Thomas Weber Daimler

Thomas Weber: "Aus unserer Sicht sind Dieselmotoren in Lkw und Pkw unverzichtbar, wenn der verkehrsbedingte CO2-Ausstoß weiter sinken soll." - Bild: Daimler

| von Stefan Weinzierl
Aktualisiert am: 12. Mai. 2020

"Ja sind denn die des Wahnsinns fette Beute?" kann durchaus als repräsentative Reaktion auf die Meldung von Daimler zum neuen Dieselmotor OM 654 gelten. Ein Selbstzünder in Zeiten von Dieselgate, rückläufigen Zulassungszahlen und Verbraucherzweifel? Und für schlappe 2,6 Milliarden Entwicklungskosten? 'Natürlich!', schallt es da aus Stuttgart den Kritikern entgegen. Schließlich wird der neue Diesel von manchen für eine Art Heilsbringer gehalten, der die moderne Dieseltechnik wieder in die Spur bringen soll.

In Stuttgart ist man mächtig stolz auf den neuen (und ersten) Vollaluminium-Vierzylinder-Vorzeige-Diesel mit der leicht sperrigen Bezeichnung OM 654. Er markiere "den Start einer richtungsweisenden Motorenfamilie bei Mercedes-Benz", so der Konzern. Im Hinblick auf die Zukunft ist man sich sicher, dass "vorbildliche Effizienz- und Emissionswerte" den neuen Selbstzünder zukunftssicher machen werden.

Sparsamer und stärker, leichter und kompakter

"Aus unserer Sicht sind Dieselmotoren in Lkw und Pkw unverzichtbar, wenn der verkehrsbedingte CO2-Ausstoß weiter sinken soll", erklärt Prof. Dr. Thomas Weber, Daimler-Vorstand für Konzernforschung und Leiter Mercedes-Benz Cars Entwicklung."

Die neue Motorenfamilie sei sparsamer und stärker, leichter und kompakter – und darauf ausgelegt, alle künftigen Abgasvorschriften weltweit zu erfüllen.

Die Schwaben wollen mit dem OM 654 beileibe 'koi kloine Weckle bagga': Die modular aufgebaute Motorenfamilie soll breite Verwendung im gesamten Portfolio von Mercedes-Benz Cars und Vans finden.

Geplant sind mehrere Leistungsstufen sowie Längs- und Quereinbau in Fahrzeugen mit Front-, Heck- und Allradantrieb. Auch das mache die Neuentwicklung so signifikant, denn die Verbesserungen der Effizienz habe so einen unmittelbaren Einfluss auf den Flottenverbrauch von Mercedes-Benz.

Laut dem Autobauer stehen beim neuen Diesel, der als 220 d in der neuen E-Klasse noch in diesem Frühjahr auf die Straße kommen soll, rund 13 % weniger Verbrauch und CO2-Ausstoß bei gleichzeitig nochmals erhöhter Leistung (143 kW statt 125 kW) zu Buche.

Auf Erfüllung der zukünftigen Emissionsgesetzgebung getrimmt

Seit ein Mitbewerber seine Dieselmotoren mittels Software auf sauber getrimmt hat, sind es nicht mehr alleine die Leistungsdaten, die einen Diesel interessant machen. Entsprechend wurde der OM 654 auf die Erfüllung der zukünftigen Emissionsgesetzgebung getrimmt.

Dazu gehört auch der WLTP-Zyklus (Worldwide harmonized Light vehicles Test Procedure). Er hat gegenüber dem derzeitigen NEFZ-Messzyklus (Neuer Europäischer Fahrzyklus, eingeführt Mitte der 1990er-Jahre) zum Ziel, dass die Werte für Norm- und Realverbrauch künftig nahe beieinander liegen. Zusätzlich soll in Europa ein Messverfahren für die Real Driving Emissions (RDE) eingeführt werden. Entsprechend haben sich die Benz-Ingenieure einiges einfallen lassen, um den Motor 'sauberer' zu machen.

So sind laut Daimler alle für die Emissionsminderung relevanten Komponenten direkt am Motor verbaut. Unterstützt durch Isolationsmaßnahmen und weiterentwickelte Katalysatorbeschichtungen könne ein motorseitiges Temperaturmanagement im Kaltstart- und Niedriglastbetrieb vollständig entfallen. Neben den Vorteilen bei den Emissionen ergeben sich daraus Verbrauchseinsparungen insbesondere bei kurzen Wegstrecken, lässt Daimler verlautbaren.

Außerdem verfüge der neue Motor über eine Mehrwege-Abgasrückführung, mit der bereits die Rohemissionen des Motors im gesamten Kennfeld bei verbrauchsoptimaler Lage des Verbrennungsschwerpunkts deutlich weiter abgesenkt würden. Das Abgas aus dem Abgasturbolader gelange zunächst in einen Diesel-Oxidations-Katalysator. Es passiert weiter den Fallstrommischer, in dem die AdBlue-Flüssigkeit (eine Harnstofflösung, die Stickoxide im Abgas von Dieselfahrzeugen reduziert) mithilfe eines wassergekühlten Dosiermoduls beigemischt wird.

Voraussetzung für eine 'atmende' marktorientierte Produktion

Durch eine speziell entwickelte Mischstrecke gelingt es, die AdBlue-Flüssigkeit auf kürzestem Weg im Abgasstrom zu verdampfen und sehr gleichmäßig auf der Oberfläche des folgenden sDPF (Partikelfilter mit Beschichtung zur Verminderung von Stickoxiden) zu verteilen. Hinter dem sDPF ist noch ein SCR-Katalysator zur weiteren katalytischen Reduktion der Stickoxide angeordnet. Erst danach gelangt das gereinigte Abgas in die Auspuffanlage.

Montiert wird der neue Motor übrigens bei der Daimler-Tochter MDC Power in Kölleda - dem Gesamtsieger des Wettbewerbs 'Fabrik des Jahres' 2012. Dort werden die neuen Diesel erstmals als Komplettumfang aus über 200 Teilen auf einer 600 Meter langen Montagelinie montiert. Mit dem Produktionsstart sind dort zwei neue Werkhallen in Betrieb gegangen. Die Gesamtinvestitionen für die Produktion der neuen Motorengeneration alleine am Standort Kölleda belaufen sich auf insgesamt über 200 Millionen Euro.

Das modulare Motorenkonzept schafft laut Mercedes in Verbindung mit einem flexiblen Produktionskonzept die Voraussetzung für eine 'atmende' marktorientierte Produktion. Mit diesem System können demnach Otto- und Dieselmotoren mit verschiedenen Zylinderzahlen in einem definierten Mix produziert werden. Auch ließen sich die Produktionsvolumen der neuen Motoren dynamisch den Anforderungen des Absatzmarktes anpassen.

Möglich mache das alles eine neue, modulare Produktionstechnologie. Die Maschinen werden von den Werkstücken über sogenannte Adapterplatten entkoppelt. So wird eine deutlich verbesserte Volumen-/Variantenflexibilität erreicht.

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