz.

Der Kernenergieausstieg führt  dazu, dass sich die Anlagenbauer  strategisch neu ausrichten. So geben 61 % der von Trend Research befragten Unternehmen an, sie wollten ihr Angebotsportfolio ausweiten. 55 % setzen auf Internationalisierung, 36 % wollen sich verstärkt im Servicegeschäft engagieren und 27 % wollen sich um die Modernisierung bestehender Kraftwerke kümmern. Immerhin 25 % der Unternehmen konzentrieren sich auf das Neubaugeschäft und 18 % planen, ihre Kooperationen auszubauen. Die Kraftwerksbetreiber streben den Ausbau der Eigenversorgung  sowie den Ausbau von Kooperationen mit anderen Energieversorgungsunternehmen und Projektierern von Anlagen zur Erzeugung von erneuerbarer Energie (jeweils 31 %). Von dem Ausstieg aus der Kernenergie profitieren nicht nur erneuerbare Energien, sondern auch weitere dezentrale Energien wie Blockheizkraftwerke. Auch Großkraftwerke sollen in den kommenden Jahren eine Rolle spielen. Der Studie zu Folge werden insbesondere flexible Gas- und Dampfkraftwerke wichtiger.