Dr. Reinhard Ploss, Mitglied des Vorstands, Operations, Forschung und Entwicklung und

Dr. Reinhard Ploss, Mitglied des Vorstands, Operations, Forschung und Entwicklung und Arbeitsdirektor, Infineon Technologies AG.

DRESDEN (sp). Die Infineon Technologies Dresden GmbH hat vergangene Woche die Immobilien und Fabrikationsanlagen vom Insolvenzverwalter über das Vermögen der Qimonda Dresden GmbH & Co. OHG, Dr. Michael Jaffé, für insgesamt 100,6 Mio Euro erworben. Die Immobilien grenzen unmittelbar an das Unternehmensgelände von Infineon in Dresden. Der Erwerb der Immobilien umfasst Reinraumtechnik und Fertigungsanlagen sowie Betriebsmittel der 300-mm-Fertigung der früheren Qimonda Dresden GmbH & Co. OHG und ist Teil der strategisch ausgerichteten Kapazitätserweiterung des Unternehmens. Im Gespräch mit Produktion erläutert Dr. Reinhard Ploss, Vorstand Operations, Forschung, Entwicklung und Arbeitsdirektor der Infineon Technologies AG, die Hintergründe und Details dieser Investition.

 
 

 

Noch im vergangenen Herbst wurde im Rahmen der SEMICON davon gesprochen, dass sich die Branche in Europa noch immer im ‚Überlebensmodus’ befände. Hat sich die Situation geändert?

 

Ja. Seit vergangenem Herbst hat sich die Halbleiterbranche weiter stabilisiert. Das Branchenwachstum hatte in 2010 bei etwa 32 Prozent gelegen. Für 2011 liegen die Erwartungen der Branche bei rund 9 Prozent.

 Ist diese Investition ein Indiz dafür, dass es mit der Halbleiterindustrie allgemein in Europa, speziell in Deutschland wieder aufwärts geht?

Dank Infineons Fokussierung auf die gesellschaftlichen Megatrends Energieeffizienz, Mobilität und Sicherheit sind wir mit Automobil-, Industrie- und Sicherheitschips über Marktniveau gewachsen. Wir wollen unsere führenden Positionen in diesen Märkten nachhaltig festigen und weiter ausbauen. Infineon erwartet für das im September schließende Geschäftsjahr 2011 ein Umsatzwachstum von 20 Prozent. 

 Was waren die Hauptgründe für dieses Engagement von Infineon?

Infineon prüft derzeit, inwieweit bei Leistungshalbleitern der Einsatz von 300-mm-Wafern und Dünnwafertechnologien möglich ist. Dazu richten wir an unserem österreichischen Standort Villach eine Pilotlinie ein. Die jetzt erworbenen 300-mm-Fertigungsanlagen sind eine wichtige Grundlage für den möglichen Aufbau einer Volumenfertigung und einige der Maschinen werden in Villach zur Komplettierung der Pilotlinie eingesetzt.

 Ist der Kauf der Qimonda-Immobilie am Halbleiterstandort Dresden Teil der Produktionsstrategie von Infineon?

Ja. Bei den Produkten, bei denen Technologie und Fertigungs-Know-how wesentlich zu ihrer Differenzierung gegenüber dem Wettbewerb beitragen, behalten wir die Produktion in eigener Hand. Das gilt im Besonderen bei Leistungshalbleitern. Für deren Fertigung setzen wir schon heute spezielle Dünnwafertechnologien ein und haben hier für Wafer mit Durchmessern von 150 mm und 200 mm eine technische Führungsrolle inne. Leistungshalbleiter werden zum Beispiel in Elektrofahrzeugen, Wind- und Solaranlagen, Motoren und Generatoren aller Art, PCs und Servern, Haushaltsgeräten, Flachbildfernsehern und Spielekonsolen eingesetzt. Sie tragen dazu bei, dass hier weniger Energie verbraucht wird.

 Hat die Situation in Japan mit den Lieferengpässen und der Lieferantenabhängigkeit auch deutscher Unternehmen diese Entscheidung beeinflusst und forciert?

Nein.

Gab es Signale aus der heimischen (Automobil)-Industrie, die Sie in diesem Schritt bestärkt haben?

Infineon ist der weltweit zweitgrößte Chipanbieter fürs Auto und der Halbleiteranteil im Auto steigt. Als Innovationsführer setzen wir auf die Zukunfts- und Wachstumstreiber im Auto und damit auf bessere Energieeffizienz, höhere Sicherheit und das entstehende Segment der Kleinst- und Kompakt-Autos in den Schwellenländern. In Fahrzeugen mit herkömmlichem Antrieb sind heute Halbleiter im Wert von rund 300 US-Dollar eingebaut, in Hybrid- und Elektrofahrzeugen werden es bis zu 900 US-Dollar sein. Und auch hier wollen wir der führende Chiphersteller sein.

 Was soll mit dem neuen Werk und seinem Inventar genau passieren? Wie viel Produktionskapazität bleibt in Dresden, wie viel geht nach Villach?

Über die Aufnahme einer 300-mm-Volumenfertigung für Leistungshalbleiter und den möglichen Fertigungsstandort wird Infineon im Laufe des Geschäftsjahres entscheiden. In diesem Jahr investiert Infineon insgesamt über 170 Millionen Euro in den Standort Dresden.

Reinraumfertigung in Dresden. Bild: Infineon

Welche Rolle spielt die Landesregierung des Freistaates Sachsen beim Erwerb der Anlagen? Gab es Bemühungen von Regierungsseite? In welcher Höhe könnten Sie mit Fördergeldern rechnen?

Die Staatsregierung hat die Investitionsentscheidung von Infineon intensiv begleitet, den Kauf jedoch nicht mit staatlichen Fördermaßnahmen unterstützt.

 Was plant Infineon im Bereich Expansion dieses Jahr noch?

 Aufgrund dieser Transaktion und des weiteren Kapazitätsausbaus infolge des anhaltend starken Auftragseingangs und guter Auftragsbestände erhöht Infineon für das Geschäftsjahr 2011das Investitionsbudget von rund 700 Millionen Euro auf 850 Millionen Euro. Es umfasst Investitionen in Sachanlagen und immaterielle Vermögenswerte einschließlich aktivierter Forschungs- und Entwicklungskosten. Das Investitionsbudget hatte im vergangenen Geschäftsjahr 325 Millionen Euro betragen.