Die Hersteller sind laut Oliver Wyman noch nicht ausreichend auf die kommenden Umwälzungen

Die Hersteller sind laut Oliver Wyman noch nicht ausreichend auf die kommenden Umwälzungen vorbereitet (Bild: Repower).

MÜNCHEN (ks). Im vergangenen Jahr verzeichnete die Windenergiebranche weltweit einen Gewinn von rund 2,5 Milliarden Euro. Über 80 % der Profite stammen aus dem Neugeschäft, in dem EBIT-Margen von durchschnittlich 7 % erwirtschaftet werden. Doch in Zukunft werden die Karten neu gemischt. Ursächlich dafür sind das rasante Wachstum der installierten Windanlagenbasis und die Alterung der Anlagen, einhergehend mit der Professionalisierung des Servicegeschäfts. Die Studie „Windenergie 2020: Boom-Markt Service“ der Unternehmensberatung Oliver Wyman ergibt, dass bis 2020 rund 75 % der Profite in Europa aus dem Servicegeschäft kommen werden. Gleichzeitig werden die EBIT-Margen mit 15 bis 20 % deutlich besser sein als im Neuinstallationsgeschäft, das langfristig stärker unter Druck gerät. Der Service werde zur Profitmaschine der Windindustrie, so die Unternehmensberatung. „Gewinne werden neu verteilt“, sagt Henning Thormählen, Associate Partner und After-Sales-Experte bei Oliver Wyman. „Der Service wird zur Profitmaschine der Windindustrie. Auf dieses Szenario aber ist das Gros der Hersteller noch nicht ausreichend vorbereitet.“

Noch fehlten oft Strategien, die konsequent auf das hochprofitable Servicegeschäft der Zukunft ausgerichtet sind – oder es hapert an der Umsetzung. Ein Grund ist, dass die Hersteller im Servicemarkt bislang nahezu konkurrenzlos waren. „Die Branche ist jung und die Anlagen der ersten Generationen hatten zum Teil noch ‚Kinderkrankheiten’. Schon deshalb wollten Kunden die Hersteller nicht aus ihrer Pflicht entlassen“, so Thormählen. „Das wandelt sich jetzt deutlich. Die Produkte sind verlässlicher geworden, zugleich laufen Garantien und erste Serviceverträge aus – ein günstiger Zeitpunkt für Neueinsteiger. Die Dominanz der Hersteller im Servicemarkt wird abnehmen. Die Neueinsteiger formieren sich angesichts der hervorragenden Gewinnperspektiven.“

So stehen neben Komponentenherstellern vor allem unabhängige Drittanbieter von Dienstleistungen für Windkraftanlagen bereits in den Startlöchern, um den Anlagenproduzenten das Servicegeschäft streitig zu machen. Auch bauen große Betreiber eigene Betriebs- und Instandhaltungsabteilungen auf, so die Unternehmensberatung. Die Hersteller geraten damit erheblich unter Zugzwang. Sie müssen dedizierte Geschäftsmodelle entwickeln, mit denen sie die Profitpotenziale des Servicegeschäfts sichern können. Dazu gelte es unter anderem, eine internationale Serviceorganisation mit standardisierten Prozessen und Systemen aufzubauen, da das Windgeschäft immer globaler wird. Auch sind differenzierte Serviceprodukte für die zum Teil sehr unterschiedlichen Anforderungen der einzelnen Kundengruppen zu definieren. Neben dem reinen Erhalt der Leistungsfähigkeit der Anlagen müssen diese Serviceprodukte zunehmend auch einen Beitrag zur Produktivitätssteigerung der Anlagen in der Betriebsphase leisten. Gleichzeitig muss mehr Kompetenz für Kalkulation und Risikomanagement in Bezug auf Serviceverträge geschaffen werden. In der Vergangenheit haben Kunden für ihre Serviceverträge immer wieder zu viel gezahlt. Doch auch die Hersteller mussten wegen versteckter Risiken in den bestehenden Verträgen Lehrgeld zahlen.Eine der schwierigsten Aufgaben dürfte der Studie zufolge die Rekrutierung sowie die Aus- und Weiterbildung des notwendigen Servicepersonals sein. Schon heute bestehe ein Mangel an qualifizierten Fachkräften, denn die für die Instandhaltung der Windkraftanlagen erforderlichen Spezialisten, etwa Mechatroniker, sind auch in anderen Maschinenbaubranchen begehrt. „Um künftig außerplanmäßige Stillstände bei den Windkraftanlagen zu vermeiden, muss die Industrie eine systematische und nachhaltige Personalentwicklung betreiben“, betont Wolfgang Krenz, Partner bei Oliver Wyman. „Jetzt ist es in jeder Hinsicht an der Zeit zu handeln. Denn ohne professionelle Vorbereitung wird aus dem Service-Boom schnell eine No-Profit-Zone.“

Der Weltmarkt für Windkraftanlagen wird der Studie zufolge auch in den kommenden Jahren ein rasantes Wachstum verzeichnen. Trotz der langfristig hohen Bedeutung des Offshore-Segments entsteht in den nächsten zehn Jahren noch über 90 % der neu installierten Leistung an Land. So wird sich allein die onshore installierte Windkraftkapazität mit jährlichen Steigerungsraten von fast 16 % bis 2020 vervierfachen – von heute rund 192 Gigawatt auf dann rund 825 Gigawatt.

In diesem Jahr hat die erfolgsverwöhnte Branche mit den Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise zu kämpfen. Die weltweite Nachfrage ist zurückgegangen. Die Intensität des Wettbewerbs ist drastisch gestiegen und drückt die Preise im Neugeschäft. Der Wind-Index von Oliver Wyman spiegelt die Situation der Branche wider. Seit Beginn dieses Jahres haben sich die europäischen Windaktien deutlich schlechter entwickelt als die 50 führenden Aktien des europäischen Bluechip-Index Euro Stoxx 50. Die Hersteller von Windkraftanlagen erleben einen rasanten Reifeprozess ihrer Branche. Sie müssen künftig einen Kampf an allen Fronten führen. Die strategischen Herausforderungen sind enorm.