Thorsten Strebel. - Bild: MPDV

Thorsten Strebel, Geschäftsführer Products & Services bei MPDV. - Bild: MPDV

Herr Strebel, was ist das Neue an HYDRA X?

Thorsten Strebel: Im Gegensatz zu einem herkömmlichen MES ist HYDRA X komplett appifiziert. Im Klartext heißt das, dass alle Anwendungen feingranular in sogenannte Manufacturing Apps (mApps) verpackt sind, die auf einer gemeinsamen Plattform, der Manufacturing Integration Platform (MIP), laufen. Das bisherige Branchendenken ist überholt. Den klassischen Metallverarbeiter gibt es heute nicht mehr. Vielmehr ist die Zahl der möglichen Kombinationen unterschiedlicher Fertigungsverfahren in einem Unternehmen schier unendlich. Daher braucht es zukünftig auch mehr Flexibilität in der Software. Gleichzeitig ist Standardisierung wichtig, damit die Softwarelandschaft beherrschbar bleibt: Es braucht also individuelle Standardlösungen. Und genau das ist mit HYDRA X möglich. Mit HYDRA X lassen sich die vielen notwendigen Schnittstellen reduzieren und standardisieren.

Darüber hinaus hat sich auch der Funktionsumfang deutlich erweitert. Dabei geht es darum, die gelebten Prozesse noch feiner abzubilden. Alles wird detaillierter und genau damit kann HYDRA X umgehen. Durch immer mehr dezentrale Intelligenz kann die Produktion nun lückenlos digital abgebildet und somit besser überwacht und gesteuert werden. Mit HYDRA X blicken wir nicht nur auf die Prozesse, sondern auch zwischen die einzelnen Prozessschritte.

Und natürlich spielt auch die Künstliche Intelligenz (KI) bei HYDRA X eine wichtige Rolle. Wir haben die KI quasi im Fundament verbaut. Das mag heute noch innovativ klingen, aber in fünf Jahren wird KI überall selbstverständlich integriert sein – so wie heute schon in vielen Anwendungen des Alltags. Ich denke hier an Navigation, Spracherkennung und ähnliches.

In der Smart Factory geht es neben Predictive Maintenance beispielsweise um Anomalie Erkennung bei der Prozessdatenerfassung oder eine erfahrungsbasierte Personaleinsatzplanung. Damit können im ersten Fall unnötige Verluste von Material oder Energie frühzeitig erkannt werden. Wenn das System aus Erfahrung weiß, wie viel Energie normalerweise verbraucht wird, dann ist es ein Leichtes, Abweichungen davon frühzeitig zu melden. So kann das Problem schneller behoben werden. Im zweiten Fall hat die KI gelernt, dass der Krankenstand im Winter typischerweise höher ist und kann dies bei der Personaleinsatzplanung in Form von Puffern berücksichtigen. Dadurch, dass wir KI-Methoden bereits in HYDRA X integriert haben, sind solche Anwendungsszenarien ganz einfach umzusetzen.

HYDRA X passt sich den jeweiligen Gegebenheiten an. - Bild: MPDV
HYDRA X sieht auf jedem Device gleich gut aus und passt sich dennoch den jeweiligen Gegebenheiten an. - Bild: MPDV

Worin liegt der Vorteil gegenüber anderen MES?

Strebel: HYDRA X kombiniert bewährte Funktionen mit neuen Technologien. Außerdem finden Sie die funktionale Breite von HYDRA X bei keinem anderen Anbieter. Eine branchenübergreifende Lösung ist in dieser Form einfach einmalig auf dem Markt – noch dazu auf Basis eines offenen semantischen Modells. Zusammen mit unserem Advanced Planning & Scheduling System (APS) FEDRA, den Anwendungen unserer Tochter FELTEN und all den mApps aus dem MIP-Ökosystem decken wir quasi alles ab, was man sich in der Smart Factory nur so vorstellen kann – sowohl in der diskreten Fertigung als auch in der Prozessindustrie. Auch die breite Integration von Qualitätsanwendungen, dem HR-Management sowie die Unterstützung regulierter Prozesse zeichnen HYDRA X aus.

Beyond MES – wo überschreitet HYDRA X die Grenzen der VDI-Richtlinie 5600?

Strebel: Ein gutes Beispiel dafür ist die Digitale Produktionsbesprechung. Hier denkt MPDV mit HYDRA X die Prozesse einfach weiter und über die MES-Aufgaben gemäß VDI 5600 hinaus. Ein anderes Beispiel ist das Assembly Management – eine Sammlung von Anwendungen zur Unterstützung von Montageprozessen. Darin wird das digitale Abbild der Prozesse deutlich verfeinert. Das Ziel dabei ist es, das Prozesswissen aus den Köpfen der Menschen oder den SPS-Programmen ins semantische Modell zu bringen. Auch an anderen Stellen haben wir die bestehenden VDI-Aufgaben weitergedacht und daraus zielführende Regelkreise entwickelt, beispielsweise beim Thema Qualität. Hier übernehmen wir Merkmale aus der CAD-Zeichnung, generieren daraus Prüfpläne und stellen die Ergebnisse der durchgeführten Prüfungen der Entwicklungsabteilung zur Verfügung, um das Produkt kontinuierlich zu verbessern. Beyond MES heißt für uns, dass wir die Grenzen der VDI 5600 nicht nur überschreiten, sondern mehr oder weniger auflösen. HYDRA X denkt die Prozesse zu Ende und macht die die Digitalisierung durchgängig.

Der Funktionsumfang von HYDRA X. - Bild: MPDV
Der Funktionsumfang von HYDRA X geht weit über ein klassisches MES hinaus – daher Beyond MES. - Bild: MPDV

Wie ist das mit dem Ökosystem und der Interoperabilität? Schafft sich MPDV damit nicht einen eigenen Wettbewerb?

Strebel: Das ist zum einen natürlich richtig. Andererseits kann man die fachliche Breite der Smart Factory allein gar nicht mehr abdecken. Viele erwarten, dass ein Generalist im Einzelfall mindestens so gut ist wie ein Spezialist – auch das ist nahezu unmöglich. Aber es braucht nicht jeder die volle Tiefe. Daher sehen wir das Ökosystem eher als bereichernde Ergänzung zu unserem Portfolio. Bereits im Zukunftsprojekt Industrie 4.0 heißt es: Ehemalige Wettbewerber werden zu Partnern – und genau das leben wir mit dem Ökosystem der MIP. Kurzum: Vielseitige Anforderungen können durch Spezialisten im Ökosystem in Kombination mit standardisierten Anwendungen abgebildet werden. Ich denke, für die Smart Factory brauchen wir solche Kollaborationen.

Wie geht HYDRA X mit spezifischen Anforderungen der Smart Factory um?

Strebel: Unsere Devise heißt Modellieren statt Programmieren. Unsere Produkte können schon sehr lange angepasst und individualisiert werden, aber jetzt wird es deutlich einfacher. Denn Individualität ist oftmals wettbewerbsentscheidend. Nur wenn ein Hersteller etwas anders macht als sein Wettbewerber, kann er auch besser sein. Aber Flexibilität lässt sich nicht immer komplett vordenken. Stellen Sie sich all die Kombinationen vor, die man durchdenken und in Wechselwirkung prüfen müsste. Daher setzen wir mehr und mehr auf Modellierung – da gibt es weniger beziehungsweise im Idealfall gar keine Seiteneffekte. LowCode ersetzt Customizing. Das reduziert sowohl den Aufwand als auch die Komplexität enorm. Lassen Sie mich als Beispiel nochmal das Assembly Management heranziehen: Jeder Prozess ist anders, jedes Teil ist anders – das lässt sich nur modellieren. Wenn man jede Variante programmieren müsste, dann würde das viel zu lange dauern. Mit LowCode und Modellierung heben wir die Flexibilität in den Prozessen auf ein deutlich höheres Level und machen die Variantenvielfalt dadurch beherrschbar.

Thorsten Strebel. - Bild: MPDV
Thorsten Strebel. - Bild: MPDV

Fertigungs-IT in der Cloud – wie funktioniert das?

Strebel: Aktuell werden IT-Anwendungen für die Fertigung wie MES noch selten in der Cloud betrieben. Das hat sicher diverse Gründe wie die Frage der Datenhoheit, der Sicherheit aber auch der Tatsache, dass häufig Anwendungen sehr prozessnah, mit extrem hoher Verfügbarkeit und kurzen Reaktionszeiten zum Einsatz kommen.

Durch die Verbesserung der Infrastruktur sowie der Technologie und einem Umdenken bei den Unternehmen in den nächsten Jahren erwarten wir einen deutlichen Trend zur Cloud beziehungsweise Software as a Service – auch in der Fertigungs-IT. Diesem Trend folgend haben wir bereits in der frühen Designphase von HYDRA X großen Wert auf Security, Skalierbarkeit und Variabilität in der Installationsinfrastruktur gelegt. So ist HYDRA X noch besser für den Einsatz in der Cloud aufgestellt.

Doch auch in Zukunft wird in der Fertigung die Verfügbarkeit wie auch die Echtzeitfähigkeit notwendig sein. Die Anforderungen werden durch die zunehmende Digitalisierung sogar steigen. Das passt nicht wirklich zu einem zentralen IT-Ansatz in der Cloud, da es zu viele Variablen bei den Zugriffszeiten und bei der Bandbreite gibt. Die Architektur von HYDRA X löst das durch die Verlagerung kritischer Funktionen in lokale Komponenten, die dezentral betrieben werden können – also in der Edge. Diese Dezentralisierung ermöglicht es, auch im Falle einer Netzwerkstörung quasi offline weiter zu produzieren. Insbesondere dort, wo das Internet nicht gerade stabil ist, kann so trotzdem die Fertigungs-IT in der Cloud betrieben werden. Kurz gesagt: Wer in der Fertigung Cloud sagt, muss auch Edge sagen!

Wagen wir einen Blick in die Zukunft – was kommt als nächstes?

Strebel: Hm, ich denke, das, was wir mit HYDRA X angefangen haben, wird sich noch eine Weile weiterentwickeln. Ich spreche hier insbesondere von der Appifizierung und der Plattformökonomie. Zusammen wird uns das bereits in naher Zukunft deutlich mehr Anwendungsvielfalt bringen. Fokusthemen werden dabei sowohl das Material Management sein als auch eine durchgehende Planung von der Supply Chain bis in die Prozesse. Natürlich wird auch die Künstliche Intelligenz immer wichtiger. Irgendwann werden wir von einer mitlaufenden KI sprechen, die alles überwacht und Unregelmäßigkeiten sofort erkennt. Dann kann jeder für sich selbst entscheiden, ob er nur über die Anomalie informiert werden möchte, ob die KI Maßnahmen vorschlagen soll oder ob sich alles gleich selbst regelt [Strebel schmunzelt].

Zudem erwarte ich eine sukzessive weitere Verfeinerung des digitalen Abbilds in der Fertigung – sowohl in den Prozessen als auch in den einzelnen Ressourcen. Die Plattformökonomie wird dafür sorgen, dass wir eine Interoperabilität bis in die Maschine bekommen. Alles wächst noch mehr zusammen. Im Ergebnis werden wir alle davon profitieren. Es wird mehr sein als ein bloßes Aneinanderreihen von Anwendungen. Netzwerkeffekte sorgen dafür, dass der Mehrwert ungleich stärker wächst – ganz im Sinne von 1 plus 1 ergibt mindestens 3. Wenn nicht sogar mehr.

Vielen Dank für das Gespräch.

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