Qualitätsbeauftragte sind längst nicht mehr nur im Messraum zu finden.

Qualitätsbeauftragte sind längst nicht mehr nur im Messraum zu finden.

von Sabine Leikep

LANDSBERG (sm). Noch vor zehn Jahren dominierte zum Thema Qualität eine starke Prozessorientierung. Heute ist ein umfassender Qualitätsansatz im Hinblick auf Gesellschaft, Umwelt, Staat und Mitarbeiter zu beobachten, so die Einschätzung von Dietmar Mannagottera, Leiter Qualitätsmangement bei Bosch Erlangen. Qualität sei nicht als Funktion sondern als Disziplin zu betrachten, bei der es um die Denkhaltung aller Mitarbeiter im Unternehmen gehe. An Stelle von Funktionen stünden heute Visionen, Missionen und Wertvorstellungen im Mittelpunkt. Im Hinblick auf die Globalisierung sei zu beobachten, dass zum Beispiel chinesische Lieferanten die Norm-Vorgaben perfekt erfüllen. „Den Vorsprung europäischer Unternehmen werden wir nur halten können, wenn wir uns Qualität als Synonym für Innovation, Kreativität und nachhaltiges Wirtschaften auf die Fahnen schreiben“, so das Fazit von Mannagottera.

Neben dem Einsatz effizienter Werkzeuge zur Messtechnik in der klassischen Qualitätssicherung treten laut Rolf Henning, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Qualität (DGQ) Frankfurt, weitere Aspekte in den Vordergrund. Dies seien zum Beispiel die Begrenzung der Risiken in der Produkthaftung und nachhaltiges Lieferantenmanagement sowie Risikominimierung bei der Beschaffung in Niedriglohnländern. Ebenso erforderten steigende Rohstoffpreise Verbesserungen im Hinblick auf die Materialeffizienz. Das Qualitätsmanagement umfasse alle Bereiche und erfordere einen 360-Grad-Blick, was einen massiven Wandel im Berufsbild des Qualitätsmangers erfordere.

„Der aktuelle Trend besteht darin, den wirklichen Praxisnutzen des formell aufgebauten und dokumentierten QM-Systems zu erkennen und zu entwickeln. Hier kommen dann Lean-Themen wie TQM, KVP und 5S ins Spiel“ so Harald Höth, Geschäftsführer der Gepro mbH, Aachen. Erst auf diesem Weg erschließe sich der wirkliche Nutzen der Zertifizierung und würde zum Vorteil für Unternehmen. Sein Kollege, Dr. Thomas Klevers, stellt fest, dass Unternehmen anfangs parallel zu einem QM-System ein KVP-System aufgebaut hätten und dass dies natürlich Verschwendung und ineffizient sei. Produktionssystem und KVP-Prozess müssten mit dem QM-System verzahnt werden.

„Qualität entsteht in der Entwicklung. Das wurde lange Zeit vernachlässigt und man hat erst in der Anlaufphase begonnen, an der Qualität herumzudoktern“ so die Einschätzung von Marco Okhovat-Esfehani, Seniorberater bei der DGQ. Seit einigen Jahren werde an der Prognose der Gewährleistungskosten und an der Vermeidung teurer Rückrufaktionen gearbeitet. Die Herausforderung sieht er darin, Produkte schon bei Neuentwicklung zuverlässig zu machen. Dabei spiele der Mensch und dessen Geisteshaltung eine wichtige Rolle. Okhovat-Esfehani betont, dass der „Qualitäter“ im Unternehmen viele Hüte aufhabe wie Methoden, Umsetzung, Technik, Führung und Psychologie. Er fordert einen höheren Stellenwert des Qualitätsmanagers im Unternehmen.

Den Wandel im Berufsbild des Qualitätsmanagers untersucht im Rahmen seiner Dissertation Benedikt Sommerhoff, Berater bei der DGQ. Ganzheitliche Modelle gewinnen nach seiner Einschätzung mehr Bedeutung. „Die Fertigung setzt sich mehrheitlich mit Dienstleistungen auseinander, es werden Instandhaltungs- Engineering- und Serviceleistungen verkauft“ so Sommerhoff. Zu Fragen der Zuständigkeiten stünde eine Klärung im Raum. Qualitätsmanager seien nah dran, bei der Entwicklung von Organisations- und Managementsystemen mitzuwirken. Und sie müssten nicht zwangsweise Ingenieure sein. Er könne sich auch Soziologen oder Betriebswirte mit technischem Grundverständnis in dieser Rolle vorstellen. Sein Fazit: „Produktqualität entsteht nicht allein durch technische Anlagen“.