PTC-CEO James Heppelmann

„Obwohl Volkswagen sich vor einigen Jahren für Siemens Teamcenter entschieden hat, denke ich, dass diese Entscheidung nur eine theoretische ist," sagte PTC-CEO James Heppelmann im Exklusiv-Interview mit Produktion (Bild: PTC).

Gunnar Knüpffer

Herr Heppelmann, Sie haben MKS gekauft, um einen neuen Standard für einheitliches PLM zu setzen. Wann ist dieser Standard verfügbar ?

Mit der Akquisition von MKS werden wir unser Portfolio um ein umfassendes Angebot für Systems Engineering und Embedded Software erweitern. Damit binden wir die Entwicklung von Software,  wie sie etwa in der Steuerungstechnik von Autos oder medizinischen Geräten verwendet wird,  von der frühen Phase an in den Produkt-Lebenszyklus ein. Die MKS-Produkte sind schon heute fertig, die PTC-Produkte ebenso. Grundsätzlich wird es die MKS-Lösungen weiterhin als alleinstehende Lösungen geben, etwa für Unternehmen, die mit einem anderen PLM-System arbeiten. Daneben haben wir aber auch bereits angefangen, die ersten Integrationen zwischen diesen Produkten zu entwickeln. Wir verkaufen die MKS-Lösungen schon und werden demnächst eine Roadmap zu den Ebenen und Tiefen der Integration vorlegen.

Wie lange wird das dauern?

In den ersten sechs Monaten werden wir eine Integration der aktuellen Produkte haben und im nächsten Jahr oder in den nächsten zwei Jahren werden wir die Integration vertiefen.

Nachdem PTC MKS gekauft hat, erwartet das Unternehmen eine breitere Kundenbasis. Wann rechnen Sie mit einem RoI?

Wir werden schon im nächsten Jahr ein Return on Investment haben, weil im nächsten Jahr  – unser Geschäftsjahr beginnt am 1. Oktober – unser Ergebnis durch MKS höher ausfallen wird. Wir haben bereits einige gemeinsame Kunden mit MKS, inklusiver deutscher Kunden wie zum Beispiel Continental. Diese Kunden werden die Produkte straffer integrieren und wir werden die MKS-Produkte bei weiteren Kunden einführen. Das wird zu einem interessanten Umsatzwachstum in den kommenden Jahren führen, wenn wir durch die Verkaufszyklen gehen.

Wie viele neue Kunden erwarten Sie dieses Jahr?

Durch den Kauf von MKS werden wir rund 3 000 neue Kunden bekommen.

Sie haben gerade neue Aufträge von Volkswagen gewonnen. Welche Art von Software liefern Sie an Volkswagen?

Volkswagen nutzt unsere PLM-Plattform Windchill sowie unsere CAx-Lösung Creo-, vormals Pro/ENGINEER, bereits seit Mitte der  90-er Jahre für die gesamte Aggregate-Entwicklung, sprich die Entwicklung von Motor und Antriebsstrang.  VW bildet dies im so genannten ECA ab, dem Windchill Engineering Center Aggregate. Damit unterstützen wir Volkswagen bei seiner „Strategie 2018“. Der aktuelle Deal war eine Erweiterung der Anwendung, die wir bereits dort installiert haben. Volkswagen ist ein großer Kunde, der sein Geschäftsvolumen mit uns ausgebaut hat. Neben Windchill und Creo kommen auch unsere Lösungen zur Produktanalytik, etwa für Compliance- und CO2- und Kostenanalysen, sowie Arbortext und Mathcad zum Einsatz.

Wie hoch ist der Umsatz mit Volkswagen?

Das können wir nicht preisgeben. Aber vielleicht können wir es anders ausdrücken: Volkswagen hat elf Marken und jeder Motor und jeder Antriebsstrang, der von Volkswagen geliefert wird, wird mit unserer PLM-Plattform Windchill und unserer CAx-Lösung Creo entwickelt. Volkswagen zählt zu den Top 10-Kunden von PTC.

Kann die Zusammenarbeit mit Volkswagen noch ausgebaut werden?

Ja,  ich denke unser ganzheitlicher Ansatz zum Systems-Engineering  inklusive  Embedded Software, wie wir ihn durch die Akquisition von  MKS anbieten können, ist sehr interessant für Volkswagen. Außerdem ist unser Ansatz für die On-Demand-Bereitstellung von Service-Informationen, die analog zum GPS-System für den Straßenverkehr den Servicetechniker mit Echtzeit-Informationen zum konkret zu reparierenden Gerät ausstattet, sicher auch sehr interessant für Volkswagen. Es gibt definitiv Möglichkeiten, unsere Zusammenarbeit mit VW auszubauen. Obwohl Volkswagen sich vor einigen Jahren für Siemens Teamcenter entschieden hat, denke ich, dass diese Entscheidung nur eine theoretische ist.  Wir haben nicht viele Beweise für die Implementierung dieser Software gesehen. Gleichzeitig ist unser eigenes PLM-System bei VW ausgebaut worden.

Heißt das, dass Volkswagen nicht mit dem PLM-System von Siemens arbeitet?

So weit würde ich in meiner Aussage nicht gehen. Ich weiß nur, dass sie sogar mehr Geschäft mit uns machen als vor der Entscheidung. Wie gesagt, wir sehen viel Raum für den Ausbau der Zusammenarbeit von VW und PTC.

Wie unterstützen Sie Toyota?

Toyota nutzt ähnlich wie Volkswagen seit circa Mitte der 90er Jahre unsere PLM-Plattform Windchill und unsere CAD-Werkzeuge Creo  für die Aggregate-Entwicklung. Daneben hat Toyota ein selbstentwickeltes unternehmensweites PLM-System,  das Toyota an einigen Stellen ersetzen will. Die Hyundai Kia Motor Company hat dies erst kürzlich vollzogen. Nach einem intensiven, zweijährigen Benchmark zwischen PTC, Siemens PLM, Dassault und SAP PLM hat HKMC PTC zu seinem strategischen und einzigen PLM-Partner erkoren und führt gerade unsere  Windchill-Plattform unternehmensweit ein. Damit werden die Dassault-Anwendung und das selbstentwickelte System ersetzt.

Laut einer IDC Marktuntersuchung zu unabhängigen PLM-Anbietern für die Fertigungsindustrie stehen die Produkte von Dassault Systèmes und Siemens PLM an der Spitze. Was will PTC tun, um in den Kategorien Einsatzmöglichkeiten und Strategie mit seinen Produkten besser zu werden?

Die Lösungsanbieter für Produkt-Lebenszyklus-Management ähneln sich in der Größe. Dassault ist ein bisschen größer, Siemens PLM kommt als nächstes, gleich gefolgt von PTC. Womit  wir uns vom Mitbewerb unterscheiden und Wettbewerbsvorteile erzielen, ist unsere Strategie. Zum einen ist PTC hochinnovativ. Wir haben eine bessere Technologie und wir engagieren uns sehr, unsere Produkte permanent weiterzuentwickeln. Unsere Investitionsquote in Forschung und Entwicklung von fast 20 Prozent spricht hier eine klare Sprache. PTC erfand Mitte der 80er Jahre das Konzept des 3D-parametrischen Computer Aided Design, wie wir es heute kennen. Ende der 90er Jahre erfand PTC das Konzept des Internet-basierten PLM.  Auch jetzt ist PTC mit dem Konzept der On-Demand Service Information wieder Innovationsführer.

Wie gestalten Sie die Zusammenarbeit mit Ihren Kunden?

Was uns zum anderen unterscheidet, ist unser lösungs- und  prozessorientierter Consulting-Ansatz. Wenn wir ein Produkt verkaufen, reden wir zunächst  mit den Führungskräften über ihre Unternehmensstrategie,  ihre Geschäftsprozesse und wie man diese Prozesse verbessern und damit Wertschöpfung aus der Prozessverbesserung erzielen kann. Dann sprechen wir über die Technologien, die diese Prozessverbesserung ermöglichen. Wir fügen unsere Produkte zu einem System zusammen und wenden dieses System dann auf die Geschäftsprozesse an. Das ist ein Consulting-Ansatz. Er ist viel stärker lösungs- und  prozessorientiert als er produkt- und funktionsorientiert ist.

Ihr Geschäft mit KMU ist im zweiten Quartal um 17 % gewachsen. Wie erklären Sie diesen Firmen, dass sie komplexe Software wie PLM erwerben sollen?

Kleine und mittlere Unternehmen sind in der Regel auf hochspezialisierte Fragestellungen fokussiert, die ihnen von Großunternehmen anvertraut werden. Sie profitieren von den PLM-Lösungen im gleichen Maße wie große Unternehmen, wobei sie jedoch nicht die gleiche Anwendungstiefe benötigen. Dem tragen wir in der modularen und einfachen Nutzbarkeit unserer Windchill-Plattform Rechnung. Deshalb wissen sie die Leistungsstärke unserer Lösung zu schätzen. Außerdem unterstützt unser Ansatz den Wachstumspfad der kleineren und mittleren Unternehmen, da unsere Lösung skalierbar ist und mit dem Unternehmen mitwachsen kann, ohne das ein  teurer  und aufwendiger Systemwechsel erforderlich wird.

Wie stark wird PTC wachsen?

Wir haben der Wall Street  ein organisches Wachstum von 12 % angekündigt. MKS wird nochmals zwei Prozentpunkte zum Wachstum beitragen, das heißt in Summe werden wir in diesem Jahr um 14 % wachsen. Im nächsten Jahr steigern wir unser Wachstum auf mehr als  15 %, wenn wir das Umsatzpotential von PTC und MKS zusammenbringen. Bis 2014 haben wir uns einen Gesamtumsatz von 1,6 Milliarden US-Dollar zum Ziel gesetzt. Wir sind sehr gut auf Kurs.

James E. Heppelmann

Bevor James E. Heppelmann auch CEO von PTC wurde, fungierte er bereits als President und Chief Operating Officer, wobei er das operative Geschäft verantwortete. Das umschloss die Bereiche Forschung & Entwicklung, Marketing, Verkauf, Dienstleistungen und Instandhaltung. Heppelmann ist seit 1985 in der IT-Industrie tätig. Der Ingenieur ist Co-Gründer von Windchill Technology und arbeitete für Metaphase Technology.

 

PTC

Die Parametric Technology Corporation (PTC), Needham, Massachusetts, bietet Software-Lösungen für das Product Lifecycle Management an. Hauptprodukte sind die MCAD-Plattform Creo und die PLM-Plattform Windchill für die weltweite Zusammenarbeit und das Management von Produktinformationen. PTC vertreibt seine Lösungen an die Automobilindustrie, den Anlagen- und Maschinenbau, die Luft- und Raumfahrtindustrie sowie Hightech-Unternehmen.