Rittal

"Wie schaffen das": BMW, Rittal und Lapp griffen den Slogan der Bundeskanzlerin auf und machten sichtatkräftig an die Integration von Flüchtlingen. - Bild: Rittal

Aktualisiert am: 12. Mai. 2020

‚Work Here!‘ von BMW ist dabei das wohl größte aber auch kostspieligste Integrationsprojekt. Bis zu 500 Flüchtlinge jährlich können an mehreren BMW-Standorten ein mehrwöchiges Praxistraining absolvieren. Doch auch kleinere Unternehmen tun das Ihrige: Kaeser Kompressoren vergibt 20 von 80 Ausbildungsplätzen an Flüchtlinge. Kabelhersteller Lapp bildet drei Flüchtlinge jährlich aus. Esta Apparatebau, 175 Mitarbeiter, besetzt jede vakante Stelle mit einem Flüchtling – bis die selbstgesetzte Zwei-Prozent-Quote erfüllt ist.

Warum nicht alle Praktikumsplätze besetzt werden konnten

Rittal ist bereits beim zweiten Eingliederungs-Durchgang und unterstützte mit den gewonnenen Erfahrungen den Kreis, der wiederum ein standardisiertes Kompetenzerfassungsverfahren für Flüchtlinge entwickelte – und damit einen wesentlichen Baustein zur Integration lieferte.

Friedemann Hensgen, Vorstandsvorsitzender der Rittal Foundation, erläutert die Einstiegshürde Kompetenznachweis: „Die Bewerber kamen ohne aussagekräftige Unterlagen zu uns. Sie konnten uns ihre beruflichen Kenntnisse und Fähigkeiten nicht darstellen.“ Bei BMW konnten aus ähnlichen Gründen nicht alle Praktikaplätze vergeben werden.

Flüchtlinge bei gemeinsamer Arbeit bei Rittal
Rittal: Flüchtlinge erlernen erste Fertigkeiten der Metall- und Elektrotechnik. - Bild: Rittal

„Die Realität ist ein Stück weit ernüchternd. Wer über welche Kenntnisse und Fähigkeiten verfügt, kann nur grob eingeschätzt werden“, sagt Inga Jürgens, Leiterin Personalstrategie und -politik bei der BMW Group.

Die Bundesagentur für Arbeit geht die Erfassung der Flüchtlinge inzwischen offensiver an: „Meine Kollegen gehen in Erstaufnahmeeinrichtungen und Sammelunterkünfte und sprechen Flüchtlinge an und nehmen deren Daten auf“, berichtet Susanne Eikemeier, Pressesprecherin der Bundesagentur für Arbeit.

Lapp UI

Tests und Gespräche im Unternehmen (3 Tage), theoretische und praktische Aufgaben zur Teamfähigkeit, PC-Kenntnissen, technischem Verständnis (Montage von Baugruppen)

Einstiegsqualifizierung (wird von Arbeitsagentur oder IHK unterstützt), Dauer 6 Monate bis 1 Jahr

Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer sowie zum Fachinformatiker

Nur in Baden-Württemberg gibt es die Einstiegsqualifizierung bis 35 – ansonsten ist 25 die Obergrenze, dabei verlieren Flüchtlinge häufig viel Zeit

Fachliche und sprachliche Kenntnisse erwerben

Noch ist die Zahl der Unternehmen, die sich der Jahrhundertaufgabe Integration stellen, klein, doch sie alle haben Vorbildcharakter. Die verschiedenen Herangehensweisen zusammengenommen bilden einen Maßnahmen-Strauß, der zum Nachahmen einlädt: Das Beispiel BMW zeigt, wie es mit der Kombination aus interkulturellem Training und mehrwöchiger Integration in die Fachabteilungen, gelingen kann, Flüchtlingen einen ersten Einblick in verschiedene Berufsfelder zu vermitteln, Berührungsängste abzubauen und bei der Orientierung am Arbeitsmarkt zu helfen.

„Wir wollen Geflüchteten zeigen, welche persönlichen und beruflichen Qualifikationen sie benötigen, um beruflich in Deutschland Fuß zu fassen“, sagt die Projektleiterin Jür­gens. Ganz nebenbei erwerben sie dabei auch fachliche und sprachliche Kenntnisse. BMW startet ‚work here!‘ mit einem 2-tägigen Training für die Vermittlung interkultureller und sozialer Schlüsselqualifikationen.

Kontakte werden schnell geknüpft

Jedem Flüchtling wird über die gesamte Projektdauer ein Partner aus einer Fachabteilung zugeordnet. „Der Kontakt wird schnell eng“, berichtet Jürgens. Wenn man täglich sechs Stunden miteinander verbringt, kommen eben auch persönliche Themen zur Sprache. „Es gibt so viel Unwissen. Hinter jedem Geflüchteten steckt eine Geschichte. Unsere Kolleginnen und Kollegen sprechen in Zukunft anders über das Thema Integration“, so Jürgens.

Positive Erfahrungen für alle Beteiligten

Anschließend werden die Flüchtlinge in die Fachabteilungen verteilt und arbeiten dort einige Wochen lang mit. Gleichzeitig erhalten sie täglich zwei Stunden Sprachunterricht. Bei der Auswahl der Flüchtlinge unterstützte die Arbeitsagentur: „Bevor die Flüchtlinge zu uns kommen, unterzieht sie die Bundesagentur für Arbeit einem Matching“, erläutert die Personalleiterin. BMW erwartet erste berufliche Erfahrungen und grundlegende Sprachkenntnisse, schließlich sollen die Teilnehmer mehrere Wochen in den Abteilungen verbringen und bestmöglich mit einbezogen werden.

Das Projekt endet mit einem Zertifikat für jeden Teilnehmer, „für viele das erste schriftliche Zeugnis, eine große Hilfe bei der Arbeitssuche“, sagt Jürgens, die die Projektteilnehmer als überwiegend lern-willige, fröhliche und begeisterungsfähige Menschen erlebte. Kulturunterschiede zeigten sich beim freiwilligen Bewerbungstraining und beim Thema Pünktlichkeit: „Viele waren erstaunt, dass erstklassige Leute von uns erst 30 Bewerbungen verschicken mussten, bevor sie eine Stelle fanden “, berichtet Jürgens.

BMW: Work Here!

  • Voraussetzungen: Deutsch Level A2 (Grundlegende Kenntnisse), erste berufliche Erfahrungen, seit max. 4 Jahre in Deutschland
  • Bundesagentur für Arbeit berät zu rechtlichen Fragen, wie Lohnzahlung, Zulassungskontrolle, Matching der Teilnehmer …
  • Auswahl der geeigneten Fachabteilungen und Mentoren
  • 2 Tage interkulturelles Training ‚Leben und Arbeiten in Deutschland‘
  • 9 Wochen Mitarbeit in den Fachabteilungen, täglich 6 Std.
  • Sprachkurs: täglich 2 Stunden in Kleingruppen
  • ½ Tag Bewerbungstraining
  • Fachliche Zusatzqualifizierung (wie zum Beispiel MS-Office)
Ausblidungssituation bei der Firma Lapp
Laut IW Consult beschäftigen etwa sieben Prozent der deutschen Unternehmen Flüchtlinge oder haben dies in den vergangenen fünf Jahren getan. - Bild: Lapp

Der Kabelhersteller Lapp wiederum bildete einen Eritreer aus, ohne dabei an ein Integrationsprojekt gedacht zu haben. Tedros Gebru stammte einfach aus Asmara, so wie ein anderer Kollege eben aus Ludwigsburg kommt. Doch im Rahmen der Flüchtlingsdiskussion entschloss sich die Familie Lapp, systematischer vorzugehen.

Die IHK unterstützt das Unternehmen inhaltlich und finanziell bei der Vorqualifizierung der Asylanten im Unternehmen, die zwischen sechs und zwölf Monaten dauern kann. „Jobsuchende Flüchtlinge kommen nicht nur über die Bundesagentur für Arbeit zu uns, es fragen auch Flüchtlinge über private Kontakte, Schulen oder Helfer-Initiativen nach“, berichtet Thilo Lindner, Technischer Ausbilder im Suttgarter Kabelwerk. Auch bei Lapp werden die Interessenten erst einmal auf technisches Grundverständnis, Teamfähigkeit und Sprachkenntnisse getestet. Ist diese Hürde bestanden, sieht Lindner keine gravierenden Probleme bei der Integration.

Flüchtlinge sollen besser in den Arbeitsmarkt integriert werden

Eine Gruppe von Arbeitern der Gruppe BMW begrüßt ausländisch aussehenden Mann per Handschlag
Verfügt man nicht über die Ressourcen einer BMW, könnte das mittelständische Unternehmen Rittal ein geeigneteres Vorbild sein. Die Herangehensweise des Rittal-Teams beschreibt Hensgen als ‚pragmatisch‘. - Bild: BMW

Noch handelt es sich um vereinzelte Aktivitäten. Die erfolgreiche Integration von Hunderttausenden ist damit nicht erreicht. „Ich bin ein bisschen enttäuscht, dass sich seitens der Unternehmen so wenig tut“, so Hensgen, „Integration ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Es kann nicht sein, dass jeder Kreis auf sich alleine gestellt bleibt.“ Er hofft, dass künftig die Arbeitsagenturen und Kammern aktiv auf die Unternehmen zugehen, um die Menschen schneller und besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Rittal & Hessen: Chance Arbeitsmarkt

Das Projekt ‚Chance Arbeitsmarkt‘ ist ein durch das Land Hessen gefördertes Modellprojekt im Rahmen einer interkommunalen Zusammenarbeit des Lahn-Dill-Kreises und des Landkreises Limburg-Weilburg.

  • Die beiden kommunalen Gesellschaften GWAB und GAB führen Checks und Erstgespräche mit allen dem Arbeitsmarkt zu Verfügung stehenden Flüchtlingen durch. Neigungen, Kenntnisse, Fähigkeiten und Bildungsstatus werden in standardisierten Profilen in einer Datenbank abgelegt. Auf die Datenbank greifen Arbeitsagenturen zu. So können auch kleineren Unternehmen Kandidaten zugeführt werden. GWAB und GAB führten bereits über 1 000 Interviews
  • Kompetenzfeststellung als Grundlage einer Handlungsplanung
  • Individuelle arbeitsmarktbezogene Qualifizierungsmaßnahmen bei GWAB und GAB sowie Kooperationsbetrieben

Einer, der sich zu wenig unterstützt fühlt, ist Dr. Christoph Fleig, Geschäftsführer von Volz, einem 400 Mann starken Hersteller von Rohrverschraubungen. „Wir würden gerne Flüchtlinge in unser Unternehmen integrieren. Wir hätten sogar arabisch-sprachige Mitarbeiter, die dabei helfen würden.“ Allerdings sei der bürokratische Aufwand enorm und aus seiner Sicht für kleinere Unternehmen nicht zu leisten. „Es fehlt an Rechtssicherheit und anfänglicher finanzieller Unterstützung“, ergänzt Fleig.

Im südlichen Baden-Württemberg herrsche Vollbeschäftigung. Nicht nur in der Zulieferindustrie, auch in pflegerischen oder haushaltsnahen Bereichen würde weniger Bürokratie allen Beteiligten helfen. Hensgen kann das nachempfinden: „Handwerker oder kleine Unternehmen sind sicherlich überfordert, sich durch den Formulardschungel hindurchzuarbeiten.“

Unternehmen können Hilfe bei Integration annehmen

Eikemeier hingegen sieht seitens der Arbeitsagenturen keine Hürden: „Will ein KMU etwas für die Integration tun, können wir ihm gerne weiterhelfen. Der Arbeitgeberservice vor Ort berät über die unterstützenden Leistungen, die ein Arbeitgeber bekommen kann.“ Außerdem sei unter dem Stichwort ‚Beschäftigung von geflüchteten Menschen‘ auf der Internetseite der Bundesagentur für Arbeit zu finden, was bei Praktika zu berücksichtigen ist, oder bei ausbildungsvorbereitenden Maßnahmen, wie es mit einem Eingliederungsvorschuss ist, oder dem Spracherwerb.

Laut Eikemeier stehen der Integration andere Hindernisse im Wege: „Viele geflüchtete Menschen sind sehr daran interessiert zu arbeiten, andere zu traumatisiert und viele sprechen nach 4 bis 5 Monaten noch zu wenig deutsch.“

Gerne publizieren wir auch Ihre Erfahrungen bei Integrations-Projekten. Schreiben Sie uns: redaktion@produktion.de

Die Kompetenzerfassung ist eine große Herausforderung. Die geflüchteten Menschen bringen kein IHK-Zertifikat unterm Arm mit. Der Beruf der Bürokauffrau – der in den seltensten Fällen in Frage kommen würde – ist im Heimatland sicher nicht ausgebildet worden.

Das heißt, es ist ein Schritt-für-Schritt-Heranführen an den Arbeitsmarkt, vielleicht mit Teilqualifikationen. Das wichtigste ist die Sprache, bis wir dabei soweit sind, vergehen mehr als ein paar Monate. Realistisch ist die Gewinnung von Fachkräften aus der Personengruppe der geflüchteten Menschen eine Aufgabe, die uns die nächsten Jahre begleiten wird.“

Susanne Eikemeier, Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit