ERP-Welt

Die ERP-Welt befindet sich im Wandel. - Bild: Fotolia/photon_photo

Die Geschäftsmodelle der ERP-Anbieter befinden sich im Wandel. Dieser Wandel ist kein Phänomen, das plötzlich aufgetaucht ist. Dr. Friedrich Neumeyer, CEO des ERP-Anbieters Proalpha, sagt: „Wir bemerken das schon seit Jahren. Wobei sich dieser Wandel in den letzten Jahren beschleunigt hat.“

Enterprise Resource Planning, das seinen Ursprung im ganz klassischen Modell ‚Software vom Anbieter entwickelt, zum Kauf lizenziert, anschließend komplex eingeführt und dann sehr lange vor Ort betrieben‘ hat, hat seine technologische Wurzel in Architekturen, die zwei, manchmal sogar drei Dekaden alt sind. Deswegen waren technologische Umbrüche auch Treiber für neue Geschäftsmodelle, die gerade alle gleichzeitig kommen. „Man kann hierbei also durchaus von einem ‚Nexus‘ der Kräfte sprechen“, so Neumeyer.

Die Cloud ist ein Treiber dieser Entwicklung

Aus seiner Sicht gibt es aktuell für ERP-Anbieter, die ihre Produkte der Fertigungsindustrie anbieten, vor allem drei Treiber. Zum einen gehört natürlich das Thema Cloud dazu. „Kunden stellen vermehrt die Frage, ob denn der Betrieb solcher komplexen Systeme wirklich eine eigene Kernkompetenz eines Industrieunternehmens sein muss oder ob man das Thema nicht besser einem Profi übergibt“, so der Manager.

Hintergrund: Der Aspekt der Datensicherheit wird immer wichtiger. Profis können Daten besser schützen als die hauseigene IT. Eine offensichtlich kommerzielle Facette des Themas Cloud ist die Frage: Wird Software gekauft oder gemietet? Die Kunden aus dem Mittelstand sind, was das angeht, noch recht konservativ. Software zu kaufen, ist bei dieser Klientel bislang die normale Vorgehensweise.

Neumeyer: „Deswegen ist für mich Software zur Miete eher eine neue Lizenzierungsfacette als ein neues Geschäftsmodell.“ Geschäftsmodelle seien eher in dem Bereich zu finden, wie Dienstleistungen entstehen, aber dann auch wie Software zugeführt wird.

Innovationen am laufenden Band

Heutzutage fordert der Markt, dass Innovationen konstant erfolgen und nicht mehr, wie es früher bei ERP-Anbietern üblich war, dass es alle sechs bis sieben Jahre ein Update gibt. „Deswegen müssen wir unsere eigenen technologischen Plattformen dafür aufbauen, damit wir solchen Anforderungen auch gerecht werden“, sagt Neumeyer.

Eine weitere Herausforderung, die auf die ERP-Anbieter zukommt: Software ist zunehmend nicht mehr entkoppelt von der Hardware-Welt in den Industrieunternehmen, wie es früher noch der Fall war.

Was außerdem das Thema ‚neue Geschäftsmodelle‘ triggert: Es wird immer mehr Kommunikation von ERP-Systemen mit anderer Software oder mit Maschinen geben. Das heißt, jetzt nutzen auch Maschinen das ERP-System.

„Natürlich ist es auch unser Anliegen, zu sagen: Wenn künftig vor allem auch künstliche Anwender das ERP-System nutzen, wollen wir dafür auch an der Wertschöpfung teilhaben. Dafür müssen wir Lizenzmodelle finden, die wir abrechenbar machen. Und das wird künftig vor allem verbrauchsgetrieben sein“, erklärt Neumeyer.

Partner gesucht und gefunden

ERP-Systeme sollen immer mehr können, neue Fähigkeiten sind gefragt. „Das, was ein ERP leistet, hatte immer schon fließende Grenzen“, weiß der Proalpha-Chef. So gab es auch in der Vergangenheit schon ERP-Systeme mit gewissen CRM-Fähigkeiten. „Ich glaube aber, dass diese Grenzen noch viel rabiater aufgeweicht werden in Zukunft“, berichtet Neumeyer.

Ein Beispiel dafür sei die Verarbeitung von Maschinendaten. Diese Kompetenz können ERP-Anbieter selbst aufbauen oder sich mit einem Partner zusammentun. Neumeyer: „Beides ist legitim, nur muss man sich drum kümmern.“ Grundsätzlich müsse man seine ERP-Lösung also breiter denken, als es in den letzten zehn bis 15 Jahren der Fall war. „Ich bin überzeugt davon, dass Software-Geschäftsmodelle, die mit Partnern skalieren, ungeheuer effizient sind. Was da draußen alles passiert, können wir alleine gar nicht bewältigen im Sinne von Innovation. Deswegen ist es eminent wichtig, dass man mit Partnern an Lösungen arbeitet mit dem Ziel, Innovationen schneller zum Kunden zu bringen“, sagt der Manager.

Partnerschaften mit Kunden aus der Industrie seien relevant, weil die Innovation in vielen Fällen von der Kundenseite komme. ERP-Systeme seien nämlich immer bedarfsgetrieben. „Aus diesem Grund brauchen wir Kundenpartnerschaften. Dazu kommen die sogenannten Lösungspartner“, berichtet Neumeyer. Dabei handelt es sich um andere Software-Unternehmen bis hin zu Rechenzentrums-Lösungen.

ERP-Lösungen in einer bunten Welt

Auch Christian Leopoldseder, Managing Director Austria der Asseco Solutions, denkt: „Die Welt ist zu bunt, um alle Anforderungen im Detail gleichermaßen bedienen zu können. Versuchen könnte man es schon. Doch wenn es in die Tiefe geht, ist umfangreiches Branchen-Know-how und viel Kompetenz vonnöten.“ Asseco Solutions setzt deshalb auf Partnerschaften.

Gleichwohl hat der ERP-Anbieter gewisse Schlüsselkompetenzen für sich definiert. Dazu zählt, andere Systeme und Subsysteme prozessmäßig zu integrieren. Leopoldseder ergänzt: „Früher hatte man beispielsweise in einem Kundenprojekt eine Partnerlösung und eine große Anzahl von Kundenindividualisierungen. Heutzutage ist es umgekehrt: Es sind viele Partnerlösungen zu integrieren, der Anteil der Kundenindividualisierungen hingegen ist stark zurückgegangen. Diese Partner finden wir zum einen in der Software-Branche selbst. Darüber hinaus gibt es technische Partner, mit denen wir Integrationen durchführen.“ 

Ohnehin habe sich die Landschaft völlig geändert, so Leopolds­eder. Heutzutage werde von einem ERP-System sehr viel erwartet. „Seit anderthalb bis zwei Jahren ist das Thema Integrationsfähigkeit in den Fokus der Kunden gerückt. Egal welche Anfragen oder Ausschreibungen wir haben, das Thema Integrationsfähigkeit zu anderen Systemen hat eine sehr hohe Priorität.“

Das können Systeme von Lieferanten und Kunden sein, aber auch Maschinen in der Produktionshalle. Eine Heraus­forderung, denn jeder arbeitet in seiner eigenen Welt. „Jetzt geht es darum, wie man diese verschie­denen Welten ineinander integrieren kann. Eben da ist hohe Integrationsfähigkeit gefragt“, so Leopoldseder.

Open Source ERP als Alternative?

Kommt ERP bald als Open ­Source Software? Ganz so weit wird es wohl erst mal nicht kommen. ERP kann allerdings Komponenten einer Open-Source-Technologie nutzen.

Neumeyer von Proalpha sagt: „Das halte ich für legitim. Ich glaube aber nicht, dass jemand so ähnlich wie bei Wikipedia relativ zügig ein Open-Source-ERP auf die Beine stellt.“ Schließlich ist Wikipedia eine Ansammlung von Einzelteilen von Wissen, während ein ERP-System wie ein Nervensystem ist, das sich über ein komplettes Unternehmen ausbreitet.

„Das können Sie nicht so einfach durch eine Crowd-Sourcing-Plattform darstellen“, so der CEO. Jedoch konnte sich vor zehn Jahren auch niemand vorstellen, dass das Smartphone heutzutage zum Lebensbegleiter der großen Mehrheit werden würde. „Deshalb muss es unsere Aufgabe sein, zu überlegen, kommt Open-Source vielleicht doch im ERP-Umfeld“, kommentiert Neumeyer. Man müsse aber bedenken, solange Menschen daran Geld verdienen, werden sie es in den seltensten Fällen Open-Source stellen.

"Auch in Zukunft wird man dieses Fundament brauchen"

Was mit ERP-Systemen extrem häufig passiert, gerade wenn sie in der Fertigung eingesetzt werden, ist eine Anpassung an die individuellen Geschäftsprozesse beim Kunden. „Das erfordert leider in fast allen Fällen keine reine Konfiguration der Software, sondern ein Customizing. Bis eine reine Konfiguration ausreichend ist, um alle unterschiedlichen, komplexen Prozesse bei den Industrieunternehmen abzubilden, wird noch viel Zeit vergehen“, so Proalpha-Chef Neumeyer. 

Auch Asseco Solutions beschäftigt sich mit dem Thema. Leo­polds­eder sagt: „ERP-Systeme sind in der Regel monolithische Sys­teme. Das heißt, ein großer  und breiter Funktionsumfang. Auch in Zukunft wird man dieses Fundament brauchen, und das wird das ERP-System sein.“

Aber der Monolith müsse in der Lage sein, einfach und schnell kleine An­wendungen (Apps, Open-­Source-An­wen­dun­gen etc.) zu in­tegrieren. Dafür gibt es mittler­weile Methoden. „In diesem Bereich bauen wir derzeit Know-how auf, um externe Anbieter sehr ein­fach durch Konfiguration in den ERP-Kern zu integrieren. Ob das dann eine Open-Source-Anwendung für einen speziellen Be­reich ist, ist uns dann egal. Aber das ist definitiv eine Herausforde­rung, die zu lösen ist“, so Leopoldseder.