Robotik, Intralogistik

Auch in der Intralogistik greift die Robotik immer mehr um sich. ‚Gegenspieler‘ der Robotik und Automatisierung sind hingegen vermehrt aufkommende individuelle Kundenwünsche. - Bild: Patrick P. Pale - Fotolia

Die Intralogistik ist längst von Industrie 4.0 und den dazugehörigen Veränderungen erfasst. Andreas Krinninger, CEO bei Linde Material Handling, beschreibt dazu seine Eindrücke: „Ein Trend ist die Individualisierung des Produktangebots bei unseren Kunden. Das führt zu ganz neuen Herausforderungen beim Warenumschlag.“ Dazu sei eine hohe Geschwindigkeit erforderlich und der Warenumschlag müsse dynamisch sein. Das setze wiederum voraus, dass nicht nur einzelne Elemente im Warenumschlag verbessert werden, sondern die gesamte Prozesskette. „Dafür sind umfassende Konzepte in der Supply Chain und in der Intralogistik notwendig.

Effizienz des Warenumschlags

Die Effizienz des Warenumschlags ist immens wichtig, da dadurch ja ein großer Teil der Kosten anfallen“, so Krinninger. So fielen in der Textilindustrie allein 20 % der Kosten durch die Logistikkosten an. Also müsse die Wirtschaftlichkeit durch den Einsatz moderner Technologien gesteigert werden. „Da geht es um Voll- oder Teilautomatisierung von Prozessen – so durch AGVs – oder andere Antriebstechniken wie Lithium-Ionen-Batterien, die im Wirkungsgrad 30 Prozent über der Blei-Säure-Batterie liegen. Vor allem im Mehrschichtbetrieb sorgen sie sofort für wirtschaftlichen Nutzen“, weiß Krinninger zu berichten.

Zero accidents durch 'digitales' Fahren

Darüber hinaus werde die Sicherheit für den Warenumschlag extrem wichtig. Denn jede Störung des Prozesses führe zu Verzögerungen. Zum Beispiel durch Unfälle, die zur Beschädigung der Ware, der Infrastruktur oder auch zu Personenschäden führten. Dazu betont Krinninger: „Zero accidents ist dabei unser Ziel. Das kann man erreichen, indem man das richtige Fördermittel auswählt oder aber durch Assistenzsysteme. Zuverlässig muss der Warenumschlag ebenfalls sein, dafür gibt es intelligente Warenmanagement- und Lagerverwaltungssysteme. Denn aus der klassischen ‚make-to-stock-Produktion‘ wird künftig eine ‚make-to-order-Produktion‘.“

"Aus der klassischen ‚make-to-stock-Produktion‘ wird künftig eine ‚make-to-order-Produktion‘", sagt Andreas Krinninger, CEO bei Linde Material Handling.

Autonome Technik in der Lagerlogistik

Markus Schwermund, Vice President Intralogistic Solutions bei Linde MH, beschreibt, dass Linde MH die Themen Digitalisierung, das autonome Fahren und die Robotik als Megatrends herausgehoben habe, „auf die wir uns konzentrieren. Sprechen wir über die Veränderung der Wertschöpfungskette, dann sprechen wir über Industrie 4.0.“ Dabei beflügele Industrie 4.0 die Intralogistik; Flexi­bilität, Modularität, aber auch die Vernetzung seien Haupt­elemente von Industrie 4.0. „Auch wir haben bei Linde Material Handling den Weg in eine immer mehr digitalisierte, automatisierte und vernetzte Logistik eingeschlagen“, sagt Schwermund.

Die Intralogistik habe sich demnach im Zuge der zunehmenden Digitalisierung zum Technologietreiber entwickelt. Dazu Schwermund weiter: „Unser Vorteil ist es, dass wir als Linde eine erhebliche Prozesskompetenz haben. Und darin steckt die Marge. Denn wir helfen unseren Kunden, ihre immer komplexer werdende Prozesskette zu optimieren. Dabei müssen wir die richtigen Trends bei Automatisierung, Vernetzung, Individualisierung und Energiesysteme erkennen, denn das Ziel ist, eine sicherere, effizientere und flexiblere Warenversorgung zu erreichen – bei bestmöglicher Flächenversorgung.“

Digitale Technologien für innerbetrieblichen Materialfluss

Auf innovative Technologien angesprochen, meint Schwermund, dass „die Anwendung von KI erhebliches Potenzial für die Optimierung von Logistikprozessen birgt. Auch der Zugriff auf Daten durch mobile devices hat hohe Relevanz und wird sich künftig entsprechend ausweiten.“ Zudem werde die Sensorik die wesentliche Datenquelle für die Überwachung und die Vernetzung.
Zukünftig erwartet Schwermund unternehmensübergreifende Maschine-zu-Maschine-Kommunikation und Augmented-Reality-Konzepte, die in die entsprechenden Prozesse integriert wür­den. „Ein große Herausforderung bei der Einführung dieser Technologien liegt in der Inkompatibilität der Bestandssysteme“, betont er.

Bosch, Transportroboter
Der von Bosch selbstentwickelte ‚AutoBod‘ (automatisierter Bodenroller) fährt autonom durch das Bosch Werk in Nürnberg. - Bild: Bosch

Digitalisierung für jeden Hersteller vorteilhaft

Als wichtig erachtet Schwermund, dass die intralogistische Lösung mit dem Geschäftsmodell wachsen müsse. „Das heißt, eine nachhaltige Intralogistiklösung bietet Komponenten für den unterschiedlichsten Grad der Produktion immer die entsprechende Grundlage. Modulare skalierbare Lösungen müssen die digitale Gedankenvielfalt der Geschäftsmodelle beherrschen und durch ein vernetztes IT-System gesteuert werden“, blickt Schwermund nach vorn.

Jede Anlage kann automatisiert werden

Professor Christian Kille vom Institut für Angewandte Logistik der Hochschule Würzburg-Schwein­furt ergänzt, dass „mittlerweile einzelne Prozessabschnitte gut verknüpft werden können. So wurde die Automatisierungslösung von Dematic zusammengeführt mit den Linde FFZ-Lösungen. Das ist nicht immer einfach, aber innerhalb eines Unternehmens erreichbar.“ Herausfordernd werde es, sobald man über die Unternehmensgrenzen hinausgehe.

Beispiel aus der Praxis

Aber dazu nennt Kille ein funktionierendes Beispiel: „BASF hat eine Plattform aufgebaut, auf der die einzelnen Lieferanten entlang der Supply Chain ihre Informationen hochladen, sodass sich dann ein ‚Wähler‘ diese Informationen herunterladen kann. Er weiß dann, wann ein LKW ankommt, was darauf geladen ist und zu welcher Zeit die Tore vorgeplant werden können.“ Demnach biete die Digitalisierung die Werkzeuge für effiziente Prozesse. „Dabei liegen natürlich Unmengen an Daten vor. Wichtig dabei ist, aus diesem Datenmüll auch Datenwertstoffe zu machen. Dabei rückt die Hardware immer mehr in den Hintergrund und die Software wird wichtiger“, beschreibt Kille.

Digitalisierung
Ohne Digitalisierung kein Industrie 4.0, keine Big Data, keine Vernetzung. Doch die Datenflut hat auch ihre Schattenseiten. Denn zunächst einmal entsteht durch diee Digitalisierung auch ‚Datenmüll‘. Diesen gelte es, in ‚Datenwertstoff‘ zu transferieren, denn erst dann gilt die Regel: Daten sind das neue Öl. - Bild: Fraunhofer IFF

Arbeitswelt verändert sich durch autonome Prozesse

Stefan Prokosch, Head of Product Management Counterbalance Trucks bei Linde MH, denkt, dass mit der Migration der Menschen in die Städte sich auch die Logistik verändert, die dahintersteckt. Es gebe aber auch eine Regionalisierung. „Wir müssen Infrastrukturen verändern, die auch die Logistik betreffen. Das heißt, dass wir auch zentrale Läger wieder dezentralisieren und näher zu den Kunden bringen müssen.“ Pakete würden kleiner, aber die Umschlagsleistung und Kommissionierung würde größer. Daraus folge laut Prokosch, dass „die integrierten Lösungen auf dem Vormarsch sind und wir einen Wandel von Flurförderzeugen hin zu komplett automatisierten Lagern haben.“

Das erkenne man auch daran, dass sich Kion mit Dematic zusammengetan habe und Toyota MH wiederum Vanderlande gekauft habe. Zukünftig müsse der Warenverkehr höherer Umschlagleistung, kleineren Paketen und schnelleren Lieferketten standhalten. „Und da müssen unsere FFZ viel besser mit den automatisierten Lagern zusammenarbeiten, als sie das in der Vergangenheit getan haben. Da brauchen wir eine bessere Vernetzung“, findet Prokosch. Überhaupt ist für ihn die Vernetzung ein großer Trend, gebe es doch vier große Gebiete, in denen die Vernetzung mit den Kunden immer wichtiger werde.

Digitale Produkte notwendig, um besser zu werden

So nennt Prokosch zuerst die Digitalisierung, denn „unsere Kunden sagen, dass sie das digitale Produkt brauchen, um auch selbst besser zu werden.“ Da gebe es den Punkt Flottenmanagement, dem Kunden aktiv zu helfen. Es sei auch nicht mehr die Aufgabe, dem Kunden nur noch tolle Fahrzeuge hinzustellen. „Auch die Verfügbarkeit zu erhöhen, ist wichtig, da sind wir in dem Bereich von ‚machine learning‘ und ‚Big Data‘. Da geht es darum, mit Analysen aus unseren Fahrzeugen durch das Thema Preventive Maintenance die Ausfälle zu vermeiden, also idealerweise den Stapler zu reparieren, bevor er kaputtgeht“, blickt Prokosch in die Zukunft.

Standardisierung für die Lagerlogistik

Weitere Automatisierung ist für ihn von höchter Bedeutung, da die Arbeitskräfte einen ganz erheblichen Kostenfaktor darstellten. „Die Automatisierung ist auch ein Hebel, um den dritten Trend, die Sicherheitstechnik, zu befeuern. Denn die Fahrzeuge werden mit so viel Sensorik ausgestattet, dass sie einen großen Beitrag zur Sicherheit leisten. Und es ist ein Beitrag zur Standardisierung“, erläutert Prokosch. Last but not least widmet er sich dem Thema Energie: „Mit dem Trend zu mehr Elektromobilität werden wir Herausforderungen zu meistern haben und auch unsere Kunden werden uns auffordern, sie bei dem Thema Energie aktiv zu unterstützen.“

„Die Automatisierung ist auch ein Hebel, die Sicherheitstechnik, zu befeuern. Denn die Fahrzeuge werden mit so viel Sensorik ausgestattet, dass sie einen großen Beitrag zur Sicherheit leisten", sagt Stefan Prokosch, Head of Product Management Counterbalance Trucks bei Linde MH.

Unternehmen brauchen intelligente Modularisierung

Wie die Erwartungen der Kunden befriedigt werden können, beschreibt Prokosch wie folgt: „Einerseits durch Standardisierung, denn so können wir schneller und effektiver werden. Auch Automatisierung funktioniert am Ende nur durch konsequente Standardisierung. Zudem brauchen wir intelligente Modularisierung.“ Da gehe es nicht darum, weniger zu machen, sondern mit weniger Teilen eine höhere Varianz zu erzeugen. Der modulare Aufbau gehe nicht nur in die Hardware, sondern auch in das elektronische Bordnetz. „Denn das elektronische Bordnetz ist am Ende die Basis dafür, dass wir den Stapler ein bisschen besser machen können“, erlärt Prokosch.
Zudem werde Software und ‚Firmware over the air‘ in der Zukunft ein Stück weit Standard sein. „Wir werden auch bei den ‚normalen‘ Staplern durch die Digitalisierung eine schnellere Entwicklung als bisher haben“, ist sich Prokosch sicher.