Nassbearbeitung hat Zukunft. (Bild: Andy Ridder, Hainbuch Marbach)

Nassbearbeitung hat Zukunft. (Bild: Andy Ridder, Hainbuch Marbach)

Zu den lange bejubelten Trends in der spanenden Fertigung gehörte die Trockenbearbeitung. Mittlerweile ist klar: Ohne das Medium Kühlschmierstoff geht wenig.

LANDSBERG (sm). Der scheinbar alltägliche Vorgang der Metallzerspanung bietet einige Superlative: Bei enormen Kräften treten in den Kontaktzonen Temperaturen von bis zu 1 700°C auf. Dabei wird nahezu die gesamte mechanische Energie in Wärme umgesetzt. Gleichzeitig reduzieren extrem hohe Temperaturen die Standzeit deutlich und begrenzen das Fahren höherer Schnittgeschwindigkeiten. Deshalb bekommt es jeder Lehrling von Anfang an eingetrichtert: Kühlen ist das A und O!

Und doch gab es seit Ende des vergangenen Jahrhunderts die Vision von einer Bearbeitung ohne Kühlschmierstoffe. Diese Euphorie hat sich jetzt gelegt: „Wurden anfangs mit großem Elan vor allem einfache und für die Trockenbearbeitung prädestinierte Operationen angegangen, so konnten die prognostizierten Zuwächse nicht realisiert werden“, berichtet Stefan Gernsheimer, Leiter Anwendungstechnik beim Schmiestoffhersteller Oest. Folglich sei der Anteil wassermischbarer Kühlschmierstoffe seit ca. 2005 sogar wieder gewachsen. Der wesentliche Grund für die Rückkehr zu Kühlschmierstoffen liegt für Gernsheimer darin, dass die KSS-Lieferanten die technische Unterstützung der Anwender erheblich intensiviert haben.

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt Marc Blaser, Geschäftsführer beim Wettbewerber Blaser Swisslube: „Die Trockenbearbeitung funktioniert nur unter klar definierten Rahmenbedingungen und in speziellen Anwendungsgebieten. Bei der Bearbeitung von Werkstoffen wie hochlegiertem Stahl oder Titan mit hohem Zeitspanvolumen kann aufgrund der hohen Temperaturen auf Kühlung und Schmierung nicht verzichtet werden.“ Blaser beklagt, dass der positive Einfluss eines hochwertigen Kühlschmierstoffs auf den Zerspanungsprozess oft übersehen wird. Der Kühlschmierstoff schütze vor Korrosion, transportiere Späne und Feinstabrieb und stelle die Oberflächengüte sicher. In der Trockenbearbeitung hingegen könne der Feinstabrieb im Maschinenraum aufgewirbelt und verteilt werden. Diese metallischen Ablagerungen können die Maschine beschädigen und noch schlimmer, in die Atemwege der Anwender gelangen.

Auch Dr. Max Reiners, Inhaber des Schmierstoffspezialisten Rhenus Lub, holt die Fans der Trockenbearbeitung zurück auf den Boden der Tatsachen: „Bislang haben Verfahren wie die Trockenbearbeitung unterschiedlicher Metalllegierungen oder die Minimalmengenschmierung (MMS) zwar partiell Erfolge bei der Reduzierung der eingesetzten Mengen an Kühlschmierstoffen erreicht. Allerdings sind aufwändige technische Lösungen erforderlich oder es werden Probleme an anderer Stelle aufgeworfen.