Prof. Dr. Jürgen Kletti: Pionier in Sachen MES. Bild: MPDV

Prof. Dr. Jürgen Kletti: Pionier in Sachen MES. Bild: MPDV

Das Thema Manufacturing Execution Systems (MES) gewinnt an Fahrt. Technologien, die früher als Jobkiller galten, genießen nun den Status des Effizienzbringers, wie Prof. Dr. Jürgen Kletti im Gespräch mit Produktion erklärt.
Herr Prof. Dr. Kletti, was das Thema MES betrifft, gelten Sie als einer der Pioniere in Deutschland. Wenn Sie den aktuellen Status Quo der Akzeptanz solcher Systeme mit dem vor 10 – 15 Jahren vergleichen, was hat sich geändert?
Vor 10 – 15 Jahren gab es den geschlossenen MES-Begriff noch nicht. Man hat mehr in vertikalen Strängen in den Bereichen BDE, MDE, Qualitätssicherung und Personalzeiterfassung gedacht. Feinplanungsleitstände wurden nur in wenigen Fällen angeboten. Durch ihre inselartige Ausprägung waren diese Techniken eigentlich zum Scheitern verurteilt. Datenaustausch und Synchronisation zwischen diesen vertikalen Strängen war eher unüblich. Durch die Idee des MES hat sich die Situation grundlegend geändert. Man betrachtet heute MES eher gesamtheitlich als Unterstützung des Fertigungsmanagements. Eine logische Folge ist hier, dass die einzelnen Elemente, wie sie in der VDI-Richtlinie VDI 5600 beschrieben sind, horizontal integriert sind. Nur damit kann dem Fertigungsmanagement eine Gesamtsicht über verschiedenste Ressourcen und Aufträge gegeben werden. Aber noch ein anderer Aspekt ist interessant: Vor 10 – 15 Jahren galten Systeme zur Datenerfassung und Effizienzkontrolle als Jobkiller. Inzwischen hat man gelernt, dass eine Effizienzsteigerung mit Hilfe von MES-Systemen unabdingbar notwendig ist, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können.

Wie wird sich der MES-Markt in Deutschland weiterentwickeln und wo wird Ihr Unternehmen,die MPDV, in ein paar Jahren stehen?

MES-Anwendungen sind in Deutschland populär geworden. Sie sind aus der Ecke der technischen Nischensoftware herausgekommen und gelten als wichtiges Instrument, um Aufwände zu erfassen, eine Fertigungsfeinsteuerung durchzuführen und Fertigungsprozesse effizienter zu gestalten. Dieser Markt wird sich in vielen Details weiterentwickeln. Vor allem werden mehr Anbieter horizontal integrierte Systeme anbieten. In der heutigen Situation gibt es nach meiner Kenntnis nur MPDV, welche die horizontale Integration von MES-Anwendungen lückenlos durchgezogen hat. Desweiteren wird die Echtzeitfähigkeit solcher Systeme weiter zunehmen. In den MES-Anwendungen wird man immer weitere Fertigungsobjekte betrachten können und in Feinplanungsszenarien einbeziehen können. MPDV wird sich an diesem Trend orientieren und wird darüber hinaus seine Forschung und Entwicklung nicht nur im IT-Umfeld sondern auch im Bereich der Methodenkompetenz weiter ausbauen. Das jüngste Buch aus dem Hause MPDV mit dem Titel ‘Die perfekte Produktion’ zeigt ja auch, wo die Reise hingeht. Die darin beschriebenen Short-Interval-Technologies (SIT) beschreiben den Weg von der einseitigen Fertigungsplanung hin zur Fertigungsregelung. Darunter wird eine Fertigung verstanden, die in der Lage ist, schnell, gezielt und fundiert auf alle in der Fertigung vorkommenden Störfaktoren, sei es im Personal-, Qualität- oder Fertigungsbereich, reagieren zu können.

Ebenso wie Ihre typische industrielle Anwenderschaft globalisiert, müssten Sie als Softwareanbieter es ja auch tun. Was tun Sie in dieser Hinsicht?

Wir haben bereits vor einigen Jahren begonnen, im europäischen industriellen Kernland unsere Vorort-Präsenz nah bei unseren Kunden zu erhöhen. Wir haben heute mit insgesamt 10 Standorten die wesentlichen europäischen Märkte abgedeckt. Sowohl in USA wie auch in Südostasien sind wir mit MPDV-USA Inc. und MPDV ASIA Pte Ltd erfolgreich gestartet. Wir konnten in diesen Märkten eine Reihe von interessanten Projekten akquirieren und haben damit unsere Auslandstöchter zu einer stabilen Komponente im MPDV-Firmenverbund gemacht. Aber auch in unserer Software tragen wir diesem Trend Rechnung. Mit einer Reihe von Roll out-Funktionen können HYDRA-Systeme unkompliziert auf weitere Standorte eines Unternehmens kopiert werden. Mit einer Reihe von Verwaltungsfunktionen können Anwender, die zum Teil 20 oder 30 Systeme im Einsatz haben, diese effektiv zentral verwalten und pflegen.

In welche Richtung entwickeln Sie Ihre Software HYDRA weiter? Mit welchen Funktionalitäten können Anwender in den nächsten Jahren rechnen?

Auf der Hannover Messe 2011 werden wir unsere neue Version HYDRA 8 vorstellen. HYDRA 8 hat eine komplett neue Oberfläche. Ich meine damit nicht „überarbeitet“ sondern „neu“, basierend auf einer neuen zukunftsweisenden Technologie. Die Oberfläche ist dabei nicht nur funktionsorientiert, wie bereits bekannt, sondern auch rollenorientiert. Das Erscheinungsbild der Anwendungen lässt sich in großem Maße frei gestalten. Mehrere Fenster, die sich automatisch synchronisieren, lassen sich leicht auf dem Desktop platzieren. Der Anwender hat damit immer genau die Auswahl von Daten und Ergebnissen, die er für seine Aufgabenstellung benötigt. Die Modularität der Software wurde drastisch vorangetrieben. Natürlich haben sich im Rahmen dieser Modularisierung und der Neuausrichtung des Produktes eine ganze Fülle weiterer Detailfunktionalitäten ergeben. MPDV wird diesen Weg der Modularisierung und des einfach anpassbaren Standards energisch weiter beschreiten. Auf der funktionalen Ebene werden alle Anwendungen vorangetrieben, die es erlauben, ein Unternehmen transparenter und reaktionsfähiger zu machen. Mit Hilfe der bereits genannten Short-Interval-Technologies werden wir dem MES-Markt auch die entsprechenden neuen Impulse geben.

Wie hoch ist eigentlich der Beratungsbedarf bei MES-Projekten? Eine gute solide Software ist ja noch lange nicht der Garant für eine bessere Produktion. Und wie bauen Sie in diesem Umfeld Expertise auf?

In der Tat ist die Aufgabe, eine Fertigung zu optimieren ein sehr komplexes Geschäft. Vielfältige Einflussgrößen und Abhängigkeiten verlangen zunächst einmal Transparenz im Fertigungsgeschehen. Hat ein Anwender diesen Prozess noch nicht selbständig durchlaufen, so bieten wir mit Hilfe des MPDV Campus eine Beratungsleistung an, mit deren Hilfe festgestellt wird, welche Verbesserungspotenziale in einem Unternehmen überhaupt vorhanden sind. Zielgerichtet können daraus die MES-Module evaluiert werden, die für diesen Anwendungsfall wesentlich sind. Aber auch nach der Einführung des Systems ist es notwendig, die erfassten Daten und die daraus berechneten Kennzahlen zu interpretieren. Auch hier bietet Campus Beratungsleistungen an, um diesen Prozess effizient zu gestalten. Während der Einführungsphase ist es wichtig, dass wir als Anbieter ein Consulting bereithalten, das dem Anwender zeigt, wie er ein MES-System zu bedienen hat und mit welchen Modulen er welche Ergebnisse erreichen kann. Die Schulung der Anwender ist dabei ein ganz wichtiges Element. Hier hat MPDV ein umfangreiches Angebot zu bieten, beginnend mit Beratern, die für alle MES-Disziplinen entsprechendes Wissen bereithalten und ein mehrstufiges Schulungskonzept, das die direkte Schulung mittelständischer Anwender und das Training von Anwendergruppen internationaler Konzerne gleichermaßen erlaubt.