| von Dietmar Poll

Wer hätte das gedacht? Digitalisierung, Industrie 4.0, Digital Twin, Smart Factory, Digitale Fabrik, Simulationen und Lokalisierung sollen eigentlich die Wertschöpfung in der Industrie erhöhen. Und nun? Ebnen diese Tools der Industrie, ihre Produktion trotz Coronavirus überhaupt wieder hochfahren zu können. Denn ein Real-Time-Location-System-Plattform-Anbieter für zentimetergenaue Echtzeit-Lokalisierung nutzt den digitalen Zwilling und stellt eine Social Distance Management Software App (SDM) zur Verfügung. Ein weiteres Unternehmen bringt einen CoronaTracer auf den deutschen Markt.

Mittels SDM können Mitarbeiter in Produktions- und Logistikhallen aktiv den Mindestsicherheitsabstand einhalten und somit vor neuen potenziellen Infektionen geschützt werden. In Worst-Case-Szenarien lassen sich sogar Direktkontakte nachvollziehen, um sofortige Notfall-Maßnahmen einzuleiten. "Damit ist Betrieben eine sofortige und sichere Arbeitswiederaufnahme unter den gesetzlich vorgeschriebenen Maßnahmen möglich", sagt Ersan Günes, Managing Director der IntraNav GmbH.

Digitaler Zwilling: Der Mensch wird im Social-Distance-Management lokalisiert

Basis ist eine digitale IoT-Plattform für die Smart Factory, spezialisiert für Anwendungen, die eine präzise Echtzeit-Indoor- und Outdoor-Lokalisierung benötigen. Dies ist zum Beispiel bei der Optimierung von Produktions- und Logistikprozessen der Fall. Die unter RTLS (Real-Time Locating System) bekannte Systematik wird überwiegend zur automatischen Identifizierung von Produktionsgütern, Halbzeugen und Transporten innerhalb von Lieferketten genutzt.

Das RTLS ist eines der wichtigsten Bestandteile des digitalen Zwilling auf dem Weg zur autonomen Fabrik. Immer mehr Unternehmen implementieren RTLS IoT-Plattformen in Ihre Lager und Produktionen. Unter dem Schlagwort 'Digital Supply Chain' gibt es zahlreiche Anwendungen zur Optimierung von Transportaufträgen, Reduktion von Fehlern und Steigerung der Prozess-Flexibilität.

Wie funktioniert die Echtzeit-Lokalisierung?

Die Echtzeit-Positionsdaten werden hierbei mit eigens entwickelten winzigen Tracking-Sensoren – den sogenannten UWB-Tags erzeugt. UWB steht für Ultra-Wideband und ist eine Funktechnologie, die bereits im neusten iPhone sowie in modernen Autoschlüsseln ihren Einsatz findet.

Intelligente Algorithmen erzeugen aus diesen simplen Funksignalen sehr präzise Ortungsdaten, mit denen eine Distanzinformation für den Sicherheitsabstand in Form einer virtuellen Schutzzone - auch 'Geofence' genannt - erzeugt werden kann, um Risken der Infektionsübertragung zu minimieren - ganz im Sinne des Robert Koch-Instituts (RKI).

Digitaler Zwilling lokalisiert bis auf wenige Zentimeter genau

„Einige Kunden profitieren bereits von der kostenfreien Bereitstellung der Social-Distance-Management-App, wie beispiesweise aus Agrar-, Maschinenbau- und Automobilindustrie", erläutert Managing Director Gonzalo Ibarra.

"Durch die schnelle und flexible Skalierbarkeit bieten wir Unternehmen eine Implementation für bis zu 400.000 Mitarbeiter pro Standort. Die auf Ultra-Wideband basierende IntraNav RTLS Technologie hat heute bereits einen deutlichen Vorsprung gegenüber anderen Ortungstechnologien wie WLAN oder Bluetooth. Denn das Signal birgt keine Gesundheitsrisiken, interferiert nicht mit anderen Technologien und liefert bis zu ± zehn Zehntimeter genaue Positionsdaten, was für die aktuellen Sicherheitsvorkehrungen von größter Bedeutung ist", sagt Ibarra.

Social-Distance-Management von zwei Mitarbeitern, deren Position bestimmt wird und optisch dargestellt wird, dass sie genügend Sicherheitsabstand einhalten.
UWB Tracker (Tags) kommunizieren mit der RTLS Antenne (Intranav Node), lesen anonymisiert und datenschutzkonform Echtzeit-Standortdaten aus und geben diese an die RTLS Plattform weiter. Die im Bild grün dargestellten Geofences (virtuelle Sicherheitszonen) gewährleisten das Einhalten des notwendigen Sicherheitsabstandes von 1,5 bis zwei Meter. - Bild: Intranav

Wie schnell kann SDM zur Lokalisierung eingesetzt werden?

SDM kann innerhalb weniger Tage zum Einsatz kommen. Voraussetzung ist die Installation von RTLS Accesspoints in den zu überwachenden Bereichen, sowie die Ausstattung der Mitarbeiter mit UWB-basierten TAGs. Das sind ultraleichte Wearables, tragbar als Armband oder Lanyard. Zudem muss noch die Intranav.IO Plattform installiert werden.

„IntraNav will Mitarbeiter schützen und stellt aus diesem Grund die Social Distance Management App für alle Neu- und Bestandskunden kostenfrei zur Verfügung. Benötigt wird hierzu die Intranav.IO-Plattform Suite mit jeweils einem UWB Tag-Sensor pro Person“, sagt Günes und ergänzt: „Um den aktuellen Kostenapparat der Unternehmen so gering wie möglich zu halten, lohnt sich eine individuelle Kostengegenrechnung von analogen Präventionsmaßnahmen wie Mund-Nasen-Bedeckung oder Handschuhen zu digitalen Präventionsmaßnahmen. Wichtig ist uns daher, dass wir jedes Unternehmen mit unserer kostenfreien SDM-Lösung mit höchst zuverlässiger Datensicherheit unterstützen."

Social-Distance-Management von zwei Mitarbeitern, deren Position bestimmt wird und optisch dargestellt wird, dass sie genügend Sicherheitsabstand einhalten. Der Tag gibt ein Alarmsignal aus, sollte der Sicherheitsabstand unterschritten werden.
Der Intranav Tracker (Tag) gibt bei Unterschreiten des Sicherheitsabstandes ein Alarmsignal aus, dies wird durch die virtuelle Sicherheitszone (Geofence) erkannt und über die RTLS-Plattform ausgelöst. - Bild: Intranav

Datenschutzkonforme Informationen über die Lokalisierung von Menschen

Die Ortungsdaten werden anonymisiert erzeugt und haben keinen Bezug auf Personen oder persönliche Daten. Die Software verhält sich wie ein gekapseltes System und gibt nur im Gefahrenfall eine Warnung heraus. Dritte haben keinen Zugriff. Nur die Nutzer entscheiden, wie und wofür ihre Daten weiterverwendet werden können.

Welche COVID-19 Sicherheitsmaßnahmen mithilfe von SDM befolgt werden können

  • Kontakt-Reduktion: Vermeidung von Personenansammlungen und Vorgabe/Vorschlag individueller Laufwege
  • Persönliche Abstands-Schutzzone: Optische und akustische Warnung bei Unterschreiten des Sicherheitsabstandes
  •  Antizyklischer Personenverkehr: Vermeidung von durch Stoßzeiten ausgelösten Menschenansammlungen, SDM kann Personenbewegungen antizyklisch steuern. Warnbereichs-Ampeln können zusätzlich helfen, um die Gefahrenstufe des jeweiligen Bereichs zu visualisieren.
  • Risikogruppen meiden und gleichzeitig schützen: Mitarbeiter, die zu einer Risikogruppe gehören können aktiv umlaufen werden und unnötiger Kontakt vermieden werden. Ebenfalls kann eine sofortige Quarantänezone erzeugt werden, um erkrankte Personen zu isolieren und gesunde Personen von Ihnen fernzuhalten
  • Infektionsketten zurückverfolgen: Aufenthaltsbereiche und Kontaktzonen von COVID-19 erkrankten Personen können zurückverfolgt, ermittelt und gesperrt werden. Diese können anschließend für alle anderen Mitarbeiter gesperrt werden. Personen, die Kontakt mit den Aufenthaltsbereichen der erkrankten Person hatten, können benachrichtigt werden, um zusätzliche Schutzmaßnahmen zu treffen
  • Detektion kontaminierter Werkzeuge/Materialien: Arbeitsmaterialien infizierter Personen können detektiert und durch einen Schutzradius gesperrt werden
  • Keyless Entry: RTLS IoT Plattform kann an Öffnungssysteme angekoppelt werden, um Türen, Tore und Arbeitsplatz-Vorrichtungen automatisch und berührungsfrei zu öffnen, einzustellen oder umzurüsten
  • Mit Abstand an die frische Luft: Ähnlich wie eine Smartwatch kann SDM Mitarbeitern eine Empfehlung geben, sich an die frische Luft zu begeben und sich für einige Zeit dort aufzuhalten. Dies geschieht antizyklisch, um keine Menschenansammlungen zu erzeugen
  • Hygiene-Vorschriften einhalten: Die App gibt Hinweise zur Einhaltung der Hygienerichtlinien

Information über Position technisch leicht umsetzbar

Einen ähnlichen Weg geht der Optimierungsspezialist Inform mit seinem Corona Tracer. Die kleinen Geräte stellen die Alternative in Sachen Infektionsschutz zu Tracking-Apps auf Smartphones dar. Indem sie Kontakte zwischen Mitarbeitern erfassen, können Unternehmen gezielt dem Coronavirus SARS-CoV-2-Arbeitsschutzstandard nachkommen und Infektionsschutz gewährleisten, ohne pauschale Beschäftigungsverbote und Betriebsschließungen zu riskieren.

Corona Tracer sind kleine, wartungsfreie Geräte etwa in der Größe einer Streichholzschachtel, die Mitarbeiter wie ihren Mitarbeiterausweis am Körper tragen. Sie zeichnen Annäherungen auf weniger als zwei Meter zwischen Mitarbeitern anonym und ohne GPS auf. Dabei wird die Zuordnung jedes Geräts zu dem jeweiligen Mitarbeiter nur an einer vertrauenswürdigen Stelle im Unternehmen hinterlegt. Mit Hilfe der Geräte lassen sich bei Infektionsfällen die Kontaktpersonen der letzten zwei Wochen nachvollziehen und somit Gefährdungslagen beurteilen.

„Covid-19 kam überraschend, doch Unternehmen sind dem Virus nicht hilflos ausgesetzt“, sagt Dr. Jörg Herbers, Mitglied der Geschäftsleitung beim Softwarehersteller Inform.
„Covid-19 kam überraschend, doch Unternehmen sind dem Virus nicht hilflos ausgesetzt,“ sagt Dr. Jörg Herbers, Mitglied der Geschäftsleitung beim Softwarehersteller Inform. - Bild: Inform

Coronavirus legt Industrie nicht weiter lahm

„Covid-19 kam überraschend, doch Unternehmen sind dem Virus nicht hilflos ausgesetzt,“ sagt Dr. Jörg Herbers, Mitglied der Geschäftsleitung beim Softwarehersteller Inform. „Wir wollen Organisationen helfen, die aktuelle Krise zu meistern. Darum haben wir Lösungen entwickelt, die wir in diesen besonderen Zeiten schnell und unbürokratisch zur Verfügung stellen können.“ 

Die aufgezeichneten Daten werden nach Gerätecode gespeichert und nur im Falle einer Infektion von der zuständigen Personalabteilung ausgelesen, um eine mögliche innerbetriebliche Infektionskette nachverfolgen und die Ausbreitung des Virus stoppen zu können.

So können Betriebe ihren Verpflichtungen in Bezug auf Arbeits- und Infektionsschutz nachkommen. Dabei müssen sie weder mobile Applikationen auf den privaten Smartphones der Belegschaft installieren, noch werden Daten außerhalb der Arbeitszeit aufgezeichnet. CoronaTracer können stand-alone oder integriert mit Inform-Systemen für eine intelligente Personaleinsatz- und Schichtplanung betrieben werden.

Sofort einsetzbare Technologie für die Corona-Zeit

Corona Tracer sind sofort einsatzbereit, müssen nicht gewartet oder aufgeladen werden und haben eine Laufzeit von sechs bis zwölf Monaten bei typischen Arbeitszeiten. Deshalb werden im Betrieb keine Ladestationen für die Geräte benötigt. Falls der Infektionsschutz länger erforderlich ist, können neue Corona Tracer eingesetzt werden. Die alten Geräte werden zurückgenommen und recycelt.

"Während eine Lösung per App eine Installation auf privaten Smartphones oder die Anschaffung von teuren Firmenhandys bedeuten würde, schützen Corona Tracer die Privatsphäre der Mitarbeiter, da sie speziell für das Arbeitsumfeld kreiert sind und nur dort zum Einsatz kommen sollen. Die Lösung wird höchsten Anforderungen an Datenschutz und Diskretion gerecht", erläutert Herbers.

Intelligente Planung mit System zur Vermeidung weiterer Infektionen

Mit Hilfe des Infektionsschutzpaketes in Workforce Plus lassen sich zudem Quarantänemaßnahmen in der Personaleinsatzplanung hinterlegen. Workforce Plus beschleunigt eventuell erforderliche Umplanungen durch Planungsassistenten und intelligente Algorithmen.

Es ermöglicht die Hinterlegung weiterer Infektionsschutzmaßnahmen, beispielsweise Maximalbesetzungen pro Betriebsbereich zur Einhaltung von Sicherheitsabständen und mobile Zeiterfassung zur Vermeidung von Menschenansammlungen vor Zeiterfassungsgeräten.

Fazit: Lokalisierung mittels digitalem Zwilling

Echtzeit-Ortungsdaten zum Einsatz von Mitarbeiter-Infektionsschutz sind der Schlüssel zur COVID-19 Prävention und zum nachhaltigen Fortbestehen von Unternehmen. Professionelle, zuverlässige und datenschutzkonforme Abstandskontrolle durch ein integriertes Warnsystem ermöglicht die Reduzierung von Neuinfektionen sowie effizientes COVID-19 Management.

Somit ist ein schneller Wiedereinstieg und die Aufnahme von Logistik-, Produktions- sowie weiteren Unternehmensabläufen unter Einhaltung der vorgeschriebenen Hygiene-Maßnahmen möglich.

Digitaler Schatten oder Zwilling? Egal, auf den Inhalt kommt es an: Die virtuelle Welt erschließt auch bei der COVID-19-Pandemie Möglichkeiten, neue Infektionen mit dem Coronavirus im Vorfeld zu vermeiden, so dass mit dem Virus infizierte Menschen keine anderen Mitarbeiter anstecken können.

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