Teilnehmer bei der Werksführung bei Pöppelmann.

Großes Interesse der Teilnehmer bei der Werksführung von Pöppelmann. - Bild: René Schröder

Auf dem Kongress im niedersächsischen Lohne zeigte sich: Bei den Unternehmen, die sich dem Thema Nachhaltigkeit ernsthaft widmen, liegt das Engagement oft weit über dem, was rechtliche Rahmenlinien vorgegeben. Gleichzeitig gab es durchaus Frustrationspotential – oft gerate man mit ambitionierten Projekten in eine Sackgasse, berichteten Teilnehmer.

Klar ist offenbar auch, dass Nachhaltigkeit einzelner Unternehmen nur begrenzt fruchtet: Es braucht die Zusammenarbeit von Herstellern, Lieferanten und Kunden, um mehr zu bewegen.

Gerade die Kunststoffverarbeiter stehen derzeit vor zahlreichen Herausforderungen: Ihr Image ist stark angeschlagen, seit immer mehr Bilder von Plastik in Meeren zu sehen sind und gerade zu lesen war, dass erstmals Plastikpartikel im menschlichen Körper nachgewiesen wurden.

Differenzierte Diskussion gefordert

Doch das finden die Experten unfair. „Wir können es als Branche nicht stehenlassen, dass so viel Unfug zusammengebracht wird. Gleichzeitig wissen wir alle, dass gesellschaftlich nur Kunststoffprodukte mit Re- oder Upcycling-Charakter akzeptiert werden“, so Matthias Lesch, Leiter Innovationsmanagement bei Pöppelmann. Das Plastik komme beispielsweise deshalb ins Meer, weil in anderen Ländern die Müllentsorgung nicht geregelt funktioniert.

„Es ist sehr wichtig, dass eine differenzierte Diskussion stattfindet“, meint Anita Engler, Managerin Recycling und Labelmanagement bei der Daimler AG. Schließlich sei Kunststoff in einem Fahrzeug, das einen Lebenszyklus von etwa 20 Jahren hat, nicht vergleichbar mit einem Joghurtbecher.

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Nachhaltigkeit ist komplex

Wie komplex sich der Einsatz ressourcenschonender Materialien erweisen kann, zeigt das Beispiel Daimler. „Es geht darum zu schauen, was tatsächlich einen Nutzen für die Umwelt ausmacht. Oft sind es ganz andere Aspekte, als wir denken“, erklärte Anita Engler. Die Herausforderungen lägen zum Beispiel in der Sicherheit, den vielen regulatorischen Vorgaben, Langlebigkeit, Qualität und Design.

Mit Rezyklaten komme man schnell an die Toleranzbereiche, oft müssten sie nah an Neuware kommen. Vor allem die Evaluierungsprozesse sind aufwendig. Weil es das gleiche Rezyklat in der Regel nicht weltweit gibt, braucht es gleichzeitig Neuware als Alternative, beides muss aber parallel geprüft werden. Die divergierenden Aspekte sind oft schwer unter einen Hut zu bringen. „Auch innerhalb der Umweltziele sind oft gegenläufige Aspekte möglich“, berichtete Engler.

Deutlich wurde auch, dass viele Unternehmen sich noch keine Gedanken über Nachhaltigkeit machen. So fehlt die Bereitschaft, sich mit dem Thema Rezyklate auseinanderzusetzen. Wiederverwerteter Kunststoff eignet sich zwar für viele Anwendungen, kommt aber mit anderen Voraussetzungen daher.

Beispielsweise werden Bauteile größer als mit Neumaterial und es müssen Abstriche bei der Farbe gemacht werden – aber warum auch nicht? In vielen Fällen dürfte das keine große Rolle spielen.

Deutlich wurde auf der Veranstaltung auch, dass die Unternehmen sich von der Politik allein gelassen fühlen: Es fehlt ein breiter gesellschaftlicher Diskurs darüber, warum Ressourcenschonung so wichtig ist und was dazu beigetragen werden kann. Aber auch Regularien, die zum Beispiel nicht nachhaltige Produkte oder Neuprodukte preislich gegenüber umweltschonenden Produkten benachteiligen.

Das Management muss dahinter stehen

„Ökologisch nachhaltig zu sein, steht bei uns ganz oben auf der Agenda. Dabei sehen wir, dass es für uns deutlich einfacher ist, weil wir den Rückhalt des Gesellschafters haben“, sagte Torsten Ratzmann, CEO der Pöppelmann Holding GmbH & Co. KG.

Das Unternehmen hat einen eigenen Bereich, in dem Industrieabfälle aus Kunststoff zu wiederverwendbarem Granulat verarbeitet werden. Nachhaltigkeit ist zunächst oft erst einmal teurer.

Doch Ratzmann glaubt: „ Es muss auch möglich sein, dass wir sagen: Es ist uns das wert. Vielleicht bekommen wir einen Wettbewerbsvorteil dadurch, aber immer nur mit der Finanzbrille darauf zu gucken, reicht nicht aus“.

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Lösungen sind auch für kleine Unternehmen machbar

Matthias Lesch glaubt daran, dass die Kreislaufwirtschaft nicht nur erfolgreich, sondern auch machbar ist. Bisher ist man hier aber noch am Anfang. Selbst beim System der „Grüne Punkt“ werden 60 Prozent der gesammelten Wertstoffe direkt verbrannt: Oft, weil die Sortieranlagen nicht zaubern können. So kann ein Jogurthbecher nicht verwertet werden, wenn der Aluminiumdeckel nicht entfernt wurde – viele Verbraucher wissen das aber nicht. Nicht einmal ein Viertel der Wertstoffe wandert in neue Produkte. Allein deshalb wäre eine großangelegte Informationskampagne notwendig. 

Mit dem Projekt Pöppelmann Blue, bei dem voll recycle-bare blaue Kunststofftöpfe für Pflanzen und Kräuter hergestellt werden, zeigt das Unternehmen, dass ein Kreislauf durchaus funktionieren kann, auch wenn ein solcher Topf den Verbraucher etwas mehr kostet. Doch Nachhaltigkeit ist nicht nur etwas für größere Konzerne. „Viele Lösungen werden auch für kleine Unternehmen  machbar sein. Es ist eher eine Frage der Entschlossenheit“, erklärte Lesch.

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Digitalisierung ermöglicht neue Nachhaltigkeitskonzepte

Prof. Dr. Michael Braungart, Geschäftsführer EPEA Internationale Umweltforschung der Leuphana-Universität Lüneburg, sorgte mit seinen Ideen zum Konzept „Cradle to Cradle“ für viel Diskussion und Nachdenklichkeit.

Seine These: Der Verbraucher braucht nicht die Produkte an sich, sondern nur ihren Nutzen. Wenn also beispielsweise nur Wäschen statt Waschmaschinen verkauft werden, könnten Hersteller hochwertige statt billige Materialien einsetzen, die sie im geschlossenen Kreislauf nach der Rücknahme des Geräts weiterverwenden. Er fordert mehr Innovation und glaubt, die neuen Konzepte werden erst durch die Digitalisierung möglich.

„Ein Unternehmen wird langfristig nur gesund wachsen, wenn es innovativ Umwelt- und Ressourcen-schonend, aber auch sozial verantwortungsvoll und wertschätzend handelt“, zeigte sich Christoph Leifer überzeugt, Geschäftsführer der Phoenix Contact Electronics GmbH.

Entscheidend sei, Nachhaltigkeit schon in die Entwicklung einzubeziehen und zugleich mit Design for Production für die Umsetzbarkeit zu sorgen. Als Beispiele für einfache Ansatzpunkte beim Energiesparen nannten mehrere Unternehmen den Umstieg auf LED-Technik bei der Beleuchtung und den effizienten Umgang mit energieintensiver Druckluft, zum Beispiel durch kurze Druckluftschläuche.

Erfindergeist macht vieles möglich

„Ich spreche lieber von Achtsamkeit als von Nachhaltigkeit“, erklärte Christoph Kämpf, Geschäftsführer der Karmeliten Brauerei. Das Familiengeführte Unternehmen hat ein neues Sudhaus gebaut, das den gesamten CO2-Footprint um 40 Prozent reduziert und ohne Primärenergie auskommt.

„Es war sehr schwierig, eine Förderung für eine ganzheitliche Idee zu bekommen“, berichtete Kämpf. Schließlich gab es nach drei Jahren Fördermittel vom Umwelt-Innovationsprogramm des Bundesumweltministeriums.

Auch das Beispiel der Brauerei zeigt, dass mit viel Konsequenz und Einfallsreichtum Erstaunliches möglich wird. Von der sonst auf Pisten eingesetzten Schneepeitsche, die zur Kühlung genutzt wird, bis hin zur Möglichkeit, mit einer neuen Microgasturbine perspektivisch sowohl Erdgas als auch Biogas nutzen zu können: Ein komplex gedachtes System sorgt für die autarke Versorgung aus regenerativen Quellen.

Irgendwann will man auf Basis von Datenanalyse in Kombination mit Wetterdaten immer dann produzieren, wenn es genügend Energie gibt. 280 Tonnen CO2 konnten mit dem neuen Sudhaus gespart werden – das entspricht 22.400 Bäumen, die gepflanzt werden müssten, um diese CO2-Fracht aufzunehmen. Bei der Entscheidung, ob 3,2 Millionen Euro in das Projekt investiert werden sollten, war das Votum der Eigentümer klar: „Wir denken nicht in Managerjahren, sondern in Generationen“.

Eine Geisteshaltung, die trainiert werden muss

Nachhaltigkeit ist in die DNA des Unternehmens eingeschrieben, sagte Dr. Eberhard Niggemann, Leiter der Weidmüller Akademie und Nachhaltigkeitsbeauftragter der Weidmüller Gruppe. Schon 1980 wurde dort der erste Arbeitskreis Umweltschutz gegründet.

Heute befasst man sich damit, die Balance zwischen Wirtschaftlichkeit und Ökologie zu finden. Aus Sicht von Niggemann sind Industrie 4.0 und Digitalisierung ein wichtiger Treiber, um weniger Energie und Material zu verbrauchen. Die Digitalisierung wird nicht nur für die eigene Produktion und Supply Chain genutzt, sondern auch für Lösungen, die zu mehr Energieeffizienz beim Kunden führen.

Ein neues Technologiezentrum, das bald fertiggestellt werden soll, basiert komplett auf Geothermie. Auch Niggemann glaubt: Eine solche Entscheidung trifft sich leichter in Familienunternehmen, in denen langfristig gedacht wird.

Weidmüller setzt ein Energiemanagement, für das sämtliche Daten erfasst  werden, als Facette der intelligenten Fabrik bereits um. Dafür wurde das Unternehmen mit dem GreenTec Award ausgezeichnet. „Unser Ziel ist die transparente Fabrik, in der mit Blick auf Energie-, Material- und Luftflüsse geschaut werden kann, wo es sinnvoll ist einzugreifen und um auch Geld zu sparen“, so der Naturwissenschaftler.

Auszubildende werden bei Weidmüller zu Energie-Scouts, die durch die Hallen gehen und nach Potentialen suchen. „Das wichtigste ist: Wir verändern so das Mindset, denn mit Blick auf Nachhaltigkeit ist die Veränderung der Unternehmenskultur essentiell“, sagte Niggemann.