Der Europaabgeordnete Reinhard Bütikofer, Sprecher der europäischen Grünen.

Der Europaabgeordnete Reinhard Bütikofer, Sprecher der europäischen Grünen.

von Nikolaus Fecht

HANNOVER (SM). „Die armen Ökologen müssen sich damit zufrieden geben, drei oder vier Bäume zu retten, während die Dämonen mit einem einzigen Schlag in der Welt dreihunderttausend umreißen“, verspottet der italienische Intellektuelle Guido Ceronetti die grüne Bewegung. Für ihn sind also – mit Blick auf die ökologischen Bedrohungen der Welt – die Aktionen der grünen Aktivisten nur ein Windhauch im medialen Blätterwald.

Um mehr als um ein paar Bäume ging es dem Fraunhofer Institut Werkzeugmaschinen und Umformtechnik (IWU) und dem Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken (VDW). Das renommierte Institut aus Chemnitz und der Industrieverband aus Frankfurt am Main veranstalteten auf der EMO 2011 den Kongress „Nachhaltige Produktion“. Auf die neue Denkweise „armer Ökologen“ stimmte Europaabgeordneter Reinhard Bütikofer die Zuhörer ein. Der Sprecher der europäischen Grünen ist sich sicher, dass es „Wettbewerbsfähigkeit von morgen nur noch auf Basis von Nachhaltigkeit gibt“. Auf dieser Basis seien die Aussichten jedoch rosig.

Die grüne Botschaft aus Brüssel hörte IWU-Leiter Prof. Reimund Neugebauer wohl, doch es fehlte ihm etwas der Glauben. Er hakte nach, wie es denn um Motivation und Belohnungen für vorbildliche Betriebe aussehe. Diplomatische Antwort: „Nicht jede Innovationspeitsche ist böse gemeint. Ich setze ausdrücklich auf eine ordnungspolitisch orientierte Politik mit Spielraum für Phantasie und Wettbewerb.“

Den Spielraum nutzt die Industrie schon lange aus – im Rahmen der manchmal bremsenden Brüssler Eurokratie: So warnte VDW-Vorsitzender Manfred Kapp vor der verengten Sichtweise der Energy-using-Products-Richtlinie (EUP) der EU, in deren Fokus nun auch Werkzeugmaschinen (WZM) geraten. „Eine Bohrmaschine kann man nicht mit einer WZM vergleichen“, meinte der Geschäftsführer der Kapp GmbH aus Coburg. Der VDW setze dagegen auf Selbstregulierung, da sie mehr bringe als „Strangulierung“. Der Verband hat daher auch den Vorsitz und das Sekretariat im entsprechenden ISO-Gremium (ISO/TC39/WG12) übernommen und die Nachhaltigkeitskampagne Blue Competence gestartet, die mittlerweile vom VDMA für den Gesamtmaschinenbau geführt wird. Diese Botschaft von der Nachhaltigkeit kommt bei den WZM-Anwendern gut an. „Energieeffizienz wird heute immer mehr zum explizit nachgefragten Produktmerkmal“, sagte Kapp.

Zu den anspruchsvollen Kunden zählt beispielsweise VW: Der Automobilhersteller schreibt bei neuen Produktionsanlagen im Rahmen von „Think Blue. Factory.“ beispielsweise energieeffiziente und standardisierte Antriebstechnik im Lastenheft vor. „Think blue ist mehr als eine Werbebotschaft“, betonte Hubert Waltl, Mitglied des Markenvorstands Volkswagen Pkw, in Hannover. Der Automobilhersteller beweist diese Aussage mit zahlreichen Aktivitäten. So koordiniert VW zusammen mit dem Fraunhofer IWU über 60 Firmen und Institute in der Innovationsallianz „Green Carbody Technology“. In vier Bereichen (Presswerk, Werkzeug- und Karosseriebau, Lackiererei) soll der Energieverbrauch von lackierten Karosserien bis Ende 2012 halbiert werden. Das ist eine von vielen Maßnahmen, mit denen VW bis 2020 seine Treibhausgasemissionen um 40 Prozent senken will.

Übrigens: VW hat am Standort Puebla in Mexiko 21.000 Wassergruben angelegt und 300.000 Bäume aufgeforstet. Das ist doch nicht dämonisch, Senore Ceronetti?