Kühlschmierstoffe, Nassbearbeitung
Reinigungswirkung durch Kühlschmierstoffe: Oft ist die geforderte Bauteilsauberkeit nur durch Nassbearbeitung realisierbar. - Bild: Oest

Auch Stefan Gernsheimer, Leiter der Anwendungstechnik bei der Georg Oest Mineralölwerk GmbH, berichtet, dass sich die Nassbearbeitung trotz umfangreicher Untersuchungen in vielen Fällen nicht ersetzen lässt. „Prinzipiell lassen sich viele Bearbeitungen trocken oder mit Minimalmengenschmierung durchführen. Sogar beim Schleifen werden entsprechende Versuche gemacht. Die Frage ist aber immer, ob das dann auch wirtschaftlich einen Sinn macht“, so seine Einschätzung.

Stefan Gernsheimer, Georg Oest Mineralölwerk
»Bei Kauf einer neuen Maschine sollte man sich von vorneherein überlegen, ob die Trockenbearbeitung oder MMS Sinn macht.« Stefan Gernsheimer, Leiter Anwendungstechnik Georg Oest Mineralölwerk. - Bild: Oest

Kritisch werde es immer dann, wenn bei der Bearbeitung viel Hitze entsteht und daher eine große Kühlwirkung erforderlich ist. So sei die Bearbeitung von Titan trocken oder mit MMS im Vergleich zur Nassbearbeitung nicht mit effizienten Schnittparametern möglich. Weiter wird es problematisch, wenn der Abtransport der Späne anlagen- oder verfahrensseitig nicht gegeben ist.

Gernsheimer berichtet, dass die Trockenbearbeitung nicht ohne gesundheitliche Risiken ist: „Mitunter besteht eine Gefährdung der Werker durch Metallstäube. Das ist insbesondere bei der Bearbeitung spröder Werkstoffe wie Grauguss der Fall. Andererseits wird Grauguss schon seit über dreißig Jahren trocken bearbeitet. Mit entsprechendem technischen Mehraufwand, Kapselung der Maschine und Absaugung, lässt sich auch dieses Risiko beherrschen.“

Potenziale der Trockenbearbeitung

Längerfristig räumt der Schmierstoff-Experte der Trockenbearbeitung oder Minimalmengenschmierung aber noch große Potenziale ein: „Bei Optimierung aller Aspekte der MMS-Bearbeitung von optimaler Zuführung der Aerosole bis zu optimalen Werkzeugen und Bearbeitungsparametern ist unter Umständen eine Produktivitätssteigerung gegenüber der Nassbearbeitung erreichbar. Bei Kauf einer neuen Maschine sollte man sich von vorneherein überlegen, ob die Trockenbearbeitung oder MMS Sinn macht. Die Maschine und die Werkzeuge müssen dann schon vor der Inbetriebnahme darauf ausgelegt werden.“

Allerdings mache es keinen Sinn, mit dem Ziel ‚Kosteneinsparung am KSS-System‘ eine einzelne Maschine auf die Trockenbearbeitung umzustellen, wenn alle anderen Maschinen im Nassbetrieb arbeiten.

Sorgfältiger Umgang mit Kühlschmierstoffen

Den vermehrten finanziellen Aufwand beim Umgang mit Kühlschmierstoffen relativiert Gernsheimer: „Bei guter Pflege kann der Kühlschmierstoff sehr lange im Einsatz sein, unter günstigen Bedingungen bis zu mehreren Jahren.“ Seiner Einschätzung nach ist dabei das Bewusstsein für die Bedeutung des Kühlschmierstoffes für den gesamten Bearbeitungsprozess gestiegen.

Kühlschmierstoffe, Nassbearbeitung, KSS
Ein- und Abstechen sind Bearbeitungsschritte, bei denen der KSS für den Abtransport der Späne wichtig ist. - Bild: Horn

„Aus Gründen des zunehmenden Kostendrucks wird auf den sorgfältigen Umgang mit dem Kühlschmierstoff heute deutlich mehr Wert gelegt“, berichtet Gernsheimer. Auch seitens der KSS-Hersteller wird ständig an der Optimierung der Formulierungen gearbeitet. „Wir forschen intensiv an neuen, leistungsfähigeren und gesundheitsfreundlichen Kühlschmierstoffen“, so Gernsheimer.

Aktuell sei der Druck hin zu neuen Entwicklungen seitens des Gesetzgebers groß. „Die Vorschriften zur gesundheitlichen Belastung des Arbeitsplatzes mit chemischen Substanzen werden immer strenger und es drohen viele Beschränkungen. Insbesondere die letzte Stufe der europäischen Chemikalienverordnung REACH in 2018 wird spannend. Wir beschäftigen uns daher seit Langem intensiv mit der Entwicklung neuer, zukunftssicherer Kühlschmierstoffe“, erklärt Gernsheimer.

Auch sonst droht der Umgang mit dem Kühlschmierstoff, künftig aufwendiger zu werden: So schockten die Behörden in Bayern und Baden-Württemberg im letzten Jahr, mit Kühlschmierstoff verunreinigte Metallspäne als Sondermüll zu klassifizieren. Immerhin haben die Behörden inzwischen wohl eingesehen, dass das in der vorgesehenen Form mit einer Nachweispflicht für die Späneerzeuger nicht praktikabel ist und zwischenzeitlich ist es zumindest an dieser Front wieder ruhiger geworden.

Fazit: Trockenbearbeitung löst Nassbearbeitung nicht endgültig ab

Insgesamt sieht Gernsheimer keine Chance zur Ablösung der Nass- durch Trockenbearbeitung. „Sicherlich wird anteilig die Trocken- und MMS-Bearbeitung langfristig zunehmen. Auch werden bestimmte Bearbeitungssegmente, bei denen sich technische wie wirtschaftliche Vorteile darstellen lassen, verstärkt mit MMS gefahren werden. Aber in der Breite wird es in absehbarer Zeit ebenfalls noch die Nassberarbeitung geben“, so seine Einschätzung.