Werner Bick, ROI

Prof. Werner Bick ist Generalbevollmächtigter bei der Unternehmensberatung ROI. - Bild: ROI

Herr Prof. Bick, wie weit sind die Großkonzerne in Sachen Industrie 4.0?

Bick: In Summe muss man attestieren, dass in der Großindustrie das Thema Industrie 4.0 so langsam angekommen ist. Wobei auch dort viele Unternehmen sich noch in der Selbstfindungsphase befinden. Das heißt, viele Konzerne klappern noch die Möglichkeiten ab, die ihnen die Digitalisierung bietet. Also auch die Großindustrie ist bei Weitem davon entfernt, dass Industrie 4.0 flächendeckend im Einsatz ist. Aber - und das haben wir ganz klar festgestellt – nimmt das ganze Thema an Fahrt auf. Gerade die großen Firmen beginnen, sich intensiv damit zu beschäftigen.

Und wie sieht es bei den kleinen und mittelständischen Unternehmen aus?

Bei kleinen und mittelständischen Unternehmen wird das ganze Thema Industrie 4.0 eher noch zurückhaltend betrachtet. Es ist immer der Kampf um die Ressourcen. Denn wenn man solche Themen bearbeiten will, braucht man immer die guten Leute. Doch diese sind typischerweise immer auf sehr wichtigen Projekten unterwegs, die nachweislich Erfolg bringen. Da jedoch immer eine gewisse Skepsis da ist, ob das Thema Industrie 4.0 überhaupt etwas bringt, stehen oft nicht die besten Leute für Industrie-4.0-Projekte zur Verfügung. Wenn das Aufwand-Nutzen-Verhältnis unklar ist, investieren gerade Mittelständler eher in Themen, bei denen sie schon einen klaren Business Case sehen.

Warum sollten sich kleine Unternehmen überhaupt mit dem Thema Industrie 4.0 befassen?

Wenn ich von einem guten mittelständischen Unternehmen ausgehe, dann haben die ihre Hausaufgaben gemacht. Das heißt, sie haben ihre Prozesse geordnet sowie standardisiert und sie arbeiten verschwendungsfrei. Industrie 4.0 ist ein weiterer Stellhebel den man gewinnbringend nutzen kann, um das eigene Unternehmen noch leistungsfähiger zu machen.

Was sind die Voraussetzungen, um Industrie 4.0 einzuführen?

Wenn man einen Saustall hat und diesen digitalisiert, hat man eben einen digitalisierten Saustall. Dann hat man nichts gewonnen. Alles wird nur noch komplexer. Das heißt, als Grundlage muss ich zweckmäßig standardisierte Abläufe haben. Die Unternehmen brauchen allerdings kein in allen Bereichen hundertprozentig umgesetztes Lean-Programm. Das ist wirklich nicht erforderlich. Gleichwohl müssen die Betriebe eine geordnete Unternehmensstruktur haben, die Abläufe innerhalb des Unternehmens müssen in einem sinnvollen Rahmen beschrieben sein. Aber das erwartet man heutzutage eigentlich von jedem Unternehmen. Denn sonst wären die Firmen einfach nicht mehr konkurrenzfähig. Je mehr die Firmen das Thema Lean verinnerlicht haben, umso einfacher werden sie es haben, um Industrie 4.0 einzuführen.

Wie wichtig sind Partnerschaften im Zusammenhang mit Industrie 4.0?

Partnerschaften sind im Zusammenhang mit Industrie 4.0 in jeglicher Hinsicht von immenser Bedeutung. Bei der Vielfalt der Spielarten sind selbst die Großkonzerne nicht mehr in der Lage, alles selber zu machen. Also sind Unternehmen gut beraten, zu den einzelnen Themenfeldern die entsprechenden Profis dazu zu holen. Wenn ich beispielsweise eine Cloud aufbaue gibt es gewisse Erfolgsmechanismen, die ich erst verstehe, wenn ich wirklich Ahnung davon habe. Ohne das entsprechende Know-how können Unternehmen hier sehr viel falsch machen. Darüber hinaus ist es einfach wichtig, die eigenen Erfahrungen mit anderen auszutauschen. Dafür bieten sich zum Beispiel Kongresse an. Auf diese Weise lassen sich Themen sehr gut gemeinschaftlich erschließen.

Mit welchen Investitionen müssen Unternehmen rechnen, wenn sie sich fit machen wollen für Industrie 4.0?

Es ist eine Mär, dass man für Industrie 4.0 Unmengen an Geld in die Hand nehmen muss. Wenn Unternehmen es richtig machen, ist genau das Gegenteil der Fall. Die Firmen profitieren hier nämlich von skalierbaren Lösungen.

Können Sie ein Beispiel dafür nennen?

Unternehmen können auf Software-as-a-Service setzen. Das heißt, sie müssen nicht einmal viel Geld in die Hand nehmen, um eine teure Software zu kaufen. Stattdessen zahlen sie nur dann, wenn sie die Software wirklich gebrauchen. Das erspart den Betrieben im Wesentlichen die Anfangsinvestitionen.

Gibt es also gar keine großen Anfangsinvestitionen?

Wo man anfangs wirklich investieren muss, ist Manpower – sowohl eigene, als auch externe. Dabei geht es darum auszuloten, was für das eigene Unternehmen tatsächlich was bringt und priorisieren, was geht man in welcher Reihenfolge an. Das ist für mich die eigentliche Investition. Hardwarekosten folgen erst danach und sind ohnehin viel kleiner, als die meisten Unternehmen glauben.

Treffen Sie Prof. Bick

Sie möchten mehr zum Thema "Industrie 4.0 im Mittelstand" erfahren? 

Sie möchten mit Prof. Bick über Industrie 4.0 diskutieren?

Sie wollen Ihr Unternehmen fit machen für die vierte industrielle Revolution?

Kommen Sie am 8. und 9. November zu "Industrie 4.0 leicht gemacht" - die Praxiskonferenz für kleine und mittelständische Unternehmen. Infos und Anmeldung hier.

Sind mit Manpower vor allem Software-Spezialisten gemeint?

Nein, vielmehr geht es in erster Linie darum, eine Idee zu entwickeln, was man mit der Technik alles anfangen kann. Es ist bei Industrie 4.0 ungefähr so, wie es vor 20 Jahren mit dem Internet war. Man hat ein Werkzeug und weiß eigentlich nicht, was man damit genau anfangen soll. Jetzt suchen die Firmen – wie damals beim Internet auch – nach Problemen, die sie mit dem Werkzeug lösen können. Und dafür brauchen die Unternehmen Manpower, also Leute, die sich mit dieser Fragestellung intensiv beschäftigen.

Wo sehen Sie die größeren Vorteile bei Industrie 4.0? In der Produktion selbst oder in den vor- und nachgelagerten Prozessen?

Man muss Industrie 4.0 im Endeffekt weiter spannen. Das ganze Thema umschließt die gesamte Gesellschaft – im Privaten, wie im Geschäftlichen. Im Privaten hat die Digitalisierung schon längst Einzug gehalten. Im Business-Bereich befinden wir uns jetzt an dem Punkt, wo nun eine gewisse Dynamik aufgekommen ist. Die Betriebe müssen sich jetzt die vielen potenziellen Felder anschauen auf denen sie mit Industrie 4.0 spielen können. Zum einen geht es um Abläufe, die man effizienter macht -  beispielsweise durch Elektronifizierung oder Software-Lösungen. Zum anderen geht es für die Unternehmen darum herauszufinden, was sie mit den digitalen Werkzeugen für neue Geschäftsmodelle oder Services anbieten können, die bisher vielleicht noch nicht so möglich waren. Beispielsweise könnten die Betriebe durch eine digitale Anreicherung des Produkts ihren Kunden einen Mehrwert bieten.

Müssen Geschäftsführer dabei ihren Fokus in ihren eigenen Betrieb richten oder müssen sie ihren Blick über die Unternehmensgrenzen hinweg richten?

Die Frage würde ich grundsätzlich im Bereich der Smart Factory einordnen, weil es primär nichts zu tun hat mit dem Themenfeld ‚neue Geschäftsmodelle‘. Vielmehr geht es darum, wie die Unternehmen ihre Partner in der Supply Chain mit Digitalisierungs-Werkzeuge besser an sich anbinden. Also wie kann ein Betrieb mit seinen Partnern einfacher, sicherer, schneller kommunizieren. Wie schaffe ich es, sie so anzubinden, das möglichst jeder weiß, was los ist und jeder die richtigen Entscheidungen trifft. Die eigentlichen Potenziale liegen mit Sicherheit darin, Partner in der Supply Chain über solche Digitalisierungswerkzeuge zu synchronisieren. Allerdings ist das die schwierigste Disziplin überhaupt.

Die Praxiskonferenz für kleine und mittelständische Unternehmen

Produktion heute kann nur wettbewerbsfähig bleiben, wenn sie möglichst wirtschaftlich ist. Das bedeutet, dass die Produktionsprozesse günstig und ohne Qualitätsverluste realisierbar sind. Moderne Werkzeugmaschinen und maßgeschneiderte Automatisierungslösungen sind daher die Grundlage der modernen Produktion.

Die richtige Lösung zu finden, ist schwierig. Mit der Veranstaltung „Industrie 4.0 leicht gemacht – die Praxiskonferenz für kleine und mittelständische Unternehmen“ zeigen wir, wie Automatisierung an der Werkzeugmaschine gelingt. 

Gekoppelt mit Fachvorträgen und Best-Practice-Beispielen  schlägt die Veranstaltung von 'Produktion' den Bogen vom individuellen Automatisierungskonzept bis zu Methoden der Industrie 4.0.

Wir laden Sie herzlich ein zum Erfahrungsaustausch, zum Lernen an der Maschine und zum gegenseitigen Dialog. 

Infos und Anmeldung hier.