Die neue, frischgebackene Zuse-Gemeinschaft tritt als Wettbewerber der etablierten, staatlich

Die neue, frischgebackene Zuse-Gemeinschaft tritt als Wettbewerber der etablierten, staatlich geförderten Forschungsgemeinschaften Fraunhofer und Helmholtz an. - Bild: Zuse Gemeinschaft

Die neue, frischgebackene Zuse-Gemeinschaft (68 Institute, 5000 Wissenschaftler) dürfte die deutsche Forschungs-Welt nachhaltig aufmischen: Sie tritt als Wettbewerber der etablierten, staatlich geförderten Forschungsgemeinschaften Fraunhofer und Helmholtz an. Ziel: Schneller und billiger für den Mittelstand forschen. Thema: Industrie 4.0.

Eine ganze, brandneue Forschungsgemeinschaft zum Thema Industrie 4.0 für den Mittelstand – wer kommt auf so etwas? Die Leitung über die deutsche Industrie 4.0 Plattform liegt bekanntlich seit kurzem in der ‘gemeinsamen’ Hand von Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWI) und Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Da liegt der Gedanke nahe, dass die Idee zur Gründung einer neuen 4.0-Forscher-Truppe von dort kam – was ein Insider der Zuse-Gemeinschaft dementiert. Die Gründungsidee sei vielmehr in den beteiligten Instituten selbst entstanden. Und bei besagten Ministerien eher auf Skepsis gestoßen. Weil damit ja ein Wettbewerber zu den staatlich geförderten Forschungsgemeinschaften wie Fraunhofer und Helmholtz entstünde.

Die Gründung fand offensichtlich trotzdem statt und verspricht sich Erfolge genau gegen diese Wettbewerber – mit welcher Berechtigung? Die Zuse-Gemeinschaft verweist darauf, dass es sich bei ihren Instituten um “meist gemeinnützige, rein privatwirtschaftlich finanzierte, mittelständische, sehr industrienahe und optimal regional vernetzte Organisationen” handle. Mit dem Nachteil, überregional eher unbekannt zu sein. Daher der Zusammenschluss in der Gemeinschaft.

Was wollen die Zuse-Forscher, die sich in aller Bescheidenheit als “die 3. Säule des deutschen Wissenschaftssystems” sehen, ihrer mittelständischen Kundschaft bieten? Die offzielle Antwort: “Anwendungsorientierte Grundlagen- und marktnahe Projektforschung mit einem wichtigen Schwerpunkt auf cyber-physische Systeme und das Internet der Dinge, also Industrie 4.0, für den Mittelstand.” Der propagierte Wettbewerbs-Vorteil: “Wir ticken anders als Unis und wenn euch die Fraunhofers zu langsam und zu teuer sind, kommt zu uns!”, wie es der Zuse-Insider griffig formuliert.

Welche Projekte haben Zuse-Institute gerade am Laufen?
• Große Effizienzreserven sieht Dr. Lutz Rauchhaupt vom Institut für Automation und Kommunikation ifak in Funklösungen einer neuen Generation.
• Zur sicheren und robusten Erfassung und Übertragung von Produktionsparameter entwickelt Hahn-Schickard in Villingen-Schwenningen energieautarke, kabellos an Produktionsanlagen platzierbare Sensorsysteme (Foto).
• GfaI, Berlin-Adlershof, entwickelte etwa die Robotiklösung CeramDetect / 3D-ProSim: Die Software steuert in der Produktion eines auf Sanitärkeramik spezialisierten Mittelständlers selbständig Schleif-, Glasier- und Handlings-Roboter.

Was sagt der Chef? Dr. Ralf-Uwe Bauer, Präsident der Zuse-Gemeinschaft und Chef des Thüringischen Instituts für Textil- und Kunststoff-Forschung hält die Verzahnung zwischen innovationsorientierten Unternehmen und marktnaher Forschung für “unabdingbar, um das Smart Factory-Konzept unter Mittelstandsbedingungen erfolgreich umsetzen zu können.” Und sieht noch Wachstumspotenzial für seine Gemeinschaft: Denn es gibt insgesamt 130 ähnlich aufgestellte Institute, von denen sich jetzt 68 zur Zuse-Gemeinschaft zusammengetan haben.

Gibt es politische Forderungen? “Noch nicht”, sagt der Insider. Aber wie lange kann das dauern, wenn sich so ein schlagkräftiger Verband zusammenfindet? “Einige Wochen, Sie werden sehen…”

Und was sagen die Forscher-Kollegen? Die sind offensichtlich weder schockiert noch beunruhigt. Ein Fraunhofer-Forscher im vertraulichen Gespräch: “Das ist natürlich nur meine persönliche Meinung. Aber Ich denke, wir haben grundsätzlich keine Probleme mit diesem neuen Zusammenschluss kleinerer Institute. Schließlich haben wir als Fraunhofer eine ganz bestimmte, fest definierte Rolle in der der Forschungslandschaft.

Auch jetzt schon gibt es Wettbewerber. Ich denke, wir können alle gut damit leben. 4.0 ist so ein großes Thema, dass es gar nicht genug Leute geben kann, die sich darum kümmern. Und Mittelständler haben gelegentlich Berührungsängste mit der großen Fraunhofer-Gesellschaft. Diese Ängste sind mit so kleinen Einrichtungen vermutlich kleiner. Und wir arbeiten eben mit forscherischer, wissenschaftlicher Korrektheit. Schnelligkeit ist nicht unser alleiniger Anspruch. Dadurch können wir manchmal die schnellen Anforderungen der KMUs nicht befriedigen. Wir konzentrieren uns eher auf mittelfristige Projekte.”

Also leben und leben lassen – eine gute Voraussetzung für gedeihliche Zusammenarbeit an der gemeinsamen Sache Industrie 4.0. Sicher eine gute Sache für den deutschen industriellen Mitelstand, für den sich das Forschungsangebot 4.0 erweitert. Und “schneller und billiger” haben ja auch ihren ganz eigenen Reiz, sogar in der Forschung.

Kontakt: www.zuse-gemeinschaft.de, Tel. 030 / 440 6274

Eduard Altmann