Dr. René Graf – von Siemens zum Erfinder des Jahres 2013 ernannt – verantwortet bei Siemens die

Dr. René Graf – von Siemens zum Erfinder des Jahres 2013 ernannt – verantwortet bei Siemens die Vorfeldentwicklung für Automatisierungssysteme. - Bild: Siemens

Appisierung

Auf dem Produktioner-Kongress "Industrie 4.0 – Praxis, Praxis, Praxis‘ der Fachzeitung Produktion spornte Prof. Dr. Günther Schuh, Direktor des Werkzeugmaschinenlabors der RWTH Aachen, die Teilnehmer an: "Sie machen etwas falsch, wenn Sie in Ihrem Unternehmen nicht die völlige Durchdringung mit Apps vorantreiben!“ Apps sind laut Schuh ein wunderbares Werkzeug, um den Return on Engineering und Production zu verbessern. Ihm geht es darum, den Fokus der Hersteller auf zweck- und wertorientierte Prozess- und Produktentwicklung zu legen. So ließen sich Entwicklungs- und Produktionsaufwände deutlich reduzieren. Hierbei sind Apps, als schnelle Datenaufbereiter und Auswerter, das Mittel der Wahl. Steuerbarkeit, Selbstoptimierung, verkürzte Wertschöpfung sind die passenden Schlagworte dazu.

Auf der anderen Seite bemängelte Schuh, dass viele Unternehmen "ihre Hausaufgaben“ noch nicht gemacht hätten und "ihre Prozesse erst einmal in den Griff bekommen müssten“ – zuerst Lean, dann Industrie 4.0.
Zu einem ähnlichen Schluss gelangte Weber Maschinenbau. In seinem Segment ist der Hersteller von Schneidemaschinen Markt- und Technologieführer. Verantwortlich dafür ist unter anderem die Offenheit des Unternehmens für neue Fertigungstechnologien und -Methoden. Die "Appisierung‘ der Fertigung ist bei Weber allerdings kein Punkt auf der aktuellen Tagesordnung. Das sagt Mike Herrmann, der die Abteilung Produktionssteuerung leitet. Auch er findet, dass zuerst einmal sämtliche Produktionsprozesse besser funktionieren müssen. Und danach geht es nicht um den Einsatz von Apps und Smart Devices, sondern um die Optimierung der Fertigung. Und das geht am einfachsten und direktesten durch Automatisierung.

So fingen Herrmann und sein Team an, ihre Fräsmaschinen zu verketten und die Maschinen per Roboter zu rüsten. Denn so kann der Maschinenbauer seine Maschinen ins Wochenende hinein laufen lassen. "Der Sinn und Zweck jeder Form von Automatisierung ist es doch, in irgendeiner Form Kosten zu sparen“, meint auch Dr. René Graf, der bei Siemens in der Vorfeldentwicklung für Automatisierungssysteme tätig ist. Er beobachtet zwar eine Verbreitung von Smart Devices und Apps in der Fertigung, allerdings nicht in einer zentralen Rolle: "Die Fertigung durchdringen werden sie nicht. Die Vorstellung, Maschinen würden sich eigenständig selbst organisieren, sobald veränderte CAD Daten in die Fertigung eingespielt werden, halte ich für unrealistisch.“ Er meint Massenfertigung heute, in der Millionen von Stückzahlen gleicher Teile pro Quartal gefertigt würden, sei ja bereits sehr effizient, sorgfältig geplant und umgesetzt. Man denke nur an die Herstellung von Handys. Diese Anlagen erreichen ein Maximum an Produktivität. Sich selbst organisierende Maschinen hingegen bieten hier noch keine Vorteile.  Er verweist auf die Demonstrationsanlage "Smart Factory KL‘, eine herstellerunabhängige Demonstrations- und Forschungsplattform in Kaiserslautern. Federführend hier mit dabei ist das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI). "Sie beschränken sich auf sehr einfache Abläufe mit wenigen Bestandteilen – sobald die Produkte komplexer werden, funktioniert das nicht mehr“, bekräftigt Graf, "Man sollte die Umsetzung von Industrie 4.0-Technologien realistisch einschätzen – es liegt noch viel Arbeit vor uns.“

Weber Maschinenbau ist die Verkettung gelungen. In der Neubrandenburger Fertigung werden nun an einem externen Rüstplatz die Werkstücke auf Paletten bereitgestellt und per Roboter an die Maschinen gebracht. "Wir bestücken die Paletten und starten die Anlage per Knopfdruck. Die Maschinen signalisiert, wenn sie frei ist, der Roboter legt Teile nach und räumt die fertigen Teile wieder zurück in das Palettenregal – alles automatisiert“, erläutert Herrmann.

Die Appisierung ist dort noch immer kein Thema. Bevor die Neubrandenburger weiter über sie nachdenken, werden sie sich an eine Verkettung ihrer Drehmaschinen wagen – eine weitere große Herausforderung.
Heute, und laut Graf auf absehbare Zeit, ist eine geplante Produktionsanlage deutlich kostengünstiger als eine Anlage, die sich selbst organisiert. Sie ist zwar weniger flexibel und muss bei Produktionsänderungen zeitaufwändig umgebaut werden, dafür produziert sie bedeutend höhere Stückzahlen. Aus Sicht der Anwender gilt es daher, die Flexibilität zu erhöhen und Produktionsänderungen zu erleichtern, nicht jedoch die Fertigung komplett umzukrempeln.
Unbestritten ist, dass Apps und Smart Devices lokal Maschinen verbessern, sich jedoch (noch) nicht dazu eignen, eine ganze Fertigung effizient zu steuern. Sie können Informationen hierarchisch aufbereiten, so dass der Maschinenbediener, der Servicetechniker, der Konstrukteur und der Fertigungsleiter auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Daten erhalten. Sie können für einen verbesserten Service oder Condition Monitoring eingesetzt werden, sie können, wie Schuh betont, den Return on Engineering und Production verbessern, Wertschöpfungsketten und Produktentwicklungsprozesse verkürzen.
 
Graf verweist abschließend auf das Beispiel Opel: "Technisch ist es zwar möglich, Smart Devices im Umfeld der Fertigungssteuerung einzusetzen, aber ich sehe nicht die Art von Produkten, die dadurch besser gefertigt werden könnten. Allein den Adam Opel gibt es in 35 000 Varianten, die sehr effizient auf einer geplanten Anlage gefertigt werden.“