Testlauf: Mercedes-Benz Cars nutzt im Rahmen seiner Demografie-Initiative YES auch  ergonomische Hilfsmittel wie Chairless Chair.

Testlauf: Mercedes-Benz Cars nutzt im Rahmen seiner Demografie-Initiative YES auch ergonomische Hilfsmittel wie Chairless Chair. - Bild: Daimler

Welchen tieferen Sinn hat die unternehmerische Tätigkeit? Damit beschäftigten sich kürzlich Manager von Mercedes-Benz Cars, die für die Demografie-Initiative des Unternehmensbereichs verantwortlich sind. Sie kamen zu dem Schluss, dass „unternehmerisches Handeln nicht nur vom Streben nach Gewinn getrieben sein kann, sondern stets auch Aspekte gesellschaftlicher Verantwortung und universeller menschlicher Bedürfnisse berücksichtigen“ müsse.

„Wir sind uns unserer Gesamtverantwortung für die Gesellschaft bewusst“, sagte Markus Schäfer, Vorstand für Produktion und Supply Chain. Dazu gehöre auch der demografische Wandel in Deutschland und Europa.

Um diesen Wandel zu bewältigen, hatte Mercedes-Benz Cars die Demografie-Initiative ‚YES – Young, Experienced, together Successful‘ gestartet. Diese soll dafür sorgen, dass bei einer alternden Gesellschaft eine neue Arbeitsorganisation umgesetzt wird, bei der die verschiedenen Generationen eng zusammenarbeiten. Die Initiatoren wollen, dass Stereotype zum Alter ersetzt werden durch den Hinweis auf Talente und Potenziale. Damit soll ein generationenüberreifender Austausch in der Arbeit angekurbelt werden.

Mercedes testet Exoskelette

Damit den Mitarbeitern unabhängig vom Alter verbesserte Arbeitsbedingungen zur Verfügung stehen, setzen die Verantwortlichen der Demografie-Initiative Innovationen im Bereich ergonomischer Arbeitsplätze um. So nutzen die Werkleitungen in Sindelfingen, Bremen, Rastatt und Untertürkheim verschiedene ergonomische Hilfsmittel. Zum Einsatz kommt beispielsweise ein Exoskelett, ein mechanisches Metallgestell, das seinen Träger bei der Ausführung verschiedener Bewegungsabläufe wie dem Überkopfarbeiten unterstützt.

"Wir sind uns unserer Gesamtverantwortung für die Gesellschaft bewusst“, sagte Markus Schäfer, Vorstand für Produktion und Supply Chain von Mercedes-Benz Cars. Dazu gehöre auch der demografische Wandel in Deutschland und Europa.
"Wir sind uns unserer Gesamtverantwortung für die Gesellschaft bewusst“, sagte Markus Schäfer, Vorstand für Produktion und Supply Chain von Mercedes-Benz Cars. Dazu gehöre auch der demografische Wandel in Deutschland und Europa. - Bild: Daimler

Auch nutzen bestimmte Fachkräfte an ihrem Arbeitsplatz einen Chairless Chair, eine tragbare, ergonomische Sitz- und Körperhaltungsunterstützung. „Mit diesem werden den Mitarbeitern Hilfsmittel zur Verfügung gestellt, mit denen sie Tätigkeiten mit körperlichen Anforderungen noch leichter ausüben können“, sagte der Personalleiter des Mercedes-Benz Werks Bremen, Heino Niederhausen, gegenüber ‚Produktion‘. Das bedeute Vorteile für die Beschäftigten in der Produktion wie auch bei der Optimierung von Fertigungsprozessen.

„Das Exoskelett wie auch der Chairless Chair befinden sich derzeit in der Testphase, bevor sie verstärkt zum Einsatz kommen“, kündigte der Personalleiter des Werks in Bremen an.

Belasten Exoskelette andere Körperpartien?

Nach Einschätzung des Leiters Arbeits- und Leistungsfähigkeit des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft in Düsseldorf, Dr. Stephan Sandrock, sind Exoskelett und Chairless Chair jedoch „grundsätzlich Lösungen, die zuletzt angedacht werden sollten, weil sie auch den Arbeitsschutz berühren.“ „Es ist erst einmal zu prüfen, ob man die Situation für alle Beschäftigten ändern kann“, sagte Sandrock gegenüber der Fachzeitung ‚Produktion‘.

Wenn man das nicht könne und einzelne Mitarbeiter Bedarf für eine Unterstützung am Arbeitsplatz haben würden, beispielsweise durch einen Chairless Chair, der die Beine entlastet, dann könne das sicherlich eine sinnvolle Maßnahme sein – genauso wie Exoskelette auch. Dabei müsse man untersuchen, ob diese Exoskelette, die bestimmte Bewegungsmechanismen unterstützen, nicht eine zusätzliche Belastung für andere Körperpartien darstellen.

Mercedes-Benz Cars testet den Einsatz von Exoskeletten, um ergonomische Arbeitsplätze gestalten zu können.
Mercedes-Benz Cars testet den Einsatz von Exoskeletten, um ergonomische Arbeitsplätze gestalten zu können. -Bild: Daimler

Wird es durch ergonomische Hilfsmittel wie Exoskelette und Chairless Chair tatsächlich möglich, dass Fachkräfte in der Produktion bis ins hohe Alter an ihrem Arbeitsplatz tätig sein können? „Darin besteht die Hoffnung, dass dies passiert“, meint Dr. Sandrock. Ihm sei allerdings aus der Demografie-Initiative von Daimler nicht bekannt, wie alt denn tatsächlich die älteren Beschäftigten sind. „Grundsätzlich ist natürlich vorstellbar, dass bestimmte Bewegungen auch unterstützt werden und dann auch ältere Mitarbeiter oder Mitarbeiter mit Funktionseinschränkungen durch die Nutzung von Exoskeletten tatsächlich entlastet werden können“, so der Fachmann.

Es gibt noch keine Langzeitstudien zu Exoskeletten

Seiner Kenntnis nach gibt es keine Langzeitstudien oder Untersuchungen, die werktätige Menschen über einen längeren Zeitraum beobachtet haben, die darlegen, dass Exoskelette langfristig zu einer Entlastung führen. „Das muss man zeigen“, forderte Dr. Sandrock. Wenn Daimler oder andere Hersteller wie Audi oder BMW die Nutzung dieser ergonomischen Hilfsmittel an Arbeitsplätzen ausprobieren und vielleicht auch längerfristige Studien durchführen, dann sei das eine gute Sache. Denn diese Erkenntnisse könnten auch anderen Branchen zur Verfügung gestellt werden.

„Grundsätzlich ist natürlich vorstellbar, dass bestimmte Bewegungen auch unterstützt werden und dann auch ältere Mitarbeiter oder Mitarbeiter mit Funktionseinschränkungen durch die Nutzung von Exoskeletten tatsächlich entlastet werden können“, so Dr. Stephan Sandrock, Leiter Arbeits- und Leistungsfähigkeit des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft.
„Grundsätzlich ist natürlich vorstellbar, dass bestimmte Bewegungen auch unterstützt werden und dann auch ältere Mitarbeiter oder Mitarbeiter mit Funktionseinschränkungen durch die Nutzung von Exoskeletten tatsächlich entlastet werden können“, so Dr. Stephan Sandrock, Leiter Arbeits- und Leistungsfähigkeit des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft. - Bild: Ifaa

Um der breiten Öffentlichkeit zu zeigen, was Mercedes-Benz Cars in der Produktion im Bereich Demografie macht, und um auf die Chancen durch den demografischen Wandel hinzuweisen, hatte das Unternehmen auch eine Ausstellung unter dem Titel ‚EY ALTER‘ konzipiert.

Wichtiges Element der Demografie-Initiative von Mercedes-Benz Cars ist der Demografie-Spiegel, der die Altersstruktur an den einzelnen Standorten des Automobilherstellers analysiert und die demografiebezogenen Maßnahmen dokumentiert. Dieser fungiert als standardisiertes Mess- und Steuerungsinstrument. Aufgrund der Ergebnisse dieses Spiegels setzen Arbeitgeber, Betriebsrat und Arbeitnehmer zusammen konkrete Aktivitäten beim Gesundheitsmanagement und bei der Qualifizierung um.

Nach Informationen von Produktion gibt es an dem Standort Bremen von Mercedes-Benz Cars einen Prozess-Ingenieur Demografie, der die Maßnahmen aus dem so genannten Demografie-Spiegel kontinuierlich vorantreibt. Dieser testet die ergonomischen Innovationen und arbeitet an der Einführung eines kontinuierlichen Ergonomie-Prozesses. Unterstützt wird dieser Ingenieur durch zwei Prozess-Betreuer bei den Demografie-Themen. Sie sollen gemeinsam mit den Mitarbeitern Lösungen für eine bessere Gestaltung der Arbeitsplätze entwickeln. Auch informieren die Betreuer über bestehende Angebote und Maßnahmen, da diese nach Erfahrungen des Unternehmens oftmals nur wenigen Mitarbeitern bekannt sind und nicht ausreichend genutzt werden. Unterstützt wird diese Ergonomie-Offensive am Standort Bremen mit massiven Investitionen in die Ergonomie-Maßnahmen, was mit dem Betriebsrat vereinbart wurde.

Auch das Risiko eines überdurchschnittlichen Know-how-Verlustes durch altersbedingten Abgang von Personal wird in dem Demografie-Spiegel analysiert. Um dem entgegen zu wirken und dafür zu sorgen, dass Wissen weiter gegeben wird, starteten die Verantwortlichen der Initiative eine Videoplattform im Intranet, die Erfahrungen und Know-how in Form von Tutorials dokumentiert. Fachkräfte können ihre Arbeitsschritte nun mit einer Action-Cam aus der Ich-Perspektive aufzeichnen und Lern-Tutorials schaffen. Damit sollen Mitarbeiter aller Bereiche einen schnellen Zugriff auf dieses Produktionswissen haben und sich schneller in ihren Arbeitsbereich hineinfinden können.

Mercedes indentifiziert Wissensträger

Arbeitsabläufe und Produktionsprozesse wie beispielsweise thermisches Fügen und die Schmierung von Linearachsen sind bereits als Web-Video vorhanden.

Ferner installierten die Initiatoren im Rahmen des generationenübergreifenden Wissentransfers ein Frühwarnsystem S.A.V.E., das Wissensträger findet. Damit soll wichtiges Erfahrungs- und Fachwissen gesichert und für die Nachfolger zur Verfügung gestellt werden.

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