Wolken ziehen auf am „Solar-Himmel“: Der knapp 90 %ige Exportanteil deutscher Solarzulieferer

Wolken ziehen auf am „Solar-Himmel“: Der knapp 90 %ige Exportanteil deutscher Solarzulieferer könnte zur Abwanderung deren Produktionsstätten führen. Manch ein Experte befürchtet sogar, dass mit den Solarzulieferern eine deutsche Domäne in Gefahr sein könnte. (Bild: chris52 - Fotolia.com)

von Annika Mentgen

LANDSBERG. Der Photovoltaik-Branche ist nach jüngsten Angaben des VDMA Photovoltaik-Produktionsmittel ein gelungener Start ins Jahr 2011 gelungen: Eine Umsatzsteigerung im ersten Quartal um 96 % ist beachtlich. Doch zu verdanken haben die deutschen Zulieferer dies nicht dem Binnenmarkt. Der deutsche Photovoltaik-Markt schrumpft zunehmend. Asien ist hier das Zugpferd.

Die Investitionen aus Fernost haben sich laut VDMA im Vergleich zum Vorjahresquartal in absoluten Zahlen mehr als verdoppelt. Sie erreichen damit einen Anteil von 77 % am Gesamtumsatz der Branche. Auch der Auftragseingang hat sich im Vergleich zum Vorjahresquartal mehr als verdoppelt. Er erreicht laut Aussage des VDMA aber nicht mehr die herausragenden Werte der letzen beiden Quartale.

„Beeindruckend bleiben die Zahlen aus Asien“, sagt Dr. Florian Wessendorf, Projektleiter im Team vom VDMA Photovoltaik-Produktionsmittel. „Fast 80 Prozent der Orders deutscher Photovoltaik-Maschinenbauer konnten hier verbucht werden. Schaut man sich die internationalen Zahlen an, so sind es sogar 85 Prozent.“

Starker Trend in Richtung Asien

Doch was bedeuten diese Zahlen für die Hersteller von Photovoltaik-Produktionsmitteln? In der Studie „Quo vadis Solarzulieferer?“ der Ventizz Capital Partners AG heißt es: „Es herrscht ein starker Trend in Richtung Asien vor: Gerade die größeren und börsennotierten Solarunternehmen haben [...] ihre Produktions- und Absatzaktivitäten dorthin oder nach Nordamerika verlagert. Für die Zulieferunternehmen wird sich auch zukünftig die Frage stellen, welchen Teil ihrer Produktion sie in Deutschland bzw. im Ausland realisieren wollen.“

Ähnlich wie in anderen produzierenden Unternehmen werde es voraussichtlich auch in der Solarbranche aufgrund von hohen Logistikkosten sowie dem Serviceversprechen der Zulieferer wichtig sein, beim Kunden vor Ort zu sein. Die Experten von Ventizz befürchten laut der Studie, dass sich bei den Solarzulieferern etwas wiederholen könnte, das sich bereits in anderen Branchen – wie zum Beispiel bei den Werkzeugmaschinenherstellern – gezeigt habe: „Internationale Wettbewerber spielen eine aktive Rolle in der Konsolidierung und die Kompetenzzentren verlagern sich von Deutschland nach China oder Südkorea. Abermals scheint eine deutsche Domäne mit den Solarzulieferern in Gefahr zu geraten“, sagt Dr. Helmut Vorndran, Sprecher des Vorstands bei Ventizz, gegenüber Produktion.

Auf die Kundennähe vor Ort setzt auch die Manz AG. “Um erfolgreich am Markt bestehen zu können, muss ein Unternehmen Kundennähe auf- und ausbauen um die Vorteile eines lokalen Zulieferers mit denen eines deutschen Hightech-Maschinenbauers zu kombinieren”, sagt Axel Bartmann, Leiter Unternehmenskommunikation bei Manz, unserer Zeitung.

Allerdings sieht er die Konsequenzen für Deutschland als Produktionsstandort völlig anders. “Die Folge für den deutschen Standort sind sehr positiv: die Kapazitäten können insbesondere für die Weiterentwicklung der Technologie und für die Produktion von innovativen und neuen Anlagen, bei denen dem IP-Schutz eine herausragende Bedeutung zukommt, eingesetzt werden.”

Auch Reis Robotics, Hersteller von Automationsanlagen, ist im Photovoltaik-Markt aktiv. Die Exportquote in diesem Bereich beträgt derzeit zwischen 75 und 80 %. Zwei Niederlassungen hat das Unternehmen bereits in Asien eröffnet. Dennoch ist Dr. Michael Wenzel, Geschäftsführer der Reis Group Holding, überzeugt: “Sicher werden in einer globalen Welt nicht mehr alle Anlagenbestandteile ausschließlich in Deutschland gefertigt und von dort in die ganze Welt exportiert werden können. Daraus folgt aber nicht, dass der Produktionsstandort Deutschland für Anlagentechnik verschwinden wird. Im Gegenteil, die Weiterentwicklung von Technologie wird auch eine unmittelbar angeschlossene Produktion erfordern und sicherlich wird es immer auch Technologien geben, die man nicht in andere Regionen verlagern möchte.”

“Die Produktion wird folgen müssen”

Wolfgang Hummel, Lehrbeauftragter für ‚International Business‘ an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin, ist allerdings der Meinung, dass den deutschen Photovoltaik-Ausrüstern der Weg nach Asien bevorsteht: „Es besteht auch für die PV-Anlagenbauer der Zwang, marktnah zu produzieren. Der Service der Anlagen muss vor Ort geleistet werden. Die Produktion wird folgen müssen.“

Auch die Forschung und Entwicklung, die Technologie- und Qualitätsführerschaft, auf die auch die deutschen PV-Zulieferer stolz sind, sieht Hummel künftig nicht mehr in Deutschland: „Ich halte es für eine Illusion zu glauben, die Produktion – sowohl die der PV-Hersteller als auch die ihrer Ausrüster – nach Asien zu verlagern und die Entwicklung hier halten zu können. Erfahrungen aus anderen Branchen, wie beispielsweise der Autobranche, zeigen, dass Forschung und Entwicklung produktionsnah erfolgen müssen.“

Ganz anderer Meinung ist jedoch Florian Wessendorf vom VDMA. Er ist überzeugt: Das Bekenntnis zum Standort Deutschland ist bei den Photovoltaik-Maschinenbauern nach wie vor sehr ausgeprägt. Die Rechts- und Investitionssicherheit, die gute Infrastruktur und die einzigartige Forschungslandschaft in Deutschland sowie die optimal ausgebildeten Facharbeiter und innovative Ingenieure sieht er als absolute Standortvorteile. “Auch punkten die deutschen PV-Maschinnenbauer mit dem Label ‘Made in Germany’ gegenüber der internationalen Konkurrenz”, so Wessendorf.

Nach Einschätzungen von Hummel „sprechen aber alle Faktoren dafür, dass die deutschen Hersteller von Solarzellen und -modulen den Weg nehmen, den zuvor u.a. die deutsche Unterhaltungselektronikindustrie genommen hat. Die deutschen PV-Maschinen- und Anlagenbauer sollten sich schon jetzt darauf einstellen.“