„Die Entwicklung der Bohreinheit kommt praktisch von Null“, sagt Volker Wiens, Geschäftsführer

„Die Entwicklung der Bohreinheit kommt praktisch von Null“, sagt Volker Wiens, Geschäftsführer Atlas Copco Tools, über die Neuentwicklung. (Bild: Thomas Preuß)

von Annika Mentgen

Herr Wiens, nach längerer Zeit bringt Atlas Copco Tools nun im Bereich Bohren für die Luftfahrtindustrie eine echte Neuheit auf den Markt. Wie kam es nun zu der Neuentwicklung PFD 1500?

In der Luftfahrtindustrie ist der Bedarf an präzise gebohrten Löchern sehr groß. Wir sprechen hier von sogenannten Passbohrungen mit Toleranzen im Hundertstelbereich. Zudem findet man das handgehaltene Bohren in der Luftfahrtindus-trie immer seltener, das automatisierte Bohren hingegen nimmt zu. Und hier kommt unsere automatische Bohrvorschubeinheit PFD 1500 ins Spiel.

Was ist das Besondere an dieser neuen Bohreinheit?

Das wirklich Revolutionäre an der PFD 1500 ist ihr modularer Aufbau. Der Anwender kann einzelne Getriebeboxen und Vorschubeinheiten gegen anders ausgelegte Teile tauschen und das mit nur acht Schrauben und in weniger als zehn Minuten! Mit nur einem Gerät können also unterschiedlichste Drehzahlen und Vorschubgeschwindigkeiten gefahren werden. Der Anwender muss weniger Geräte vorhalten, die Flexibilität innerhalb der Fertigung erhöht sich drastisch. Durch den schnellen und einfachen Umbau reduzieren sich zudem im hohen Grad Rüst- und Instandsetzungszeiten; auf der anderen Seite maximieren wir dadurch Einsatzzeiten.

Das klingt nach einer wirklichen Weltneuheit…

Ja, die Entwicklung der Bohreinheit kommt praktisch von Null. Das Konzept ist völlig neu und auf dem Markt so noch nirgends zu finden.

Inwiefern war Ihre Zielgruppe für die PFD 1500, die Luftfahrtindustrie, an dieser Entwicklung beteiligt?

Die Initiative für die Entwicklung kam von Boeing. Bislang lag im Bereich des automatisierten Bohrens eine mehr oder weniger monopolistische Situation am Markt. Boeing wollte eine Alternative und kam dafür auf Atlas Copco Tools zu. Der Schritt, mit einem Flugzeughersteller ein ganz neues Produkt zu entwickeln, passte auch hervorragend zu unserer Strategie, noch stärker auf Wachstumsbranchen zu setzen. Und dazu zählt für uns definitiv die Luftfahrtindustrie.

Wird Airbus die PFD 1500 ebenfalls einsetzen?

Ja, hier sind bereits Maschinen im Test. Die Produktionsfreigabe von Airbus erwarten wir aber in den kommenden Monaten. Boeing setzt zum jetzigen Zeitpunkt schon mehrere Geräte der PFD 1500 in verschiedenen Fertigungslinien ein.

Und wie viele der neuen Bohrvorschubeinheiten wollen Sie nach der offiziellen Einführung im April dieses Jahr weltweit verkaufen?

Die Absatzzahl wird für 2011 sicherlich dreistellig ausfallen und im Laufe der Jahre deutlich steigen.

Kommen wir noch einmal auf die technischen Details Ihrer Neuentwicklung zurück. Wodurch zeichnet sich die PFD 1500 im Einzelnen aus?

Unsere Maschine ist leichter und stärker als die Wettbewerbsgeräte. Die Drehzahl fällt durch eine effektive Regelung nicht so stark ab; dieser Vorteil ist unter Last am deutlichsten. Dies bedeutet, dass wir die optimale Schnittgeschwindigkeit auch unter Last einhalten, was die Produktivität und die Qualität der Bohrung definitiv erhöhen wird. Nach unseren Messungen sind diese Maschinen mindestens 15 Prozent produktiver als das, was bisher am Markt verfügbar war.

Außerdem halten sie länger und ermöglichen kleinere Toleranzen. Mit der Einheit können Löcher mit einem Durchmesser zwischen 8 und 35 Millimetern gebohrt werden. Die Kombination aus sehr geringen Toleranzen und großen Bohrlochdurchmessern prädestiniert die PFD 1500 für den Einsatz in der Luftfahrtindustrie. Eine  weitere Besonderheit dieser automatischen Bohrvorschubeinheit ist die Funktion des schnellen „Zurückziehens“. Nach Prozessende wird diese automatisch gestartet. Die Funktion „Schnellvorschub“ dient dazu, den Bohrer schneller in seine richtige Position zu führen, ohne dass er bereits auf Leistung geht. Das Bohren startet erst unmittelbar vor der zu bohrenden Oberfläche. Durch diese Funktion kann der Bohrer anfangs schneller verfahren werden, zudem wird Druckluft gespart.

Außerdem haben wir die einzelnen, austauschbaren Teile in der Einheit voll gekapselt. So kommt es beim Umbau der Maschine nicht zu Verschmutzungen, was wiederum die Wartungskosten reduziert. Eine eingebaute Überlastsicherung verhindert eine Zerstörung des kompletten Getriebes.

Stichwort Druckluft: Haben Sie bei der Entwicklung einmal darüber nachgedacht, die PFD 1500 elektrisch auszuführen?

Die Frage, ob Druckluft- oder elektrischer Antrieb haben wir uns natürlich gestellt. Aber die Vorteile der Druckluft überwiegen bei den von uns definierten Anwendungen in der Luftfahrtindustrie deutlich. Die Bohrvorschubeinheit PFD 1500 wiegt weniger als sechs Kilogramm – ohne eine Steuerung, die aber für eine elektronische Ausführung nötig ist. Die Maschine wäre dadurch für den Mitarbeiter in der Fertigung schlicht und einfach zu schwer geworden. Dann muss man sehen, dass die Branche, sofern sie Elektrowerkzeuge einsetzt, solche mit Akkubetrieb bevorzugt. Aber es gibt aktuell keine Bohrtechnik auf Batteriebasis, die den hohen Ansprüchen der Luftfahrtindustrie genügt. Kraft, Größe und Ausdauer der Akkus reichen hier noch nicht aus. Die Leistungsfähigkeit, sprich wie viele Löcher ich mit einer Batterieladung bohren kann, ist nicht groß genug. Die Druckluft ist hier also noch lange nicht tot!