Ein Mann der ersten Desertec-Stunde: Dr.-Ing Hani El Nokraschy. stellvertretender

Ein Mann der ersten Desertec-Stunde: Dr.-Ing Hani El Nokraschy. stellvertretender Aufsichtsrats-Vorsitzender der Desertec-Foundation

von Lothar Lochmaier

Landsberg (fr). Können Sie zunächst kurz beschreiben, worin die Aufgabe von Desertec genau besteht?

Bei Desertec geht es darum, die reichlichen und zuverlässigen Sonnenstrahlen in den Wüsten der Welt in Elektrizität umzuwandeln, um damit die angrenzenden Gebiete bis zu zirka dreitausend Kilometer Entfernung zu versorgen. In den Wüsten weht häufig auch Wind, der auch zur Elektrizitätsgewinnung beiträgt. Wüsten existieren an vielen Orten der Welt. Die Technologien zum Umwandeln der Sonnenstrahlen in Elektrizität sind zum großen Teil in Deutschland. Die Leitungen zum Transport des Stroms müssen in vielen Gebieten grenzüberschreitend sein. Ein Beispiel ist der Großraum Europa, Naher Osten und Nordafrika (EU-MENA).

Wie realistisch und greifbar ist die Leitvision Desertec aus deutscher Sicht im internationalen Kontext?

Deutschland hat zu den meisten betroffenen Ländern gute politische und wirtschaftliche Beziehungen; und Deutschland ist ein Exportland. Die meisten Firmen, die das Konzept Desertec tragen, haben internationale Verbindungen und können durch ihre Beziehungen große Teile dieser Projekte selbst oder in Kooperation realisieren. So gesehen, hat Deutschland die besten Chancen. Dass es realisiert wird, sehe ich als Notwendigkeit. Zu dieser Einstellung ist auch die Internationale Energie-Agentur gekommen, wie aus den Präsentationen in Valencia bei der MSP Konferenz (Mediterrane Solar-Plan) vor kurzem zu sehen war. Die IEA vollzieht damit eine Kehrtwende von ihrer traditionellen pro-fossilen Haltung hin zu erneuerbaren Energien. Die IEA schlägt das Desertec Konzept als realistische Alternative zum Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter vor.

Welche Chancen und Perspektiven würden sich für die Zulieferer aus Produktion und Industrie mit diesem Projekt auf globaler Ebene offerieren?

Die meisten Firmen, die Geräte für erneuerbare Energien herstellen, sind in Deutschland ansässig. Das gibt Deutschland die besten Chancen bei der Beteiligung.

Wie sehen die Perspektiven für den einheimischen Nachwuchs an Ingenieuren aus, wo sehen Sie die spannendsten Betätigungsfelder?

Die Universitäten haben die Notwendigkeit der spezialisierten Ausbildung erkannt, da ist zum Beispiel der Bi-Kulturelle Master Kurs in erneuerbaren Energien und Energie-Effizienz, kurz REMANA, der von den Unis Kairo und Kassel angeboten wird. Die Studenten kommen je zu 50 Prozent aus Deutschland und den Arabischen Ländern. Sie lernen abwechselnd ein Semester in Kairo und das nächste in Kassel. Der Kurs wird vom DAAD finanziell unterstützt. Die spannendsten Betätigungsfelder werden sicherlich die Planung und Aufbau der Anlagen in den Wüsten sein. Dorthin müssen alle notwendigen Elemente zum Leben und Arbeiten gebracht werden – eine neue Herausforderung für Planung und Logistik.

Welche konkreten nächsten Schritte sind in der Roadmap für Desertec in welchem Zeitraum geplant?

Bevor ein Unternehmer ein Kraftwerk baut, muss er wissen, dass der produzierte Strom langfristig verkauft werden kann. Daher ist der erste Schritt, langfristige Strom-Lieferverträge abzuschließen. Als erste Käufer für den Strom sind die Elektrizitätsversorger in den Ländern angedacht, in denen er erzeugt wird. Da diese Länder aber wahrscheinlich den – zunächst teureren – sauberen Strom nicht bezahlen können, müssen in der Anfangphase Anreize geschaffen werden. Diese können zum Beispiel durch Lieferung eines Teils des Stromes nach Europa zu Preisen bereit gestellt werden, die einen Anreiz bieten, etwa durch Unterstützung beim Aufbau einer lokalen Industrie. Ein weiteres Anreiz-Element ist die Kombination von Stromerzeugung und Meerwasser-Entsalzung mit der Abwärme aus den Kraftwerken. Wie anfangs erwähnt, muss der Kraftwerksbau gleichzeitig mit dem Bau von Leitungen erfolgen, die den Strom vom Nahen Osten und Nordafrika in die EU transportieren. Das alles sind gewaltige Aufgaben, die eine weitsichtige Politik benötigen.

Wie schätzen Sie den Stand der politischen Bemühungen hierzulande ein?

Es hat uns von Desertec sehr gefreut, als wir sahen, dass das Vorhaben ausdrücklich im Koalitionsvertrag als eine der Aufgaben der Regierung enthalten ist. Die Roadmap ist zurzeit im Entstehen. Derzeit wissen wir, dass der erste Spatenstich vor 2012 erfolgen soll.