Harting bester Großserienfertiger bei Fabrik des Jahres 1

Zur Online-Anmeldung zum Kongress am 23./24. März in Esslingen

Tel. 08191-125-872

von Sabine Spinnarke

ESPELKAMP. Gleich im zweiten Anlauf ist es gelungen: Harting Electronics hat den Kategorie-Sieg ‘Hervorragende Großserienfertigung’ errungen – und kann sich nun „mit den ganz Großen messen“, freut sich Geschäftsführer Torsten Ratzmann.

Fabrik des Jahres 2008
Die Teilnahme war nicht spontan, sondern das Ergebnis reiflicher Überlegung. Bereits 2008 hat sich der Steckverbinder-Spezialist dem Benchmark „Fabrik des Jahres gestellt – mit einem sehr großen Lerneffekt, wie Ratzmann betont. Die Fertigung bei Harting hat an vielen Stellen Maßnahmen zur Verbesserung ergriffen und mit der Einführung verschiedener Methoden wie Kanban, 5S, SMED letztlich zu viel des Guten getan. „Das war ein Fehler. Wir haben unsere Mitarbeitenden damit überfordert,“ resümiert Dipl.-Ing. Torsten Ratzmann rückblickend.

Optimierungspotenziale

Die Teilnahme am Wettbewerb ‘Fabrik des Jahres’ hat sich aber schon 2008 unzweifelhaft gelohnt, da dem Harting-Management von externer Seite eine Reihe von Optimierungspotenzialen detailliert aufgezeigt wurden, die es nun auszuschöpfen galt – diesmal allerdings auf eine Art und Weise, die jeder Mitarbeiter mittragen konnte – denn „nicht die Einführung der Methode führt zu einer schlanken Produktion, sondern entsprechende Denk- und Verhaltenweisen können dazu führen, dass beispielsweise Kanban eine Lösung ist“, so die Erkenntnis von Geschäftsführer Ratzmann, der es als eine der anspruchsvollsten Führungsaufgaben sieht, den Prozess der Mitarbeitereinbindung zu steuern: „Wir wollen nicht hierarchisch unsere Vorstellungen vorgeben, sondern Akzeptanz erreichen und die vielen Ideen der Mitarbeitenden ganz bewusst miteinbeziehen.“ Ohne das Wissen und die Erfahrung, die jeder Einzelne tagtäglich an seiner Maschine und innerhalb seiner Arbeitsprozesse macht, kann ein komplexes System wie die Produktion nicht wirksam verbessert werden. In einem ersten Schritt galt es also, die Mitarbeiter zu gewinnen.

Produktion attraktiv machen

Dem Vorurteil, dass Produktion „nur“ eine Ansammlung von Maschinen ist, die Teile fertigen, versucht Ratzmann entgegenwirken: „Unser Ansatz ist es, Produktion attraktiv zu machen“, es stecke schließlich sehr viel Wissen und Ingenieurleistung hinter dem Gesamtsystem Produktion, und hier voranzukommen erfordere viel übergreifendes Handeln und stimmige strategische Ansätze.

Produktionssystem HARlis

Zwei Jahre sind inzwischen vergangen, und es hat sich viel getan auf den 11 630 qm Produktionsfläche der Harting Electronics in Espelkamp: Die Mitarbeiter konnten Schritt für Schritt begeistert werden, und es haben sich wirksame Methoden herauskristallisiert – das interne Produktionssystem HARlis (Harting Learning and Improvement System) ist entstanden, niedergeschrieben und nach drei Jahren der Lern- und Entwicklungsphase wird es nun auch gelebt. Damit dies so bleibt, finden regelmäßig Workshops statt, mit dem symbolischen ‚Leuchtturm werden besonders gelungene Verbesserungsmaßnahmen der Mitarbeiter auf Schautafeln dokumentiert und in der Werkshalle ausgestellt. Incentives motivieren die Mitarbeiter, am Ball zu bleiben und durch die Aktionen freigewordene Kollegen kümmern sich um die praktische Umsetzung jeder einzelnen Verbesserungsmaßnahme.

Marktumfeld Steckverbinder

Natürlich dienen all diese Maßnahmen in erster Linie dazu, das Betriebsergebnis zu verbessern. Der Markt, in dem sich die Harting  Electronics bewegt, ist nicht einfach. Was für die „große Schwester“ Harting Electric selbstverständlich ist, nämlich weltweit führend zu sein – in dem Fall mit Industriesteckverbindern – ist für den anderen Unternehmensteil mit seinen rund 360 Mitarbeitern in dem Marktsegment der Steckverbinder für Geräteanschlusstechnik wesentlich schwieriger. Hier heißt es, sich international durchzusetzen. „Harting Electronics muss sich mit vielen Wettbewerbern auseinandersetzen, das macht die Situation nicht einfach“, betont Ratzmann. Kundenverhalten und Marktentwicklung sind extrem schwer voraussehbar. Um dennoch in kürzester Zeit lieferfähig zu sein, müsste entweder der Lagerbestand extrem aufgestockt werden oder die Fertigung flexibel, die Durchlaufzeiten kurz und Mitarbeiterproduktivität hoch sein. Lagerbestände und -haltung sind teuer, und so entschloss sich die Unternehmensführung zu letzterem.

Reduktion Durchlaufzeiten, Rüstzeiten, Personalproduktivität

Der Leuchtturm ist eine Auszeichnung für besonders gelungene Verbesserungsmassnahmen.

Tatsächlich ist es der Harting-Mannschaft in eindrucksvoller Weise gelungen, eine hohe Zeit- und Material-Effizienz in der Produktion zu erreichen: Seit 2007 konnten die Durchlaufzeiten um 35 % reduziert werden, die Rüstzeiten sogar um 62 %. Die Personalproduktivität ist dabei im gleichen Zeitraum um 42 % gestiegen. In Folge dessen konnten Lagerbestände verringert und die Lieferzeiten dennoch kurz gehalten werden.

Rohstoffengpass

Damit dies so bleibt, kommen den weltweiten Rohstoff- engpässen derzeit ein hohes Maß an Aufmerksamkeit auf der Beschaffungsseite zu. Besonders betroffen sind Bandmaterialien wie Kupfer und Kupferlegierungen, aber auch bestimmte Kunststoffe sind mittlerweile schwierig zu bekommen. Ein Teil des Problems kann über Konsignationsware abgefangen werden, aber auch der Weitblick des Inhabers entspannt die Lage ein wenig, so Ratzmann: „Dietmar Harting beobachtet die Märkte genau, und der Einkauf sorgt dafür, das kritische Rohstoffe rechtzeitig auf Lager gelegt werden.“

Boom-Bewältigung

Ganz anders gelagert ist das Problem explodierender Auftragseingänge: Nach Ausklingen der Krise schnellten diese in die Höhe und erforderten einen hohen Arbeitseinsatz – so löst eine Herausforderung die andere ab, und um dem immer gewachsen zu sein, hilft es „klare Ziele zu haben und den brennenden Wunsch, sie zu erreichen“, wie es Ratzmann ganz im Sinne von Goethe abschließend formuliert.