Dr. Matthias Weidinger,  Corporate Vice President Supply Chain, Siemens AG

Dr. Matthias Weidinger, Corporate Vice President Supply Chain, Siemens AG

Die Geschäftsziele beim Global Player Siemens sind wirtschaftlich wie ökologisch hoch gesteckt. Mit seinem nachhaltigen Umweltportfolio will der Konzern im kommenden Jahr rund 25 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaften. Parallel dazu sollen vom hauseigenen „Energie- und Umweltcheck“ in der Produktionsinfrastruktur die Kunden und Lieferanten profitieren.

Von Lothar Lochmaier

BERLIN (fr). „Das Geschäft ist nach der Krise wieder angesprungen, das Wachstum findet jedoch vor allem in den Emerging Markets statt“, sagt Dr. Matthias Weidinger, Corporate Vice President Supply Chain bei der Siemens AG in München. Vorrangig aus Sicht der Lieferkette sei dabei die intelligente Verknüpfung zwischen Nachhaltigkeit und Energie-Effizienz, die auch bei der Suche nach den talentiertesten Köpfen das zentrale Wettbewerbskriterium darstelle, skizzierte der Experte auf dem Deutschen Logistikkongress.

Schon seit Jahren wächst der Konzern dynamisch mit der Nachhaltigkeit. Das Siemens-Portfolio adressiert ein breites Produktspektrum im Spannungsfeld zwischen wirtschaftlicher Globalisierung, Urbanisierung, Mobilität und ökologischen Notwendigkeiten. Die strategische Leitlinie beinhaltet neben einem Energie-Effizienz-Programm und eigenen Umweltschutzzielen in der Fertigung auch eine nachhaltig aufgestellte Supply Chain.

Des Weiteren spielen strategische Allianzen und Partnerschaften eine Rolle. Das umweltbezogene Produktportfolio und damit verbundene Dienstleistungen steuern mittlerweile im Konzern einen Umsatzanteil von rund 30 Prozent bei. Im kommenden Jahr liegt die Zielmarke mit rund 25 Mrd. Euro noch ein paar Prozentpunkte höher. Im Rahmen des „Carbon Disclosure Projects 2010“ gehört das Unternehmen bereits heute zu den Top Ten im Dow Jones Sustainability Index.

Mit Blick auf die nachhaltige Logistik liegt das Augenmerk vor allem auf dem Siemens-Produktionssystem. Immerhin ein Drittel der Belegschaft ist dort beschäftigt. Bei den 300 Standorten weltweit schlagen immerhin Herstell- und Materialkosten von 8,3 Mrd Euro pro Jahr zu Buche. Die betriebswirtschaftlichen Ziele sind unter anderem schlankere Abläufe und Just-in-time-Produktion.

Deutlich wird dies am Beispiel des Messgerätewerks Berlin bei der Herstellung von Schutzgeräten mit 400 Mitarbeitern. Denn dort hat sich die Produktivität in den vergangenen drei Jahren um 27 Prozent erhöht. Parallel dazu sanken auch die Transportwege durch optimierte Prozesse. „Damit sind wir auch hier in Deutschland gegenüber chinesischen Standorten konkurrenzfähig geworden“, betont Weidinger.

Mit Blick auf die Energie-Effizienz in der Produktion stehen in über 100 Fabriken Kernelemente wie Gas, Heizung, Strom und die Pressluftinstallationen permanent auf dem Prüfstand. Am Beispiel des Medizintechnik-Standorts Kemnath und des Bahntechnik-Werks Krefeld seien nicht nur die Kosten um 15 Prozent gesunken, sondern ganz nebenbei rund 20 Prozent an CO2-Emissionen vermieden worden.

Die Kapitalrendite (ROI) bei derartigen Vorhaben stelle sich allerdings erst über einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren ein, räumt der Siemens-Manager ein. Auch beim Einkauf sieht der Experte zahlreiche Stellschrauben, um den Wertbeitrag und die Umweltbilanz in einem Atemzug zu verbessern. Ein dafür maßgeschneidertes Entwicklungsprogramm richtet sich speziell an 1 000 Lieferanten mit hohem Ressourcenverbrauch.

Bei den zehn wichtigsten Zulieferern haben die Experten aus dem Energiemanagement sogar eine umfassende Detailanalyse durchgeführt. Davon soll jetzt die ganze Community der Partner und Lieferanten profitieren. Denn der hauseigene „Energie- und Umweltcheck“ mit System ist mittlerweile auch als Dienstleistungspaket erhältlich.

Und schließlich adressiert der Konzern seine Umweltbilanz in der Logistik durch vermiedene Transporte und eine größtmögliche Verlagerung auf die Schiene. Daneben spielt das Pooling-Modell der Chargen über bedarfsgerechte Logistikzentren eine große Rolle. „Nachhaltigkeit und Ressourcen-Effizienz sind zentrale Herausforderungen für alle Unternehmen“, bilanziert Weidinger.