Vor allem die IT wird das moderne Arbeitsleben gravierend verändern – auch in der Intralogistik.

Vor allem die IT wird das moderne Arbeitsleben gravierend verändern – auch in der Intralogistik. - Bild: WavebreakMediaMicro – Adobe Stock

Im Zuge der Digitalisierung und Automatisierung verändern sich nicht nur Wirtschaftsstrukturen, sondern auch die Art und Weise, wie wir arbeiten. Arbeitsplätze müssen mit Blick auf alternative Arbeitskonzepte neu gedacht werden, um der digitalen Entwicklung standzuhalten. Ob es in der Logistik wirklich schon so weit ist und wie geeignet moderne Arbeitskonzepte für diesen Bereich sind, hat das Softwarehaus Inform GmbH in einer Umfrage untersucht.

Motor des Ganzen sind unter anderem Digitalisierung und Industrie 4.0, die eine neue Art des Arbeitens fordern und auch vor vielen Bereichen der Logistik keinen Halt machen: Rund 82 % der Befragten bestätigten, dass die Digitalisierung ihren Arbeitsplatz stark bis sehr stark beeinflusst. Auch die Unternehmen selbst nehmen diese Veränderung wahr und reagieren mit alternativen Arbeitskonzepten: 86 % der Befragten halten fest, dass ihr Unternehmen bereits Maßnahmen ergreift.

Logistikbranche im digitalen Wandel

Doch in welchen Bereichen ist die Umsetzung von Home Office, flachen Hierarchien, agilen Teams und Co. überhaupt realistisch? Nach Ansicht der Befragten eignet sich mit 64 % Zustimmung der Bereich des Supply Chain Management am besten für die Umsetzung moderner Arbeitskonzepte, gefolgt von den Bereichen Vertrieb (55 %) und Einkauf (53 %). Am schlechtesten schnitten hier die Bereiche Produktion und Transport ab: Nur 37 beziehungsweise 25 % der Befragten hielten diese für geeignet.

„Überall dort, wo Wissensarbeit geleistet wird und diese nicht ortsgebunden ist, sind alternative Konzepte gut umsetzbar“, so ein anonymer Teilnehmer der Umfrage, der in der Logistik tätig ist. „In der Produktion ist das eher schwierig, da hier oft in Schichtmodellen gearbeitet wird und die persönliche Anwesenheit unerlässlich ist“, konstatiert ein weiterer Teilnehmer.

"Heute können Mensch und Maschine in eine sinnvolle Kombination gebracht werden, die den Menschen entlastet", sagt Thomas Wimmer, Vorsitzender der  Geschäftsführung der Bundesvereinigung Logistik (BVL).
"Heute können Mensch und Maschine in eine sinnvolle Kombination gebracht werden, die den Menschen entlastet", sagt Thomas Wimmer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Bundesvereinigung Logistik (BVL). - Bild: BVL

Arbeitnehmer wünschen sich flexibleren Arbeitsalltag

Thomas Wimmer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Bundesvereinigung Logistik (BVL), hingegen erkennt: „Was wir als Trend klar feststellen, ist die Mensch-Ma­schine-Interaktion. Früher ha­ben Menschen und Maschinen nur nebeneinander gearbeitet – als die Maschinen aus Sicherheitsgründen sozusagen in Käfige gesperrt wurden. Heute können Mensch und Maschine in eine sinnvolle Kombination gebracht werden, die den Menschen entlastet.“ Gerade in der Logistik gebe es viele sich wiederholende Tätigkeiten, vor allem beim Kommissionieren von Waren.

„Da gibt es mitt­lerweile faszinierende Konzepte so wie bei Fiege in Ibben­büren, die dort für einen Schuhhändler die Logistik für das E-Com­merce-Geschäft auch mittels Kom­mis­sio­nier­ro­bo­ter betreiben. Gerade über das Wochenende führen Online-Einkäufe zu Be­lastungsspitzen, die in der Logistik-Dienstleistung beziehungsweise Kommissionierung nur schwer abzuleisten sind. Doch eben solch eine Kombination mit einem Kommissionierroboter, der die ersten Belastungsspitzen abarbeitet und nur das stehen lässt, womit er nicht klarkommt, weil es ein Sonderformat hat, ergibt eine sinnvolle Form der Mensch-Maschine-Interaktion“, beschreibt Wimmer.

Schichtbetrieb vor der Ablösung

Mittlerweile lasse sich sogar ein Schichtbetrieb auflösen, wie Wimmer darstellt: „Da gibt es die Firma Rational aus Landsberg am Lech, die bauen Dampfgarer nach einem ähnlichen Prinzip wie Mercedes AMG – ‚One man, one engine‘.“ Demnach laufe der Mitarbeiter mit dem Werkstück verschiedene Produktionsstationen ab. Das Unternehmen habe seine Schichtmodelle fast vollständig aufgelöst. „Von daher ist es dem Unternehmen ziemlich egal, ob der Monteur morgens um vier Uhr oder mittags um 14 Uhr anfängt. Entscheidend ist, dass er sein Zeitfenster vorher definiert hat, damit seine Materialien, die er braucht, auch vor Ort sind und er somit die Arbeit ausführen kann. Der Hintergrund ist eben, dass man durch die Transparenz, die durch IT-Tools möglich wird, Arbeitszeiten ganz anders und viel flexibler organisieren kann. Ohne die digitale Technologie ist das nicht möglich gewesen“, ergänzt Wimmer.

Zur Umfrage


An der diesjährigen Umfrage ‚Jobwandel durch Digitalisierung – Wie betroffen ist die Logistik?‘ von Inform nahmen 172 Mitarbeiter und Führungskräfte verschiedener logistischer Disziplinen teil. Dabei stammen 48 % der Befragten aus produzierenden Branchen wie dem Maschinen- und Anlagenbau, Textil-, Automobil-, Metall-, Chemie-, Pharma-, Konsumgüter- oder Lebensmittelbereich.
Jeweils 18 % gehören dem Handel oder Logistikdienstleistern an. 16 % stammen aus sonstigen Branchen. Beteiligt haben sich Vertreter von Unternehmen, die bis zu 100 (14 %), 500 (27 %), 1 000 (16 %), 10 000 (23 %) oder mehr als 10 000 Mit-
arbeiter (19 %) beschäftigen.

Digitalisieren bleibt Thema Nr.1

Das sei natürlich nicht in allen Fällen machbar, doch Wimmer nennt gleich den hohen Retourenanteil beim Versandhandel als nächtes Beispiel: „Engelbert Strauss macht Versandhandel für Berufsbekleidung. Da ist der Retourenanteil geringer als zum Beispiel bei Schuhen. Denn dort bestellen Profis, die im Regelfall wissen, was sie brauchen.“ Die seltenen Retouren würden aufgearbeitet, dafür gebe es 25 Aufarbeitungsplätze, von denen aber manchmal nur drei Plätze besetzt seien. Warum das so sei, erklärt Wimmer: „Weil diese Plätze zum Beispiel an alleinerziehende Personen vergeben sind, die in ihrem Tagesablauf von den Öffnungszeiten der Kinder-Tagesstätten oder Schulzeiten abhängig sind. Diese Art von Arbeitszeitgestaltung ist auch hier möglich, weil den Mitarbeitern alle notwendigen Informationen zur Verfügung stehen. Das Lagersystem ist darauf abgestimmt, gewisse Mengen mit Robotikunterstützung einlagern zu können. Somit gibt es eine Entzerrung von zwei Vorgängen – nämlich die Aufbereitung und das Einlagern.“

IT bringt digitalen Wandel voran

Gerade in den Bereichen, in denen Schichtarbeit noch ein gängiges Arbeitsmodell ist, könne IT Abhilfe schaffen, sagt Jörg Herbers, Leiter des Geschäftsbereichs Workforce Management bei Inform. „Um hier flexible Arbeitszeitmodelle ermöglichen zu können und damit die Mitarbeitermotivation zu steigern, bietet sich der Einsatz einer intelligenten Software für die Personaleinsatzplanung an.“ Dadurch könne für die Mitarbeiter maximale Flexibilität erreicht werden, bei gleichzeitiger Gewährleistung einer hohen Produktivität.

IT kann lückenhafte Infos verdichten

Ein passendes Beispiel dazu nennt Wimmer: „Oftmals kommen im Wareneingang Pakete an, die auf ihrer Reise in irgendeiner Form beschädigt worden sind: Der Barcode, die Adresse oder der Absender sind beschädigt. Der Mitarbeiter soll aber bestimmen, ob das Paket an der richtigen Stelle angekommen ist, wo es herkommt und was darin enthalten ist.“ Das Bosch-Werk Blaichach im Allgäu habe dazu ein Konzept entworfen, bei dem mehrere IT-Systeme angezapft würden, sodass klar sei, welche Komponenten alle im Bestellzulauf seien und von welchem Lieferanten diese kämen. „Dadurch verdichten sich die Informationen so, dass der Mitarbeiter – vielleicht zusammen mit ein paar Brocken, die er noch aus dem Barcode entziffern kann – sehr zielsicher schließen kann, welchen Karton er gerade in der Hand hält und was dieser enthält. Das spart unglaublich viel Suchaufwand. Auch das ist eine sinnvolle Interaktion zwischen Mensch und Maschine“, verdeutlicht Wimmer.

"Der zunehmende Individualisierungswunsch stellt insbesondere die Automobilproduktion vor neue Herausforderungen", sagt  Christian Brauneis.
"Der zunehmende Individualisierungswunsch stellt insbesondere die Automobilproduktion vor neue Herausforderungen", sagt Christian Brauneis, Vice President Business Unit Industry, Knapp Industry Solutions. - Bild: Knapp

24h-Versprechen

Dazu ein weiteres Beispiel: Die Komsa Sachsen AG sei stark bei der Instandsetzung und Reparatur von Mobilfunkgeräten. Über die IMEI-Nummer, das ist die eindeutige Identifikationsnummer eines Mobilgeräts, erhalte sie Informationen, die es ermöglichten, das Ersatzteil, das sie für den Kunden benötigten, zeitgleich mit dem Telefon vor Ort zu haben, was per Express ankomme. Wimmer weiter: „So kann innerhalb von einer halben Stunde bis zu einer Stunde mit der Reparatur begonnen und damit ein 24h-Versprechen gegenüber dem Kunden gehalten werden.“

Mitarbeiter-Wunsch: Mehr Anspruch auch im Lager

Die Wichtigkeit von IT und Software in diesem Prozess stehe auch laut Umfrage außer Frage: Der Aussage ‚Ohne den zunehmenden Einsatz von IT- und Softwaresystemen ist die Umsetzung moderner Arbeitskonzepte unmöglich‘ stimmen immerhin 93 % der Befragten zu. 87 % sehen einen starken Nutzen der IT bei der Automatisierung von Routinetätigkeiten, was auch dem Wunsch nach einer sinnvollen Arbeit nachkommt, da mehr Zeit für anspruchsvollere Tätigkeiten bleibt. Diesen Vorteil erlebt auch Peter Frerichs, Leiter des Geschäftsbereichs Inventory & Supply Chain bei Inform: „In unseren Projekten erleben wir häufig ein regelrechtes ‚Aufatmen‘ bei den Mitarbeitern, wenn die neue Software für das Bestandsmanagement einen Großteil der Arbeit eigenständig übernimmt.“

Auch die ungeliebte Nachtschicht im Krankenhaus kann durch ein innovatives Logistik-System abgeschafft werden. - Bild:  Hänel
Auch die ungeliebte Nachtschicht im Krankenhaus kann durch ein innovatives Logistik-System abgeschafft werden. - Bild: Hänel

Effizient dank innovativer Logistiksystem

Doch nicht nur in den Logistik-Unternehmen selbst wird ‚New Work‘ als moderne Management- und Arbeitsmethode umgesetzt. Oft ermöglicht erst der Einsatz moderner Logistik-Systeme und deren nahtloses Zusammenspiel mit den individuellen Kundengegebenheiten eine Erleichterung der Arbeitsbedingungen. Dazu Andreas Krause, Hänel Büro- und Lagersysteme: „Unsere Lagerlösungen ermöglichen unseren Kunden durch die Integration in deren Logistikprozesse oftmals eine Flexibilisierung der Arbeit.“ So könnten zum einen Verschwendung, beispielsweise durch unnötige Suchzeiten oder umfangreiche Inventurarbeiten vermieden und die Arbeiten zudem auch attraktiver gestaltet werden.

Verzicht auf ungeliebte Nachtschicht möglich

„In Krankenhäusern, die auf sterilisierte Instrumente für die bevorstehenden OPs angewiesen sind, haben innovative Logistik-Systeme und die Weiterentwicklung bestehender Logistik-Abläufe stark dazu beigetragen, dass die Arbeitsabläufe flexibilisiert und die Belastung der Mitarbeiter reduziert werden konnte. Viele Krankenhäuser oder Sterilisations-Dienstleister konnten auf diesem Weg zum Beispiel die unattraktive Nachtschicht einsparen, ohne dass es bei der Sterilgutversorgung dadurch zu Engpässen kommt.“ Auch hier entstünden Kosten- und Kapazitätsvorteile. Das Plus an Transparenz und die Automatisierungsmöglichkeiten, die diese Logistiksysteme mit sich bringen, sei eine der Grundlagen für ‚New Work‘.

Tipps für mehr Flexibilität

Christian Brauneis, Vice President Business Unit Industry bei Knapp, sieht einen weiteren Grund für die Notwendigkeit neuer Arbeitsmethoden: „Zunehmender Individualisierungswunsch und die damit verbundenen Variantenvielfalt sowie die Ungewissheit über die Entwicklung der Stückzahlen stellen die Produktion und insbesondere die Automobilproduktion vor neue Herausforderungen. Die Autobauer der Zukunft müssen die Fertigungslinien sehr dynamisch arrangieren. Aufgrund dieser Trends bekommen Begriffe wie Sequenz, Verfügbarkeit, Null-Fehler-Strategie und Flexibilität eine ganz andere Bedeutung.“

Immer weniger Planbarkeit

Trotz abnehmbarer Planbarkeit müssten die Systeme flexibler und in der Lage sein, sich anzupassen. Das automatische Lagersystem OSR Shuttle Evo könne an unterschiedliche Leistungsbedarfe und Volumina angepasst werden und biete dadurch Flexibilität. Die Fertigungslinie, die den Takt vorgibt, wird es in Zukunft in vielen Fällen nicht mehr geben. Stattdessen könnte die Logistik die Fertigung takten und die Entscheidung, was am effektivsten gebaut wird, wird von aktuellen Bestandszuständen und der Verteilung auf der Fläche abhängig gemacht.“

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