Dr. Daniel Mauss, Leiter des Porsche Gesundheitsmanagements, mit Tennis-Profispielerin und Porsche-Markenbotschafterin Julia Görges beim Startschuss für den Check-up. Beim Porsche-Check-up handelt es sich um eine dreistündige ärztliche Untersuchung und Beratung, die während der regulären Arbeitszeit stattfindet und für die Mitarbeiter kostenlos ist.

Dr. Daniel Mauss, Leiter des Porsche Gesundheitsmanagements, mit Tennis-Profispielerin und Porsche-Markenbotschafterin Julia Görges beim Startschuss für den Check-up. - Bild: Porsche

Der internationale Tag für Menschen mit Behinderung am heutigen 3. Dezember 2019 wirbt für eine inklusive Gesellschaft. Was vielen nicht bewusst ist: Rund acht Prozent der Behinderungen sind auf schwere psychische Erkrankungen zurückzuführen. Das stellt gerade auch Unternehmen vor eine große Herausforderung.

Dr. Daniel Mauss, Leiter des Gesundheitsmanagements der Porsche AG, hat deswegen ein Frühwarnsystem entwickelt. Es soll möglichen chronischen Krankheiten aufgrund zu hoher psychosozialer Belastungen vorbeugen.

Der sogenannte 'Allostatic Load Index' ermittelt anhand von lediglich fünf Variablen eine Kennzahl für stressbedingte Gesundheitsstörungen. Für diesen sogenannten "praktikablen Index" gab es nun vom Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte den Innovationspreis.

Warum der Porsche-Betriebsarzt das Frühwarnsystem entwickelte

Mauss beschäftigt sich seit vielen Jahren damit, wie Belastungen am Arbeitsplatz und Gesundheitsstörungen zusammenhängen. Ein Modell, um diese Störungen in einem frühen Stadium zu messen, ist laut dem Mediziner der Allostatic Load.

Als allostatische Last werden Überbeanspruchungs- und Abnutzungseffekte bezeichnet, die in einem Organismus durch wiederholten oder dauerhaften Stress auftreten. Der Allostatic Load wurde bereits 1993 in den USA entwickelt.

Das Problem: Er ist laut Mauss sehr komplex und – wie die meisten Erkenntnisse der theoretischen Forschung – kaum praktikabel. "Als Betriebsarzt ärgert mich das seit Jahren und deshalb habe ich selbst nach einer Methode gesucht, die flächendeckend als Frühwarnsystem genutzt werden kann", so der Porsche-Arzt.

Worin unterscheidet sich der "Allostatic Load Index" von anderen Verfahren?

Der Index beruht auf lediglich fünf Werten:

  • Diastolischen Blutdruck – das ist der untere Messwert nach Erschlaffung des Herzmuskels.
  • Bauchumfang.
  • LDL-Cholesterin.
  • Langzeitblutzucker.
  • Herzfrequenzvariabilität.

Somit lasse er sich aus jedem gewöhnlichen Check-up vom Haus- oder Betriebsarzt selber errechnen und sei damit vergleichsweise günstig. "Die Variablen sind zudem grenzwertbasiert. Das heißt, wir haben für jede Variable einen Wert definiert, bei dessen Überschreitung ein Indexpunkt in die Berechnung einfließt", so Mauss.

Der Index kann demnach zwischen Null und fünf liegen und gibt sofort Aufschluss über den aktuellen Zustand. Dabei ist der Index nicht nur auf ein Organsystem oder eine Gesundheitsfolge beschränkt. Er bildet den allgemeinen körperlichen Verschleiß ab. Mauss: "Das macht es leichter, frühzeitig zu reagieren."

Dr. Daniel Mauss, Leiter des Porsche Gesundheitsmanagements, hat für den Allostatic Load Index den Innovationspreis des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte erhalten.
Dr. Daniel Mauss, Leiter des Porsche Gesundheitsmanagements, hat für den Allostatic Load Index den Innovationspreis des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte erhalten. - Bild: Porsche

Wie der Mediziner das Frühwarnsystem entwickelt hat

In den vergangenen Jahren hatte Mauss durch unterschiedliche universitäre Kooperationen die Möglichkeit, an größeren Industrie-Kohortenstudien teilzunehmen. Auf Basis der Allostatic Load Theorie haben er und weitere Mediziner nach biologischen Markern gesucht, die in einer Wechselbeziehung mit Stressbelastungen am Arbeitsplatz stehen.

"Durch statistische Modelle haben wir diese Variablen so reduziert, dass ein guter Zusammenhang zu Arbeitsstress besteht, aber dennoch verschiedene Organsysteme abgebildet sind", so der Arzt. "Beispielsweise wollten wir durch unseren Index neben metabolischen Markern wie dem Bauchumfang auch kardiovaskuläre und neurophysiologische Marker wie Blutdruck beziehungsweise Funktion des Vagusnervs, der sogenannten Stressbremse, abbilden." Überraschenderweise hatten diese Marker eine wesentlich bessere Aussagekraft zu Stressbelastungen als diverse Stresshormone, die ebenfalls gemessen wurden.

Was die Gründe für psychische Erkrankungen sind

Rund 20 Prozent der arbeitenden Bevölkerung werden im Laufe ihres Lebens mindestens zeitweise eine Phase durchlaufen, in der sie an ihre psychischen Grenzen gehen – oder darüber hinaus. Tendenz steigend.

Wie so oft in der Medizin sind die Ursachen nicht eindimensional. Denn bei psychischen Erkrankungen spielen viele Faktoren eine Rolle, etwa Genetik, Resilienz, familiäre und berufliche Belastungen oder soziales Umfeld. Oftmals bringt dann eine persönliche Krise das Fass zum überlaufen.

"Ein wichtiger Grund für die Zunahme von Störungen ist sicherlich die Tendenz, dass wir uns immer seltener Pausen gönnen und unsere Batterien aufladen – privat wie beruflich", so Mauss. Weitere berufliche Ursachen sind wissenschaftlich gut untersucht. Dabei spielen laut dem Porsche-Mediziner gerade auch das Verhalten der Führungskraft und der sozialen Netzwerke eine große Rolle.

Die Grafik zeigt die Arbeitsunfähigkeitstage je 100 Versicherte aufgrund psychischer Erkrankungen
Die Grafik zeigt die Arbeitsunfähigkeitstage je 100 Versicherte aufgrund psychischer Erkrankungen. - Grafik: Statista

Kranke Psyche: Immer mehr Arbeitsausfälle

Die Zahl der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen hat sich seit 1997 verdreifacht – im vergangenen Jahr war sie aber erstmals wieder leicht rückläufig im Vergleich zum Vorjahr. Das geht aus dem aktuellen DAK Psychoreport hervor.

So fielen 2018 236 Fehltage je 100 Versicherter aufgrund von psychischen Erkrankungen an. Die häufigsten Ursachen:

  • Depressionen (93 Fehltage je 100 Versicherte).
  • Anpassungsstörungen (51 Tage).
  • Neurotische Störungen (23 Tage).
  • Angststörungen (16 Tage).

DAK-Vorstandchef Andreas Storm führt den Langzeittrend des Fehltage-Anstieg auf einen offeneren Umgang mit psychischen Leiden zurück, aus wissenschaftlicher Hinsicht seien diese seit Jahrzehnten in der Bevölkerung nahezu gleich verbreitet: "Vor allem beim Arzt-Patienten-Gespräch sind psychische Probleme heutzutage kein Tabu mehr", so Storm. "Deshalb wird auch bei Krankschreibungen offener damit umgegangen."

Besonders viele Fehltage bei Frauen 

Der DAK-Report zeigt außerdem: Die Zahl der Fehltage für psychische Erkrankungen nimmt bei beiden Geschlechtern mit dem Alter kontinuierlich zu.

Frauen waren 2018 knapp doppelt so oft wegen Seelenleiden krankgeschrieben als ihre männlichen Kollegen (298 Fehltage je 100 Versicherte gegenüber 183 Fehltage bei Männern).

Saarland bei Fehltagen vorn, Schlusslicht Bayern

Bei den Fehltagen durch psychische Erkrankungen gibt es auch deutliche regionale Unterschiede: Während im Saarland im vergangenen Jahr 312 Fehltage je 100 Versicherte mit den entsprechenden Diagnosen begründet wurden, waren es in Bayern lediglich 193.

Auch die Baden-Württemberger blieben mit 214 Fehltagen je 100 Versicherte vergleichsweise selten mit psychischen Problemen der Arbeit fern. Bremen und Berlin belegen mit 218 und 279 Fehltagen je 100 Versicherte die Plätze zwei und drei der Statistik. Die ostdeutschen Bundesländer bewegen sich bei den Ausfalltagen aufgrund von psychischen Erkrankungen im Mittelfeld.

Burnout wird wieder öfter diagnostiziert

Beim Blick auf das Alter fehlten Arbeitnehmer "60plus" mit neun Fehltagen je 100 Versicherte am meisten wegen Burnout im Job. Insgesamt steigen die Fehltage aufgrund von Burnout mit dem Alter an. Analog dazu ist folgender Trend zu beobachten: Immer mehr Menschen bleiben auch nach dem 60. Geburtstag im Job.

So hat sich die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Alter von 60 Jahren und mehr seit dem Jahr 2007 fast verdreifacht. Dies zeigt eine Antwort der Bundesagentur für Arbeit (BA) auf eine Anfrage der Linken im Bundestag. In welchen Branchen besonders viele ältere Beschäftigte arbeiten, lesen Sie in diesem Beitrag.

Erst vor kurzem hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Burnout als Syndrom eingestuft. Dieses entstehe aufgrund von chronischem Stress am Arbeitsplatz, der nicht erfolgreich verarbeitet werde. Wie Sie ihre Belegschaft vor Burnout, Stress und Co. schützen können, erklärt Dr. Karin Müller, Leiterin des Bereichs "Mensch & Gesundheit" bei Dekra, in diesem Interview.

KMUs ignorieren Burnout-Prävention

Trotz steigender Fehlzeiten scheren sich die meisten Mittelständler in Deutschland offenbar wenig um krankmachenden Stress bei ihren Mitarbeitern. Denn laut dem aktuellen Dekra Arbeitssicherheitsreport ignorieren fast zwei Drittel die gesetzlichen Vorschriften zur Stress- und Burnout-Prävention.

Und das obwohl Studien belegen, dass zufriedene Arbeitnehmer gesünder sind. Denn nach den Ergebnissen des AOK-Fehlzeitenreports 2018 besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen Sinnerleben und Gesundheit.

"Durchschnittlich 12,1 Tage haben die Befragten nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr krankheitsbedingt am Arbeitsplatz gefehlt. Passen der eigene Anspruch an das Sinnerleben im Beruf und die Wirklichkeit in der Wahrnehmung des Beschäftigten gut zueinander, berichten sie nur von 9,4 krankheitsbedingten Fehltagen. Unterscheiden sich Wunsch und Wirklichkeit stark voneinander, liegen die Zeiten mit 19,6 Fehltagen mehr als doppelt so hoch", heißt es vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) in der Repräsentativbefragung von über 2.000 Erwerbstätigen.

Die AOK zählte 2018 durchschnittlich 5,7 Arbeitsunfähigkeitsfälle je 1.000 Mitglieder aufgrund einer Burn-out-Diagnose. Damit hat sich die Diagnosehäufigkeit im letzten Jahrzehnt beinahe verdreifacht.
Die AOK zählte 2018 durchschnittlich 5,7 Arbeitsunfähigkeitsfälle je 1.000 Mitglieder aufgrund einer Burn-out-Diagnose. Damit hat sich die Diagnosehäufigkeit im letzten Jahrzehnt beinahe verdreifacht. - Grafik: Statista

Psychische Grenzen: Das sind die Warnlampen des Körpers

Doch was können Unternehmen und Mitarbeiter tun, um das Gefährdungspotenzial zu verringern? Porsche-Mediziner Mauss sagt: "Im Arbeitsschutz ist die Gefährdungsbeurteilung immer die Basis für Verbesserungsmaßnahmen, technisch wie psychisch. Das ist leider in vielen Betrieben noch nicht umgesetzt."

Zudem sei es notwendig die eigenen Antennen auszufahren, um Veränderungen bei Kollegen frühzeitig zu erkennen. "Deutschland ist ein Automobilland. Bei unseren Autos achten wir auf jedes kleine Kontroll- und Warnlämpchen. Wir achten auf den Ölstand und den Ladezustand der Batterie. Unser Körper gibt uns ebenfalls Warnsignale wie Kopf-, Nacken- und Rückenschmerzen, Verspannungen, hoher Blutdruck, Herzrhythmus- oder Schlafstörungen. In der Regel ignorieren wir diese", so Mauss. 

Das sind die 10 personalstärksten Unternehmen weltweit

Rund 2,3 Millionen Menschen arbeiten für das größte Unternehmen der Welt. Wer das ist und welche Firmen außerdem noch zu den personalstärksten der Welt zählen, haben wir für Sie aufgelistet. Lernen Sie die personalstärksten Unternehmen kennen!

Was sich Ihre Mitarbeiter wünschen

Am Arbeitsplatz verbringen viele Menschen einen Großteil ihres Lebens. Glücklich sind damit trotzdem nicht alle Arbeitnehmer, wie die genannten Statistiken bereits zeigten. Doch was macht Mitarbeiter glücklich und zufrieden? Der Bitkom hat Berufstätige befragt, was sie wirklich wollen. 

Das Ergebnis: Wer dachte mehr Geld ist alles, was Angestellte liegt falsch. Wichtiger sind laut Umfrage:

  • Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
  • Nachhaltigkeit und Umweltschutz.
  • Sinnstiftende Tätigkeiten.

Alle weiteren Ergebnisse der Bitkom-Umfrage, können Sie hier nachlesen.

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